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Die zweite Zukunft

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Tyam schläft viel. Ihr Name bedeutet "meine Augen“. Auf dem Foto fällt aber zuerst ihr dichtes schwarzes Haar auf. Abdolmohammad Papi, Ringer beim Bundesligisten Red Devils Heilbronn, ist seit drei Wochen Papi dieses kleinen Mädchens.  Ehe er Spätzle mit Rahmsauce auf seine Gabel nimmt, zeigt er noch stolz ein Porträt von Paya. Der süße Lockenkopf mit den großen Knopfaugen ist zweieinhalb. Ab April geht er in den Kindergarten.

Unendliche Dankbarkeit

"Jetzt hat er eine tolle Zukunft in Deutschland“, sagt Frank Stäbler und meint nicht nur Paya. Abdolmohammad Papi ist fixer Bestandteil der Musberger Trainingsgruppe des dreimaligen Weltmeisters, der sagt: "Wir sind in kurzer Zeit sehr gute Freunde geworden.“ Während Frank Stäbler spricht, legt ihm Abdolmohammad Papi seine Hand auf die Schulter. Eine Geste unendlicher Dankbarkeit.

Worte reichen nicht, um auszudrücken, welch große Rolle der Ringer des Jahres in seinem neuen Leben spielt. Er sagt nur: "Jetzt ist alles gut.“ Abdolmohammad Papi ist seit mehr als einem Jahr in Deutschland – geflüchtet aus dem Iran. Schlepper bringen den 30-Jährigen, seine Ehefrau und Paya aus der Provinz Khuzestan in die Niederlande. Von dort über Hessen, Mönchengladbach, Karlsruhe und Heidelberg nach Welzheim.

Lernen und Lehren

Der achtmalige iranische Meister, ein Flüchtling. Das Griechisch-Römisch-Ass bis 71 Kilo – auf der Suche nach einer sicheren Bleibe.

Abdolmohammad Papi hat Weltmeister und Olympiasieger geschlagen, aber zu internationalen Großereignissen fährt er nicht. Sein Interesse am christlichen Glauben, die vielen politischen Dinge, die er hinterfragt, sind Gründe, warum die Familie überwacht wird. Als Papi bei einem WM-Qualifikationsturnier gegen einen Israeli antreten will, ist seine sportliche Perspektive endgültig passé. "Sie haben ihn für ein Jahr gesperrt, das war der Anfang vom Ende“, sagt Frank Stäbler.

Abdolmohammad Papi hört aufmerksam zu. Auf Deutsch sagt er: "Hier ist alles gut organisiert.“ Er versteht viel, lernt täglich dazu. Mit Drittklässlern sitzt der Familienvater in einer Schule in Waldenbuch im Unterricht. Im Anschluss leitet er ihre Sportstunde. Das ist nur ein Projekt von mehreren, das Frank Stäbler für seinen Freund anleiert. Er ist auch die treibende Kraft, dass Abdolmohammad Papi engagierter Jugendtrainer beim KSV Musberg wird und eine Wohnung findet. 

Leben in Angst

Doch so einfach, wie alles klingt, ist die Angelegenheit nicht. Hinter dem Athleten, der sich auf der Matte so reaktionsschnell bewegt, liegen unzählige Momente der Angst. Bürokratie und Bescheide. Gespräche, Geduld, Gutachten. Frank Stäbler setzt sich immens für seinen Kumpel ein, von dem er sportlich so profitiert. Wie auch die Red Devils, für die Papi auf dem Weg ins Playoff-Halbfinale jeden seiner fünf Kämpfe gewinnt. "Er hat uns nie enttäuscht“, sagt Co-Trainer Marcus Mackamul. 


Doch wie wird Frank Stäbler auf den Iraner aufmerksam? In der Szene spricht sich vergangenes Jahr herum, dass in Ziegelhausen ein Weltklassemann ringt. Stäbler, bestens vernetzt, recherchiert, nimmt Kontakt auf und lädt Abdolmohammad Papi ein: "Es war gleich ein freundschaftliches Verhältnis da und das Training Weltklasse. Er ist mein Level.“ Weil es davon nicht viele gibt, kämpft er allein drei Monate, dass der Iraner den Landkreis wechseln darf. Drei Tage nach dem Okay kommt der Abschiebebescheid. Papi muss zurück. In die Niederlande. Das Duell neben der Matte ist härter als jedes sportliche Aufeinandertreffen, Gesetze statt Griffe. In der Causa Papi siegt der Mensch.

Zukunft mit Aussicht 

Abdolmohammad Papi ist bei der Nachspeise angelangt. Arme Ritter mit Äpfeln und Vanillesauce. Auf dem Smartphone schaut er sich sein Tageswerk an. Noch im Januar sendet der SWR eine Story über ihn, filmt, wie er sein Wissen an kleine Ringer im Schwäbischen weitergibt. "Das ist Integration in Perfektion“, sagt Frank Stäbler und fügt an: "Jetzt werden wir gemeinsam deutscher Mannschaftsmeister.“ 

 

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