Stimmt.de

Titelseite.indd
Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Jugendliche meistern ihr Leben

zurück zur Übersicht

"Willkommen in unserem kuscheligen Büro", sagt Oliver Groneberg und bietet einen Hocker an. Es ist 11 Uhr im Portum Capere, der Jugendwohngruppe der Malteser in Bad Wimpfen. Ein kleiner Schreibtisch, offene Rohre an der hohen Decke, eins davon mit Zebrastreifen bemalt, in großen Tassen dampft der Kaffee.

Übergabe vom Früh- an den Zwischendienst. "Marie (Namen von der Redaktion geändert) ist nicht zurück von daheim, sie hat im Zug gespuckt, und ihre Mutter hat sie abgeholt. Sophie und Elif haben blaue Flecken, Max wollte nicht in die Schule und war rotzfrech, Julian backt für Saras Abschied Kuchen, Hildegard muss den Arzttermin absagen, da ging's um die Medikation aus Weinsberg." Oliver Groneberg, einst angehender Lehrer und mangels Aussichten Erzieher im Anerkennungsjahr, bringt seine Kolleginnen Michaela Kretz und Tanja Walter auf den aktuellen Stand.

 

Probleme

Seit knapp drei Jahren bietet das Haus auf dem Klosterareal acht Jugendlichen ein Zuhause auf Zeit. Was sie eint? "Dass sie zu viel erlebt haben", fasst Heimerzieherin Tanja Walter zusammen. "Bei uns gibt es Kinder von der Straße, die in Gangs waren, Gewalt und sexuelle Übergriffe erlebt haben." Manche kommen aus intakten Familien, es gibt Schulverweigerer, bei denen etwa Spielsucht ein Problem ist.

"Und", zählt Tanja Walter auf, "wir haben drei mit Depressionen oder Borderliner, die sich so verletzten, dass man es sieht. Um im Mittelpunkt zu stehen." Sich zu ritzen war noch vor einiger Zeit ein Problem, sei aber schon länger nicht mehr vorgekommen. Dass zwei Mädchen blaue Flecken haben, ist allerdings kein gutes Zeichen.

 

Wünsche

Klar gibt es Regeln. Marie etwa, die nach Vermutung der Erzieher ihre Mutter einmal mehr rumgekriegt hat, zu Hause zu bleiben, darf jetzt nicht mehr jedes zweite Wochenende heim, sondern nur noch einmal im Monat "Sie hat ihre Mama im Griff, und die kann sich nicht wehren", sagt Groneberg. Max ist inzwischen von der Schule zurück. Wegen Schlägereien hat der 17-Jährige eigentlich die Auflage, dass er gebracht und geholt werden muss. Doch wegen des geschlossenen Sekretariats konnte er nicht anrufen. Tanja Walter runzelt die Stirn.

Im Vorraum wartet der Junge mit der Baseballkappe jetzt auf Begleitung, um bei der Gaststätte gegenüber Mittagessen zu holen. Den Flur des Heims ziert ein Schiff, sinnbildlich für den lateinischen Namen Portum Capere, was "in den Hafen einlaufen" bedeutet. "Mit Mama wieder klarkommen" steht dort als einer der Wünsche. "Das ist von mir", sagt Max. "Ich streng mich an. Es geht ja um meine Zukunft."

 

Ein Leben mit Depressionen

Beim Mittagessen, eine halbe Stunde später, lässt sich Hildegard wortlos auf den Platz neben Max, Sara, Elif und Luca fallen, die sich schon Bratkartoffeln mit Fleischkäse auf den Teller geladen haben. "Geht's dir gut?", fragt Michaela Kretz. "Wie war die Schulanmeldung?" Langsam lockert sich die versteinerte Miene der 17-Jährigen auf, und sie erzählt: Dass sie nach der Haupt- die Wirtschaftsschule besuchen will und später, "wenn's gut läuft, BWL studieren".
Die Noten stimmen, Depressionen und Angst vor Menschenansammlungen führten dazu, dass sie das Elternhaus nicht mehr verließ, sich lieber den Kopf kahlrasierte, als zum Friseur zu gehen.

Bei Tisch drehen sich die Themen munter im Kreis. Es ist fast wie am Familientisch. Pferdefleisch bei Ikea, der Preis für die Busfahrkarten, die Kalorien in der Mayonnaise: Es wird gelacht und erzählt. Dann ist Zimmerzeit, zum Ausruhen und Runterkommen vor der Gruppenstunde.

 

Ungewisse Zukunft

Saras Abschiedsparty bewegt alle, Motto: Vampire. Die 19-Jährige strahlt. "Das ist cool. Dankeschön." Sara zuckt ratlos die Schultern. In eine Ausbildung konnte Portum Capere sie nicht vermitteln. Jetzt steht sie mit leeren Händen da. "Meine Mutter findet, ich sollte in den Buchhof, eine Einrichtung in Schwäbisch Hall. Aber das ist wirklich mitten im Wald, da gibt's ja noch nicht mal einen Zigarettenautomat."

             

Galerien

Regionale Events