Stimmt.de

Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Was haltet ihr vom Dschungelcamp?

Handball-Talent aus Neckarsulm

zurück zur Übersicht

Es piept langgezogen, während Lucie-Marie Kretzschmar über Handball, die spezielle Corona-Zeit und ihre Familie spricht. Das Stromgerät an ihrem Oberschenkel ist fertig. Noch immer laboriert das 19-jährige Toptalent an den langwierigen Folgen eines Muskelbündelrisses. Die gute Laune lässt sich Kretzschmar trotzdem nicht nehmen. Auch, weil die Lieben um den prominenten Papa, den extrovertierten Ex-Nationalspieler Stefan Kretzschmar, ihr viel Kraft geben. Warum der Nachname aber auch mal im Wege steht, verrät die Bundesliga-Handballerin der Neckarsulmer Sport-Union im Interview. 

Frau Kretzschmar, bereits vor dem Saisonabbruch der Bundesliga durch die Coronavirus-Pandemie war für Sie mit einem Muskelbündelriss im Februar Schluss. Wie geht es Ihnen?

Lucie-Marie Kretzschmar: Definitiv besser. Es ist eine Verletzung, bei der man kein spezielles Zeitfenster ausmachen kann. Abhängig von der Größe des Risses kann es von drei Wochen bis zu mehreren Monaten dauern. Vielleicht habe ich einfach besonders große Muskeln (lacht). Mein Körper hat es nicht ganz so gut weggesteckt, ich habe immer noch ein bisschen damit zu kämpfen und befinde mich momentan in der Reha-Phase. Vor zwei Wochen durfte ich wieder anfangen zu laufen. Es geht bergauf, aber es ist ein schwerer, steiniger Weg

Ist das mit 19 Jahren Ihr erster echter Langzeitausfall?

Kretzschmar: Bei meinem Bänderriss im Fuß dachte ich 2016 vor der Jugend-Europameisterschaft schon, ich habe den Vogel voll abgeschossen und es geht nicht mehr schlimmer. Jetzt habe ich zu spüren bekommen, dass es immer schlimmer geht. Das war und ist jetzt schon das Langwierigste, was ich bisher hatte. 

Wer oder was hat Ihnen durch diese harte Zeit geholfen?

Kretzschmar: Durch die Coronavirus-Pandemie habe ich persönlich das große Glück gehabt, dass ich die letzte Zeit bei meiner Familie in Magdeburg verbringen konnte. So lange war ich am Stück schon seit sechs Jahren nicht mehr zu Hause. Ich bin ohnehin ein sehr familiengebundener Mensch. Die Familie hat mir extrem viel Kraft gegeben. 

Ist Ihr Vater als ehemaliger Weltklasse-Handballer da ein besonders wichtiger Ansprechpartner?

Kretzschmar: Es ist eine ganz gute Mischung. Ich weiß, zu wem ich gehen muss. Wenn ich ein bisschen bemuttert werden will und auch mal eine kleine Portion Mitleid benötige, dann gehe ich natürlich zu Mama. Wenn ich einen Arschtritt brauche und die handballerischen Komponenten mit reinhaben will, dann gehe ich natürlich zu Papa

Ihr Vater durfte allerdings in Ihrem ersten Bundesliga-Jahr nie zu einem der Spiele kommen, oder?

Kretzschmar: Nein. Es wäre auch jetzt immer noch zu früh. Ich würde ihn erst dann einladen, wenn ich mich etwas weiter etabliert habe. Mir gefällt der Trubel drumherum nicht. Ich spiele Handball, um auf dem Feld zu stehen und alles zu geben. Nicht für eine große Story davor oder danach. Wenn mein Vater dabei ist, dann ist es immer eine Sache, die mit sehr viel Trubel verbunden ist. Das steht dem straighten, bodenständigen Weg mit viel Demut als junge Spielerin, den ich gehen möchte, natürlich ein bisschen im Wege (schmunzelt). 

Nach Ihrem ersten Pflichtspiel mit Neckarsulm im Pokal gegen Herrenberg war der damalige Trainer Pascal Morgant deshalb auch besonders stolz, allen direkt gezeigt zu haben, dass Sie kein „Marketing-Gag“ sind. Wie ist es, immer auch ein Stück weit gegen oder für den eigenen Nachnamen spielen zu müssen?

Kretzschmar: Man lernt, damit zu arbeiten. Es ist vielleicht ein Nachteil von mir, dass ich mir jedes Interview und jeden Artikel ganz genau anschaue und sehr viel Wert auf die Meinung anderer lege, immer alle zufriedenstellen möchte. Damals hat mich das Zitat aber sehr gefreut. Ich wusste immer, woher ich komme und hatte im ersten Jahr keine riesigen Erwartungen. Viele beachten das aber nicht. Ich weiß auch, wie schwer es für den Trainer und das Team war und ist. Eine Spielerin mit so einem Namen aus der 3. Liga zu holen, da kann man schnell verspottet werden. Deshalb war es mir auch besonders wichtig, es allen zu beweisen. Zum Glück hat das weitestgehend geklappt. 

Was hilft, sind sicher auch die Erfahrungen aus der Nationalmannschaft des deutschen Beachhandball-Teams, Ihrer großen Leidenschaft im Sand.

Kretzschmar: Der jetzige Nationaltrainer Alex Novakovic hat mich vor knapp sechs Jahren das erste Mal dazu geholt. Seitdem hat es mich total gepackt. Mit der Zeit habe ich mich zur Abwehrspezialistin auf der Mittelposition entwickelt. Es ist ein komplettes Gegenstück zum normalen Handball in der Halle, mit lockerem Feeling. Dadurch, dass es kontaktlos ist, musst du viel mehr mitdenken. Du willst versuchen, Bälle zu klauen, Wege zu besetzen – das kommt mir in Sachen Antizipation in der Halle zugute. Dafür vergesse ich manchmal, kompakt zuzupacken

Sie sind trotz eines sehr guten ersten Jahres auffallend selbstkritisch. Hat die schwäbische Mentalität mit „ned bruddeld isch g’lobt g’nug“ abgefärbt?

Kretzschmar: (lacht) Das hilft mir auf jeden Fall. Hinter der Mentalität hier stehe ich komplett. Ich bin die Letzte, die irgendwelche großen Töne zu spucken hat, weil ich noch sehr viel zu lernen habe und Demut für mich wirklich eine Tugend ist. Wenn man lange in Leipzig gewohnt hat, ist Neckarsulm natürlich was die Stadt und Aktivitäten nach dem Spiel angeht, ein kleines Downgrade. Wobei ich absolut nicht sagen würde, dass es mir hier nicht gefällt. Man hat die Chance, sich voll auf den Sport zu konzentrieren

Zur Person 

Lucie-Marie Kretzschmar ist gebürtige Magdeburgerin. Sportlich tritt sie nicht nur in die großen, prominenten Fußstapfen ihres Vaters Stefan – schon ihre verstorbene Oma Waltraud war Welthandballerin. Nach fünf Jahren in der Talenteschmiede des Leipziger HC wagte die defensivstarke Halblinke 2019 den Sprung von der 3. Liga zur Neckarsulmer Sport-Union in die Bundesliga. Abseits der Halle geht die 19-Jährige einem Lehramtsstudium in Heidelberg nach. 

Galerien

Regionale Events