Stimmt.de

Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Von Hamedan im Iran nach Heilbronn

zurück zur Übersicht

Im Jahr 1987 stürmte Noah Gordons Roman „Der Medicus“ die Bestsellerlisten. Protagonist ist ein junger Mann, der auszieht, um im intellektuell überlegenen Persien des 11. Jahrhunderts Medizin zu studieren. Inzwischen haben sich die Verhältnisse umgekehrt. 

Einer, der die entgegengesetzte Reise auf sich genommen hat, ist Mehran Eshaghinejad. Ähnlich dem „Medicus“ strebt der 20-jährige Iraner eine medizinische Ausbildung an, allerdings als Rettungssanitäter. Und ganz wie beim literarischen Vorbild war der Weg von enormen Strapazen gezeichnet. 

Laufen ist sein Leben 

Die Ambition, die bei Eshaghinejad hervorsticht, ist nicht medizinischer Natur. Bereits von Ferne verrät die sehnige Figur: der Mann ist ein Läufer. Und so marschiert er an einem heißen Maiabend über die blaue Tartanbahn im Heilbronner Frankenstadion unter den Augen von Landes-Leichtathletik-Coach Jens Boyde. 

Im Rahmen der sogenannte Challenge, einem landesweit parallel ausgetragenen Wettlauf, lässt Eshaghinejad beim ersten von fünf Läufen die interne Konkurrenz seines neuen Vereins, der TSG Heilbronn, hinter sich. 2:43 Minuten über 1000 Meter, „bei dem Wind ist das 'ne Marke“, brummt Boyde, als Mehran über die Ziellinie stürmt. „Dabei hat er sich auf dem Weg über den Balkan die Füße ruiniert.“ 

Er holte bereits Gold für Persien

Mit der Zeit könne er leben, meint Eshaghinejad, dabei ist er vor der Flucht auf ganz anderem Niveau gelaufen. Als Zwölfjähriger holte er sich seine erste nationale Goldmedaille, mit 15 wurde er in den nationalen Juniorenkader berufen, bis zur Volljährigkeit hatte er zwischen 300 und 10.000 Meter beinahe auf jeder Distanz Edelmetall geholt.

„Laufen ist mein Leben“, sagt der sonst zurückhaltende 20-Jährige voller Inbrunst. Sein Großvater, der Marathonläufer war, habe ihn zum Sport gebracht. Wie schon dem „Medicus“ zu entnehmen ist, sind die Perser traditionell eine Läufernation. So träumte der Frühstarter bereits mit zwölf von olympischem Gold. „Seit ich klein war, habe ich jeden Tag hart dafür gearbeitet. Wenn die anderen sich auf Erfolgen ausgeruht haben, habe ich sie als Ansporn verstanden.“

Der Ehrgeiz schlägt sich auch abseits der Laufbahn nieder. Nach nur einem Jahr in Deutschland ist er in Schrift und Wort verblüffend bewandert. „Ich will die Sprache schnellstmöglich lernen, vielleicht schreibe ich ja in fünf Jahren meine Geschichte auf“, sagt er. Und die hat es in sich. Vom ambitionierten Nachwuchsläufer zum Geflüchteten. „Ich hätte schon zehnmal tot sein müssen“, sagt er, „aber ich habe immer wieder eine neue Chance bekommen.“

Gesundheitliche Schäden durch die Flucht 

Dabei möchte er das Kapitel, das ihn zur Flucht gezwungen hat, lieber verschweigen. Kurz bevor er seine Siebensachen packte und gen Westen aufbrach, errang er im chinesischen Guiyang Bronze über acht Kilometer bei der asiatischen Cross-Country-Meisterschaft. Sein bisher größter Erfolg.

Zu befürchten steht, dass Eshaghinejad auf der siebenmonatigen Odyssee über den Balkan seine Gesundheit zu sehr in Mitleidenschaft gezogen hat. „Ich habe Hunger gelitten, musste mit dünner Kleidung durch den Winter kommen. Meinen 19. Geburtstag verbrachte ich in Serbien. Der schlimmste Tag in meinem Leben.“ Seitdem quälen ihn beim Laufen Schmerzen, die vom Rücken in die Beine abstrahlen.

Schwerer Start in Deutschland 

Auch nach der Ankunft wurden ihm Steine in den Weg gelegt. Der Staat erkennt seinen Abschluss nicht an, weshalb er das Abitur nachholen muss. In der Flüchtlingsunterkunft sei er auf engstem Raum mit vielen anderen eingepfercht gewesen. Eine orthopädische Einlage, die seine Schmerzen lindert, musste er aus der eigenen Tasche zahlen.

Trotzdem möchte er seine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen: „Hier bekommt man eine Chance. Trainer wie Herrn Boyde gibt es im Iran nicht. Außerdem haben mich viele Menschen aufgenommen und unterstützt, ich habe jetzt ein Einkommen, eine kleine Wohnung, eine Perspektive.“

Als „extrem leichtfüßig“ charakterisiert Boyde seinen Schützling, der in einer Neckarsulmer Wohngemeinschaft wohnt. Nicht ganz so leicht ist bisher das neue Leben in Deutschland. Doch wie auf der Laufbahn nimmt Mehran Eshaghinejad den Weg Schritt für Schritt, den Blick fest aufs Ziel gerichtet. 

Galerien

Regionale Events