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Ein Berg aus Gesetzesbüchern

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Sechs Jahre Jurastudium liegen hinter ihm. Nach dem ersten folgt das zweite Staatsexamen. Doch Marcel Burr ist sich im Sommer 2012 nicht sicher, wie gut es ihm gelingen wird. Ohne ein Prädikatsexamen, also "vollbefriedigend", ist es kaum möglich, innerhalb der Justiz eine große Karriere zu machen. Obwohl Burr das erste Staatsexamen als Drittbester des Landes geschafft hat, erzeugt der Erfolg nicht unbedingt Gelassenheit. Die Vorbereitung zur zweiten Prüfung liegt wie ein riesiger Berg aus Gesetzbüchern vor ihm.

Sechs Monate später sitzt Marcel Burr im dunklen Nadelstreifenanzug im Büro der Öhringer Tanzschule "Dance4Fun". Er hat sie vor einigen Jahren mitbegründet. Der frischgebackene Volljurist hat das Prädikatsexamen in der Tasche und darf sich der besten Punktezahl aller Kandidaten in Baden-Württemberg rühmen.

Das macht er freilich nicht, dennoch steht ihm die Freude über den Erfolg ins Gesicht geschrieben. Sollte Unsicherheit über die Zukunft bestanden haben, ist sie jetzt wie weggeblasen. Er gehört zu den 20 Prozent seines Jahrgangs, die das Ziel erreicht haben.
 
 

Hohes Ziel

Nach der Prüfung sagt der Bretzfelder: "Jetzt geht es richtig los." Den nächsten Gipfel hat er schon im Visier. Mit seinem Bruder, ebenfalls Volljurist mit Prädikatsexamen, möchte er eine Anwaltskanzlei gründen. Bei beiden soll dann ein Doktortitel vor dem Namen stehen. Hohe Ziele sind gesteckt.
 
 

Ehrgeiz macht zum Einzelgänger

Der 27-Jährige gehört zu den Menschen, die mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet sind. Das schafft nicht immer Freunde, erfährt er im Studium. Wer besser und schneller ist als andere, wird oft ungewollt zum Einzelgänger. Dabei startet er das Studium 2006 mit einem Misserfolg und fällt mit "Pauken und Trompeten" durch Rechtsgeschichte. Ein Schock für den Einser-Abiturienten. Das soll ihm nie wieder passieren.
 
Jura wird dem 27-Jährigen nicht in die Wiege gelegt. Der Vater ist Professor für Kunststofftechnik, die Mutter Lehrerin. Der ältere Bruder macht das Jurastudium zwar vor, aber Marcel Burr hat ein eigenes Interesse an diesem Fach. "In der Schule war ich oft der Erste, der andere verteidigt hat." Gerechtigkeit ist ihm wichtig.
 
 

Wenn Paragraphen lebendig werden

Nach dem Abitur beginnt er in Heidelberg mit dem Studium und meldet sich nach nur sieben Semestern zum ersten Staatsexamen an. Weil er keine geeignete Lerngruppe zur Vorbereitung findet, paukt er sich den Stoff selbst rein und "wenn es bis morgens um drei dauert." Nach dem ersten Staatsexamen 2009 lernt Marcel Burr die Praxis kennen. Als Referendar ist er in einer Kanzlei in Stuttgart und am Landgericht Heilbronn. Die Paragrafen werden lebendig. Er beschreibt es so: "Aus A und B wurden Anton und Berta."
 
 

Lernen reicht für zwei Leben

Wegen der immensen Stofffülle gilt das zweite juristische Examen als eine der schwersten akademischen Prüfungen. Viele nehmen deshalb die Dienste von professionellen Repetitoren in Anspruch. "Eine Erfolgsgarantie gibt dir keiner," unterstreicht Burr. Er vertraut auf seine Bücher und zieht wieder einsam seine Bahnen durch das weite Feld der Jurisprudenz.
 
Wenn es die Zeit erlaubt, unterrichtet er einmal pro Woche als Tanzlehrer. Es verwundert nicht, dass im Büro der Tanzschule juristische Lehrbücher stehen. Doch zum Lernen braucht der ehrgeizige Kandidat viel Ruhe und zieht sich immer mehr zurück. "Ich war über Monate hinweg nicht ansprechbar". Ob er die Urkunde jetzt an die Wand hängt? Nein. Marcel Burr heftet das Dokument ab. Das Jurastudium ist ad acta gelegt. "Die Lernerei auf die Examen, das reicht für zwei Leben."
 
 
                   

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