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Ein Team verliert sein Gesicht

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Mit dem Auswärtsspiel beim DHB-Pokalsieger VfL Oldenburg endet am Samstag für die Neckarsulmer Sport-Union eine turbulente zweite Bundesligasaison. Dank fehlender Aufstiegskandidaten droht selbst auf dem vorletzten Rang schon lange kein Abstieg mehr. Doch viel von der Aufbruchstimmung und vom Glanz rund um das Aushängeschild des Vereins ist zuletzt verloren gegangen. Der rasante sportliche Aufstieg in den Profibereich hat das Umfeld überrollt. Als Ein-Mann-AG lässt sich der Bundesligabetrieb nicht managen. 

Zauberhafter Neuanfang

Im Sommer 2010 stand der Frauen-Handball in Neckarsulm vor dem Aus. Binnen eines Jahres war fast der gesamte Kader weggebrochen: Mit der verbleibenden Rumpftruppe ließ sich der Spielbetrieb nicht aufrechterhalten. Parallel dazu verfügte der Verein aber über einen herausragenden B-Juniorinnen-Jahrgang um Isabel Tissekker, Svenja Kaufmann und Helena Odenwald, der 2011 sogar die deutsche Meisterschaft feierte. Diese Spielerinnen wären über kurz oder lang für die Sport-Union verloren gewesen. 

Der persönlichen Initiative des Vereinsvorsitzenden Rolf Härdtner ist es zu verdanken, dass ein ambitionierter Neuanfang gelang. "Gebt mir vier Wochen, um ein Konzept zu erarbeiten“, sagte er damals nach eigener Aussage. Erste und wichtigste Personalie war die Verpflichtung von Emir Hadzimuhamedovic als Cheftrainer. Er hatte gerade als Interimscoach den VfL Sindelfingen vor dem Bundesliga-Abstieg gerettet, wollte aus beruflichen Gründen aber kürzer treten. Sein Bruder Edin, Spielertrainer der Neckarsulmer Männer, stellte den ersten Kontakt her. Der Neuaufbau eines Teams rund um die eigenen Talente reizte den erfahrenen Erst- und Zweitligacoach. "Herr Hadzimuhamedovic war erst schockiert, hat sich meine Pläne angehört, war dann begeistert“, sagte Härdtner im Dezember 2011.
Emir Hadzimuhamedovic lotste die bundesligaerfahrenen Femke Maedger, Martina Fritz und Nicola Freudemann als Führungsspielerinnen nach Neckarsulm. Sein Credo für die nächsten Jahre lautete: "Alles ist möglich, Grenzen nach oben gibt es nicht.“

Aufstiege im Rekordtempo:

Von 2010 bis zum Zweitliga-Aufstieg 2013 verlor die Sport-Union nur drei Ligaspiele. Mit regionalen Topspielerinnen wie Luisa Gerber und Lena Hoffmann sowie der bundesligaerfahrenen Hannah Breitinger wurde das Team gezielt weiter verstärkt. "Eine Mischung, die neben Qualität auch für Identifikation sorgt – und auf diesem sportlichen Niveau nicht selbstverständlich ist“, kommentierte die Heilbronner Stimme die Erfolgsgeschichte anno 2013. Eines machten die rasanten Durchmärsche allerdings auch deutlich: Der Kader war bis dahin immer locker eine Liga besser aufgestellt, als er aktuell spielte. 

Drei Jahre 2. Bundesliga:

Erstes Jahr Klassenerhalt, zweites Jahr Etablierung, drittes Jahr Aufstieg – der Masterplan ging im April 2016 voll auf. Nach dem ersten Zweitliga-Jahr hörte mit Martina Fritz zwar die uneingeschränkte Teamchefin auf, doch dank Hadzimuhamedovics Göppinger Kontakte wurde der Verlust mit den Verpflichtungen von Alena Vojtiskova, Melanie Herrmann, Seline Ineichen und Maike Daniels aufgefangen. Nach Platz vier im zweiten Jahr ging der Verein in die Offensive. "Bereit für den Gipfelsturm“ titelte die Heilbronner Stimme am 26. August 2015. Ein Vermarktungs- und Sponsorenkonzept unter dem Motto "Ein Team, ein Ziel“ brachte regelmäßig bis zu 1000 Zuschauer in die Ballei. Frauen-Handball war plötzlich "in“ – ein Marketing-Coup, von dem die Sport-Union noch heute zehrt. "Ich sehe in Neckarsulm die Möglichkeit, etwas Ähnliches zu erreichen wie in Leipzig“, sagte damals der Kreissparkassen-Chef Ralf Peter Beitner, einer der Hauptsponsoren des Clubs. 

