Stimmt.de

Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Die Fußballpionierin

Übersicht

Sie tragen Hijab und lange Röcke, als sie den Kunstrasenplatz betreten. Unter den Tüchern verstecken die Frauen ihre Sportkleidung. Erst auf dem Feld streifen sie die Gewänder ab. Bei einem Trainingsspiel tragen sie Trikots mit ihrem Namen: Golden Girls FC. Die Bilder, die im März 2018 von der Nachrichtenagentur AFP aufgenommen wurden, zeigen ein normales Training, das alles andere als normal ist. Denn an Fußball, geschweige denn an Frauenfußball, war in Somalia viele Jahre nicht zu denken. Das wusste auch Shaima Mohamed, 25 Jahre alt, Pionierin und Gründerin der Girls. 

Todsünde

Die gebürtige Somalierin wuchs in Kenia auf. Schon als Kind liebte sie den Fußball. Sie kickte mit ihren Freunden in der Schule. Nach ihrem Studium zog sie wegen ihrer Familie zurück nach Somalia. Dort fand sie Arbeit, aber kein Fußballteam, denn der Sport galt in ihrem Geburtsland, wo islamistische Terrormilizen wie Al-Shabaab und Hizbul Islam über weite Teile des Landes regierten, als Todsünde. Fans, die Spiele schauten, mussten mit Strafen rechnen. Einige Male wurden sogar Menschen getötet, weil sie Spiele im Fernsehen angesehen hatten. Al-Shabaab kontrolliert mittlerweile zwar weniger Gebiete, trotzdem kommt es immer noch zu Anschlägen. Mitte Juli starben 26 Menschen bei einem Selbstmordattentat.

Heirat und Haushalt

"Ein paar Leute haben mir erzählt, dass ich mein Leben riskieren würde, weil ich Frauen für ein Fußballteam suchte", sagt Mohamed. Aber sie ließ sich nicht entmutigen. Auch nicht, als beim ersten Training nur vier Spielerinnen auftauchten. Mohamed trainierte, spielte und organisierte. Kosten für das Equipment und die Platzmiete stemmte sie alleine oder durch Spenden. Die Gruppe wuchs: Aus den vier Spielerinnen sind mehr als 100 geworden. "Ich hatte das Gefühl, dass der Fußball das Leben vieler Somalierinnen verändern kann", sagt sie. "Sie sind nicht nur zum Heiraten und für den Haushalt da, jetzt glauben sie, dass sie mehr tun können als das." Bald wurde der nationale Verband auf die Girls aufmerksam und ernannte Mohamed 2018 zur Vorsitzenden des somalischen Frauenfußballs

Anfangs unterstützte der Verband die Girls finanziell, und Mohamed hatte viel vor, sie plante sogar ein Nationalteam. Doch der Geldfluss ebbte schnell wieder ab. Was Mohamed nicht wusste: Jeder nationale Verband kann jährlich Gelder bei der Fifa beantragen. Nach Recherchen der Sportschau wurden seit 2016 mehr als 300 000 US-Dollar an den somalischen Verband überwiesen, explizit wegen der Förderung des Frauenfußballs. Davon soll jedoch kein Cent bei den Golden Girls gelandet sein. "Unser Verband benutzte mich, um an mehr Geld von der Fifa zu kommen", glaubt Mohamed.

Als sie sich dazu öffentlich äußerte, meldete sich der Weltverband. "Die Fifa versprach, ein Friedensgespräch zu vermitteln, aber ich habe nichts mehr gehört", erzählt sie. Laut Fifa wurden die Gelder zwar wegen der Förderung der Frauen ausgezahlt, das Geld musste aber nicht zwingend in Frauenfußball investiert werden. Mittlerweile wurde die Regelung geändert und das Programm aufgestockt. Zu spät für Mohamed, die sich allein gelassen fühlt. Denn die Fifa reagierte auch nicht auf ihre Nachrichten, nachdem sie Besuch von somalischen Verbandsmitarbeitern auf ihrer Arbeitsstelle bei einem Fischereiunternehmen bekommen hatte. "Sie sprachen mit meinem Chef und wollten meine Familie treffen", sagt sie. Als sie danach einen anonymen Drohanruf bekam, flüchtete sie aus Somalia. Es sei ein Land ohne Gesetz, sagt Mohamed, und ohne Schutz musste sie die Bedrohung ernst nehmen. Heute lebt sie im Exil.

Der somalische Verband veröffentlichte im Frühjahr eine Pressemitteilung und wies Verbindungen zu den Drohungen zurück. Außerdem sei Mohamed nie Vorsitzende des Komitees für Frauenfußball gewesen. Über die Gelder der Fifa werden im Schreiben keine konkreten Angaben gemacht. "Sie haben versucht, mich als Lügnerin darzustellen", sagt Mohamed und verweist auf eine Ernennungsurkunde, die ihren Posten als Vorsitzende bestätigen soll und "11 Freunde" vorliegt.
Auf Anfrage teilt die Fifa mit, dass sie sowohl Mohamed als auch den somalischen Verband kontaktiert habe. Sie habe im Februar erfahren, dass beide Seiten in direkter Verbindung miteinander stünden, um die Angelegenheit zu klären.

Ziel WM-Teilnahme

Seit ihrer Flucht ist Mohamed von den Golden Girls getrennt, der Trainingsbetrieb in Somalia läuft weiter, bald sollen wieder Turniere stattfinden. Auf die Frage, wie es ihr damit geht, antwortet die Gründerin nüchtern: "Ich fühle mich nicht gut. Ich bin vor allem traurig wegen der Frauen in Somalia." Eines Tages möchte sie in ihr Geburtsland zurückkehren. Ihr Ziel ist die Teilnahme an der Fußball-WM der Frauen. Nicht als Spielerin, sagt sie, sondern als Trainerin

 

Galerien

Regionale Events