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Weitere Stolpersteine verlegt

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Am Schluss zupft Gunter Demnig ein Tempotaschentuch aus seiner Hosentasche. Sorgfältig wischt er über das quadratische Messingtäfelchen, macht die Schrift lesbar: "Hier wohnte Karl Kahn, JG. 1980, deportiert 1942, Theresienstadt, Auschwitz, ermordet 6.10.1944." In Heilbronn erinnern jetzt 41 Stolpersteine an Verfolgung, Deportation und Ermordung von Stadtbewohnern und Widerstandskämpfern im Nazi-Regime.


Unfassbare menschliche Schicksale

Ursula Steudle, Direktorin der Johann-Jakob-Widmann-Schule, ist berührt. Allein der Gedanke, dass Hermann Baden (1890 bis 1945) hier in diesem Haus in der Sichererstraße 22 wohnte, seine Freude, seine Hoffnungen, seinen Alltag lebte "wie jeder von uns" – und dann so grausam um sein Leben gebracht wurde. Unfassbar.

18 junge Leute aus der Zimmererklasse spürten im Internet und bei Besuchen im Stadtarchiv dem Leben des Zeugen Jehovas nach. Weil er verbotene Schriften gelesen hatte, war der Besitzer eines Besteckhauses in der Sichererstraße mehrmals verhaftet worden. Die Jahre in Buchenwald und Dachau haben Baden umgebracht.

Die Auszubildenden Sandra Beringer, Christopher Salas und Sinan Alickovic tragen ihre Recherchen vor, während Gunter Demnig den Stolperstein für Hermann Baden ins Pflaster setzt, sorgfältig mit kleinen Steinen umkränzt und mit einem Schwamm putzt. Der Kölner Künstler, erkennbar an Hut, rotem Halstuch und Schutzmanschette ums rechte Knie, schwingt keine großen Reden. Die Menschen vor Ort sollen die richtigen Worte finden, um an das ungeheuerliche Geschehen zu erinnern.


Umgebracht wegen des "falschen" Glaubens

Wie Gretel Hinderer. Sie wohnt gegenüber dem Haus von Baden und stellt sich in die Runde. Nein, sie hat nicht gewusst, dass aus dem ihr heute benachbarten Haus ein Mann ins Konzentrationslager gekommen war. Sein Schicksal bewegt die in der evangelischen Kirche verwurzelte Frau: "Wie gut es uns geht, wenn wir unseren Glauben leben dürfen", sinniert sie: "Und andere mussten dafür ihr Leben lassen."

So war es auch Rita (1906 bis 1944) und Karl Kahn (1890 bis 1944) gegangen. Die jüdische Lehrer- und Kantorfamilie hatte in der Wollhausstraße 40 gewohnt. Heute steht hier ein großer Baum, das Grundstück ist nach dem Weltkrieg Wiese geblieben. Die Kahns trennten sich 1939 von ihrem einzigen Kind: Sie schickten den neunjährigen Hans mit den Kindertransporten ins sichere England. Der Junge hat überlebt. Seine Eltern nicht.

Kirchenglocken läuten, als im Glockengießerhof die Stolpersteinrunde Elsa (1891 bis 1942) und Siegfried Schloss (1882 bis 1942) gedenkt. Pfarrer Günter Spengler berichtet aus dem Leben der Familie. Wie der Schächter Schloss im März 1933 mit dem Schächtmesser in der Hand vom Schlachthof bis zum Braunen Haus in der Fleiner Straße gejagt und verspottet worden war. Im Parteiquartier wurde er schwer misshandelt. Das Ehepaar wurde 1941 deportiert und in Riga ermordet.


Heilbronner Widerstandskämpfer

Vor der Herbststraße 30 singt DGB-Regionssekretärin Silke Ortwein ein Lied für Gottlob Feidengruber (1901 bis 1944). Hasso Ehinger erzählt das Leben des Kommunisten. Das Mitglied des Rotfrontkämpferbundes wird ab 1931 immer wieder verhaftet, kann aus dem Gefängnis ins Saarland, dann nach Frankreich fliehen. Feidengruber zieht mit den Internationalen Brigaden in den spanischen Freiheitskampf. Nach Francos Sieg ist er in Frankreich in der Resistance. Er wird denunziert und im Januar 1944 hingerichtet.



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