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Als 19-Jähriger in der Bundesliga

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Er ist die Entdeckung dieser Saison beim Fußball-Bundesligisten TSG Hoffenheim. Marco John stammt aus Sülzbach, einem Ortsteil von Obersulm. Seit 2013 spielt der 19-Jährige für die TSG und hat in dieser Spielzeit seine ersten 16 Profieinsätze bestritten. Wie meistert er die Doppelbelastung aus Fachabitur an der Max-Weber-Schule in Sinsheim und Bundesligafußball? Wie behält er die Bodenhaftung? „Es gibt keinen Grund, auf irgendjemand herabzuschauen“, sagt Marco John. 

Herr John, hat morgens schon mal der Wecker geklingelt und beim Aufwachen war da der Gedanke, dass die vergangenen Monate nur ein Traum waren?

John: Morgens habe ich gar keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich bin tagsüber so in meinem Ablauf aus Schule und Fußball drin, die beide über Jahre meinen Alltag ausmachen. Wirklich klar wird mir es eher abends im Bett, wenn ich abschalten kann: Boah, krass. Das ist gerade der Traum, den ich immer leben wollte. 

Hilft die Doppelbelastung aus Schule und Fußball, um sich nicht zu sehr einen Kopf zu machen?

John: Vielleicht ist es in manchen Momenten ganz hilfreich. Einschätzen kann ich es vermutlich erst, wenn ich demnächst mit der Schule durch bin. Wenn du dich voll und ganz auf den Fußball konzentrieren kannst, ist das schon ein Pluspunkt. Aktuell ist der Aufwand für Schule und Fußball in etwa gleich groß. Vor Pfingsten ist noch die Deutschprüfung, dann geht es Schlag auf Schlag. Am 16. Juni steht die letzte Prüfung an. 

Was ist montagmorgens wichtiger? Die Note in der Klausur oder die im „Kicker“ für die Leistung auf dem Platz?

John: Ich behaupte mal, in dieser Saison sind mir die Klausur-Noten noch wichtiger (lacht) . Klar ist die Schule sehr wichtig, aber ich will nicht, dass ich in der Schule top performe – und im Fußball läuft es überhaupt nicht. Die Balance ist wichtig. 

Sind Sie ein guter Schüler?

John: Im Halbjahreszeugnis lag der Schnitt bei 1,4. 

Kam auch deshalb nie der Gedanke: Ich brauche den Schulabschluss doch gar nicht!

John: Mich unterstützen hier alle im Verein – und ich will das von mir aus mit der Schule durchziehen. Mit dem Fachabitur habe ich etwas in der Tasche, falls was sein sollte. Dass ich etwas anderes anfangen kann. Ich will aber die nächsten zehn, 15 Jahre Fußballprofi sein. 

Wo liegen Ihre schulischen Stärken?

John: Ich bin eher der sprachliche Typ, davon profitiere ich ja auch in unserer Mannschaft. Bei der TSG spreche ich jeden Tag mit den Kollegen Englisch, mit Georginio Rutter Französisch. 

Dann geht der Fußballprofi Marco John gerne zur Schule?

John: Ja, es ist eine Abwechslung, du bist mit gleichaltrigen Jugendlichen zusammen. Es gibt natürlich schon auch Tage, an denen der Wecker ganz früh klingelt und du denkst: Mist, der eine oder andere Fußball-Kollege kann jetzt noch bis 9 Uhr weiterschlafen, die müssen vor dem Training nicht noch in die Schule. Aber: Ein Großteil der Jungs hier bei der TSG Hoffenheim hat die Doppelbelastung auch schon hinbekommen. 

Sind Sie als Schüler oder Fußballer zielstrebiger?

John: Ich bin im Fußball schon noch einen Tick ehrgeiziger. Fußball heißt ja, sich immer mit den Besten zu messen. Auf dem Fußballplatz lernst du nie aus. Es gilt, sich zu verbessern. Und es gibt immer neue Aufgaben und Ziele. 

Wie diszipliniert sind Sie denn bei der Vorbereitung auf Klausuren wie im Fach Rechnungswesen diese Woche, wenn abends in der Champions League Real Madrid gegen den FC Chelsea spielt?

John: Ich lasse es in dem Fall im Fernseher tatsächlich nebenherlaufen. Ich weiß nicht, ob das jeder so kann. Ich habe das immer schon so gemacht. Wenn etwas Spannendes passiert, schaue ich hin. 

Was nehmen Sie am Ende der eigenen Schulzeit mit fürs Leben?