Erstes Bundesligajahr:

Nach dem Auftaktsieg gegen eben jenen sechsmaligen deutschen Meister Leipzig erreichte die Euphorie ihren Höhepunkt. Doch warnende Stimmen waren bereits hörbar. "Die Sport-Union setzt bei ihrer neuen Bergtour weiter auf ganz viel Herzblut, aber wenig Hauptamtlichkeit – ein recht loser Haken, der bei viel Belastung ausreißen könnte“, schrieb die HSt am 31. August 2016. 

Nach dem furiosen Start wurde der Aufsteiger schnell zurechtgestutzt. Niederlagen wurden erstmals seit Jahren die Regel. Die Neuzugänge entpuppten sich als Fehlinvestitionen, es war keine spielerische Entwicklung erkennbar. Das Erfolgsrezept des überfallartigen Tempospiels funktionierte nicht mehr, ein Alternativplan fehlte.

Als Befreiungsschlag aus der Abwärtsspirale war eine Neuverpflichtung gedacht: Die Weltklassespielerin Iveta Luzumova sollte der neue Kopf des Teams werden, doch die Neckarsulmer zahlten hier auch abseits des Spielfelds Lehrgeld. Der Transfer scheiterte, der Grundpfeiler für höhere Ambitionen als den Klassenerhalt war weggebrochen.

Zweites Bundesligajahr:

Obwohl der Klassenerhalt nur mit Ach und Krach gelang und die Kritik an Emir Hadzimuhamedovic wuchs, hielt Rolf Härdtner unerschütterlich an seinem Freund fest, stattete ihn sogar mit einem üppig dotierten Dreijahresvertrag als Trainer und Sportlicher Leiter in Personalunion aus – obwohl er wusste: "Wir sind auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen. Wenn es schiefgeht, müssen wir sicher beide abtreten.“ Statt Verantwortung zu verteilen, eine Ausgliederung des Bundesligateams zu forcieren, hing nun alles an einer Person. "Emir macht alles. Er hat komplett freie Hand“, sagte Härdtner

Ein echter Plan für die Saison fehlte. Nach dem Luzumova-Fiasko war die Kaderplanung Stückwerk. Durch die Schwangerschaft von Alena Vojtiskova fiel eine weitere unersetzliche Stütze aus. Unabsehbar war das nicht, denn die Tschechin hegte schon länger einen Kinderwunsch. Stammkeeperin Melanie Herrmann kehrte nach einer Gehirnerschütterung nicht mehr zurück. Eigengewächs Isabel Tissekker verließ ihren Heimatverein Knall auf Fall in Richtung Nellingen. Ebenso schnell war die nachverpflichtete Dänin Mette Gravholt zurück in ihrer Heimat. "Hadzimuhamedovic konnte als Angestellter des Vereins seine Befugnisse und Freiheiten ohne Einschränkungen ständig erweitern. Keine funktionierende Instanz griff sichtbar steuernd ein und zeigte auch mal die Grenzen auf. Mit der Hereinnahme weiterer Vertrauter ins Trainerteam wurde eine Gemengelage erreicht, welche die Situation auf die Spitze trieb und aus dem Erfolgsweg wurde eine Sackgasse“, sagt der frühere Abteilungsleiter Alfred Bauer.

Anfang Februar trat Hadzimuhamedovic als Trainer zurück, blieb aber Sportlicher Leiter. Einige Spielerinnen fühlten sich von ihrem langjährigen Coach im Stich gelassen, der sich fortan nicht mehr bei der Mannschaft blicken ließ. Jugendleiterin Annamaria Ilyes wurde ausgerechnet vor den Spielen gegen die Topteams ins kalte Wasser geworfen, alleine gelassen und ging unter. Tanja Logvin übernahm als Interimstrainerin bis zum Saisonende. Pascal Morgant wurde als Coach für die nächste Saison verpflichtet. Die Mannschaft erfuhr davon aus den Medien. Wild wurden Neuverpflichtungen verkündet, während Aufstiegsheldinnen wie Breitinger und Gerber enttäuscht ihre Karrieren beendeten. Die Zukunft von Spielmacherin Maike Daniels ist noch immer offen – ebenso wie die von Emir Hadzimuhamedovic. Von einem Konzept kann angesichts des Personalchaos‘ keine Rede sein. Langjährige Stützen sind weg, das Team verliert sein Gesicht. Das Erfolgs-Image ist angekratzt. Gebraucht wird ein neuer Masterplan – wie anno 2010.

 

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