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„Lieber ohne Fans als mit Ansteckungen“

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Seit sieben Jahren trägt Selina Kalmbach schon das Trikot der Neckarsulmer Sport-Union. Eine Bundesliga-Saison wie diese hat aber auch die 22-Jährige noch nie erlebt. Die historisch starke Leistung steht im krassen Kontrast zum tristen Corona-Rahmen. Warum die gebürtige Abstatterin dennoch nichts von einer überstürzten Zuschauer-Rückkehr hält, wie sie sich beim Vollkontakt auf dem Feld fühlt und wann Kalmbach sich im Trikot der Nationalmannschaft sieht, hat Neckarsulms Linksaußen vor dem Heimspiel an diesem Samstag (18 Uhr) gegen den VfL Oldenburg verraten.

Frau Kalmbach, am Samstag könnte Neckarsulm schon den zehnten Heimsieg einfahren. So viele hat lediglich der verlustpunktfreie Bundesliga-Primus Dortmund. Ist die Sport-Union ohne Fans in der Ballei besser?
Selina Kalmbach: Nein, ich glaube, das hat keinen Zusammenhang. Es harmoniert gerade einfach. Wir haben in der Vorbereitung sehr gut und hart gearbeitet – das hat sich gelohnt. Ich bin froh, dass es in Neckarsulm endlich mal zu dem Punkt gekommen ist, an dem die ganzen Anstrengungen auch Früchte tragen. Mitten in der Saison können wir genießen und müssen nicht um den Abstieg kämpfen, oder auf jeden Punkt, auf Hilfe von anderen hoffen, um es irgendwie zu schaffen. Es ist ein gutes Gefühl, und wir haben aktuell einfach ein besonderes Team.


Die Mannschaft hat sich im Vergleich zur Vorsaison personell aber eigentlich nur sehr wenig verändert...
Kalmbach: Wir schaffen es jetzt aber, über Kampf, Emotionen und Willen öfters auch mal Spiele für uns zu entscheiden, selbst wenn es knapp wird oder wir in Rückstand geraten. In solchen Situationen haben wir uns in den letzten Jahren öfter aufgegeben. Ich bin mir nicht sicher, ob wir da so ein Spiel wie zuletzt in Rosengarten gewonnen hätten. Da sind wir alle ein Stück gereift. Auch Tanja (Logvin, NSU-Trainerin, Anm. d. Red) leistet dazu natürlich ihren Beitrag. Sie hat bisher schon einen mega Job gemacht.

Dass Sie alle Ihrem Job in Corona-Zeiten überhaupt nachgehen dürfen, ist sicher ein Privileg. Pandemie und Vollkontakt-Sport – wie passt das zusammen?
Kalmbach: Im ersten Gedanken passt es natürlich nicht zusammen. Die ganze Welt stand still, steht in weiten Teilen noch immer still. Die Einschränkungen sind enorm. Und dennoch dürfen wir jede Woche gegen eine andere Mannschaft spielen und jeden Tag weitertrainieren. Das ist auch für uns etwas komisch. Gerade nach dem ersten Lockdown, während dem auch wir nichts machen durften, war es schon eine komische Situation für den Kopf. Ich denke auch jetzt immer noch, dass die Gesundheit aller an oberster Stelle steht. Deswegen ist es für mich auch völlig okay, dass aktuell keine Zuschauer dabei sind: Lieber ohne Fans als mit Ansteckungen.

Wie groß ist die Angst vor einer eigenen Infektion als Leistungssportler mit dem Körper als Kapital?
Kalmbach: Wir haben ja viele Maßnahmen, nicht nur einen wöchentlichen Test, den wir vor den Spielen an die HBF schicken müssen. Wir machen noch zusätzliche freiwillige Tests im Verein, um auf Nummer sicher zu gehen. Das finde ich enorm wichtig. Ein gewisses Risiko hat man trotzdem immer. Ich habe aber ein gutes Gefühl. An dem Punkt, dass ich Angst habe, war ich eigentlich noch nie. Auf dem Feld mache ich mir auch bei Kontakt keine Gedanken über Corona. Das muss man ausblenden. 

Was sich bei Ihnen nur selten ausblenden lässt, ist der schwere Stempel der einzig echten Identifikationsfigur, des Neckarsulmer Gesichts. Nervt das auch manchmal?
Kalmbach: Eigentlich gar nicht. Ich freue mich, so deklariert zu werden. Ich selbst identifiziere mich ja auch enorm mit dem Verein, habe nicht umsonst meinen Vertrag hier verlängert. Ich bin schon sehr lange hier und fühle mich wohl. Ich schlüpfe auch sehr gerne in diese Rolle und trete total gerne mit Fans, Sponsoren und Umfeld in Austausch. Ich suche gerne den Kontakt, und es ist für mich gerade eine schwierige Situation, dass kaum Kontakt da ist.

Auch auf Linksaußen ist Kontakt gerade schwer. Jojo Rode hat eine Verletzung erlitten. Genau wie ihre Vorgängerin Michelle Goos. Der Platz neben Ihnen scheint gefährlich zu sein...
Kalmbach: Ja, das ist schon hart. Das ist natürlich auch für mich eine schwierige Situation, alleine auf der Position zu sein. Ich bin es zwar schon gewohnt gewesen, aber die Anstrengung ist körperlich dennoch spürbar – gerade nach einem Monat wie dem Februar mit vielen Spielen. Im Hinblick auf die neue Saison freue ich mich auf ein neues Gesicht auf Linksaußen. Man lernt voneinander und macht sich gegenseitig besser. Es sollte auf jeder Position gesunder Konkurrenzkampf herrschen.

Große Konkurrenz herrscht auch in der deutschen Nationalmannschaft. Wie nah sehen sie sich am A-Kader?
Kalmbach: Für nächste Woche bin ich ja wieder auf einen Lehrgang eingeladen, bei dem wir uns auf die Qualifikationsspiele im April vorbereiten. Da bekommen viele junge Spielerinnen die Chance, sich zu zeigen. Ich freue mich natürlich extrem über diese Chance. Ich sehe es für mich aber auch als Entwicklungsmöglichkeit. Ich möchte einfach alles mitnehmen, mache mir aber keinen Riesendruck und sage, dass alles sofort funktionieren muss. Ich bin 22 – wenn es nicht gleich klappt mit großen Turnieren, bleibt mir noch viel Zeit, um mich immer wieder neu anzubieten.

Zur Person

Für Selina Kalmbach ist die Neckarsulmer Ballei bereits seit 2014 das sportliche Wohnzimmer. Privat hat sich die 22-Jährige in diesem Jahr aber verändert und das Elternhaus in Abstatt gegen die erste eigene Wohnung mit ihrem Freund eingetauscht. Von Untergruppenbach aus sind die Wege noch immer günstig. Nach Neckarsulm fährt die Frau aus dem Perspektivteam der deutschen Nationalmannschaft nicht nur für Handball, sondern auch, um auf der Geschäftsstelle die Finanzbuchhaltung des Hauptvereins samt seiner Abteilungen zu erledigen.  

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