John: Der Schulstoff ist nicht so wichtig wie die Menschen, die du kennenlernst. Ich war ja auf drei weiterführenden Schulen – und auf jeder sind mir unterschiedliche Charaktere begegnet. Du lernst, mit den verschiedenen Menschen und Charakteren umzugehen. Ich finde, das ist eine Fähigkeit, die dir fürs Leben hilft. 

Im Fußball gibt es auch immer wieder neue Mitspieler, neue Trainer, auf die man sich als junger Spieler einstellen muss. Durch die Schulwechsel waren Sie oft der Neue.

John: Das hat mir definitiv geholfen. Ich bin schon eher ein ruhigerer, aber sicherlich kein ängstlicher Typ. Egal ob in der Schule oder auf dem Trainingsplatz frage ich die anderen: Hey, wie machst du das? Ich stelle mich zum Beispiel im Training auch mal hinter Robert Skov, um zu sehen: Wie schafft es der, solche Freistöße zu schießen? 

Wie verhält man sich als Teenager in einer Gruppe erfahrener Spieler?

John: Du musst dir den Respekt der Kollegen verdienen, das geht nur über Leistung auf dem Platz und nicht über Sprüche. Trag die Bälle, die Materialien, zeig deine Leistung auf dem Platz. Alles andere kommt dann von alleine. 

Apropos Respekt: Ist der vor einer Prüfung in Mathematik vergleichbar mit dem vor Gegenspielern wie Leroy Sané vom FC Bayern München oder Jadon Sancho von Borussia Dortmund?

John: In der Prüfung weißt du ungefähr, was drankommt, was dich erwartet. Bei solchen Spielern kannst du dich natürlich auch vorbereiten. Aber das sind Instinktfußballer. Die nutzen jeden Fehler von dir aus. Dann ist es auch schon zu spät. In einer Klausur kannst du es noch korrigieren. 

Auf dem Platz sind aber noch Mitspieler zum Ausbügeln da – in der Abiprüfung nicht.

John: Keine Frage, Fußball ist ein Mannschaftssport. Aber du schaust ja auch darauf, selbst ein gutes Spiel zu machen. 

Der Profifußball und die Schulen sind seit Monaten nicht im Normalbetrieb. Wo sind die Unterschiede zu früher größer?

John: Ganz klar in der Schule. Der Spielbetrieb im Profifußball konnte und kann ja zum Glück relativ normal laufen, was nicht selbstverständlich ist und wofür wir dankbar sind. Ich habe aber Freunde, die ein Jahr jünger sind, die hatten seit gefühlt mehr als einem Jahr keinen Präsenzunterricht. In einer Abschlussklasse hat man es sicherlich besser. Aber auch da haben viele Sorgen. Wir sind ja eine Sportlerklasse, mit einigen Jungs habe ich in der U19 hier in Hoffenheim zusammengespielt. Da ruht der Spielbetrieb seit Monaten, für einige geht die Zeit hier im Verein zu Ende. Die haben keine Fußball-Bühne, um sich zu präsentieren, das ist eine brutale Situation. 

Plötzlich spielt man als 18-, 19-Jähriger Bundesliga. Wie gelingt es, die Bodenhaftung nicht zu verlieren?

John: Das kommt aufs Umfeld, auf die Familie an, die dafür sorgt, dass man nicht den Bezug zur Realität verliert. Natürlich ist es ein schönes Leben, das ich gerade führe. Aber ich sehe keinen Grund, warum ich mich für etwas Besseres halten sollte als meine Mitschüler. Die kennen mich seit Jahren. Es gibt keinen Grund, auf irgendjemand herabzuschauen. Für mich ist es nicht schwierig, einfach ich zu bleiben. 

Aber mit irgendwas haben Sie sich doch für Ihr Profidebüt belohnt, oder?

John: Mit einem Thermomix (einem Küchengerät, Anmerkung der Redaktion) . Einen für mich, einen für meine Mutter. Das Ding ist noch relativ neu, deshalb habe ich noch nicht so viel damit gekocht. Reis mit Geschnetzeltem gab es neulich. Ich denke, da kommt kulinarisch schon noch einiges mehr (lacht) . 

Das gilt wohl auch in Sachen Fußball. Wo sehen Sie sich in Ihren Träumen in zehn, 15 Jahren?

John: Erst mal zählt die Gegenwart, mit der ich sehr glücklich bin. Mein Traum für die ferne Zukunft wäre, vielleicht mal in Spanien zu spielen. Ich mag die Sprache, das Land und den Fußball dort. 

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