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Zu Toleranz und Jugend

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Christian Streich ist ein spezieller Trainer, einer mit Ecken und Kanten, einer, der sich sehr für die Welt außerhalb der Fußballstadien interessiert. Ein Gespräch mit dem Bundesliga-Trainer des SC Freiburg über kickende Kinder, gesellschaftliche Veränderungen und Akzeptanzprobleme

Herr Streich, acht Spiele in Serie ohne Sieg, zuletzt ein Gegurke beim 0:3 in Hannover, wie Nils Petersen anmerkte – in Freiburg ist man sicher froh, dass die Saison zu Ende ist.

Christian Streich: Noch kommt das Spiel gegen Nürnberg. Die sind zwar abgestiegen, aber wenn die ihre drei vergebenen Elfmeter reingeschossen hätten, sähe es anders aus. Wir werden mit Energie und Entschlossenheit reingehen, weil wir nochmal zeigen wollen, wie gut wir sein können. Wir müssen den Fans was bieten zum Abschluss und uns auch – das gute Gefühl, mit einem Sieg in den Urlaub zu gehen. 

England mit seinen vier europäischen Endspielteilnehmern hat Krösus-Clubs, erntet aber auch den Erfolg einer qualitativ verbesserten Nachwuchsarbeit. Da hängt man hierzulande inzwischen hinterher, warum?

Die Spieler in der Jugend dürfen nicht zu viel Druck haben, das Ergebnis darf nicht im Mittelpunkt stehen. Im Alter von acht bis zwölf, das ist die Basis, da muss man mit den Jungs ganz viele fußballspezifische Dinge üben. Zum Beispiel Turniere veranstalten wie die Belgier etwa, die stecken kleine Felder ab und lassen dauernd eins gegen eins oder zwei gegen zwei spielen.

Das gruppentaktische, elf gegen elf, kommt erst später. Und das ist richtig, das System muss nachgelagert sein. Außerdem darf man nicht zu früh urteilen, der schafft's und der nicht. Wenn das stimmen würde, hätte es ein De Bruyne nicht geschafft. Der war klein, hatte keine Kraft, die kam erst später – und wie. 

Auf die Jugendtrainer kommt es an.

Genau. Die sollten ganz viel pädagogisch mit den jungen Burschen arbeiten und nicht versuchen, mit 14-Jährigen zehn verschiedene Systeme spielen zu lassen. Also: Ball geben, kicken lassen, Tipps geben, komm, zock mal. 

Spitze ist die Bundesliga bei den Zuschauerzahlen, viele Fans sind allerdings eher daneben. Pyrotechnik, zerlegte Toiletten in Stadien, wegen Schlägereien gesperrte Bahnhöfe, Beleidigungen gegen Clubs wie RB Leipzig oder Personen wie Dietmar Hopp – wie beurteilen Sie solche Ereignisse?

Fußball hat einen wahnsinnig hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Wenn hunderttausend Leute unterwegs sind, sind alle Denkweisen unterwegs. Wir haben eine ungute gesamtgesellschaftliche Entwicklung, Toleranz, Zuhören, Rücksichtnahme gehören nicht unbedingt zu den Werten, die unsere Epoche auszeichnet. Es geht im weitesten Sinne auch um Demokratieverständnis, denn Toleranz, das Andersdenkende, die Unterschiede sind es doch, die eine Gesellschaft befruchten.

Nicht wenige versuchen genau das zu diskreditieren oder gar zu zerstören. Sie nutzen die Freiräume der Demokratie aus, um antidemokratisch oder rassistisch oder gewalttätig handeln zu können, ohne gleich starke Konsequenzen zu erfahren. Wir müssen aufpassen. 

Sie sind seit siebeneinhalb Jahren Cheftrainer beim SC Freiburg und haben viel erlebt. Eines aber nicht, dass Sie infrage gestellt werden. Vielen Kollegen passiert das, haben Trainer ein Akzeptanzproblem?

Ich glaube nicht, dass es ein generelles Akzeptanzproblem gibt. Wir Trainer sind heutzutage halt viel öffentlicher als früher, durch die neuen Medien, durch die Schnelllebigkeit. Wenn ein Trainer an zwei, drei Standorten war, dann kennen ihn wahrscheinlich mehr Menschen als den Außenminister von Deutschland. An vielen Standorten ist es sehr schwierig, in Ruhe arbeiten zu können, es geht um viel Geld, viele Leute mischen mit oder wollen mitmischen. 

Sie erhalten einen Preis für "kreativen Eigensinn“, werden als Bücherfreund geehrt, stellen sich an der Uni politischen Diskussionen und positionieren sich öffentlich in vielen Fragen. Was treibt Sie an?

Ich komme aus einem Land, in dem es in den letzten 120 Jahren unglaubliche Umbrüche gegeben hat. Viele schlimme Dinge, die passiert sind, wurden wenige Jahre zuvor noch nicht so erwartet. Die Jahre 1911, 1912, 1913, da hatte keiner mit dem Ersten Weltkrieg 1914 gerechnet. Oder die Weimarer Republik, da hatte auch niemand erwartet, was ab 1933 grausame Realität wurde. Wenn ich mich äußere, sehe ich das als Bürgerpflicht

 

 

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