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Prostituiert mit 14 Jahren

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Lisa Müller war 14 Jahre alt, als sie das erste Mal mit einem Mann schlief – und 100 Euro bekam. In den nächsten vier Jahren bietet sie sich als Lolita-Hure "Xenia" auf Erotik-Portalen im Internet an. Ehemänner und Familienväter überhäufen die Schülerin aus Illingen mit Anfragen. "Nimm mich, bezahl mich, zerstör mich!" unter diesem Titel hat die heute 20-jährige Baden-Württembergerin ihre Geschichte aufgeschrieben. Warum sie sich freiwillig, ohne Zwang für Geld prostituierte will unsere Redakteurin Milva-Katharina Klöppel im Gespräch von ihr wissen.

 
 
Andere Mädchen bessern ihr Taschengeld mit Babysitting auf. Du bist anschaffen gegangen. Warum?
Lisa Müller: Die Idee hatte ich schon, seit ich zehn Jahre alt war. Da habe ich "Natalie – Endstation Babystrich" im Fernsehen gesehen und fand es total faszinierend, dass man mit seinem Körper so leicht Geld verdienen kann.
 
Statt abzuschrecken, hat dich der Film inspiriert. Könnte nicht dasselbe mit deinem Buch passieren?
Lisa: Ich hoffe wirklich nicht. Es soll eine Warnung sein, denn ich bin gesund und lebe, aber es hätte auch ganz anders ausgehen können. Männer, die mit 40, 50 Jahren auf 16-Jährige stehen, sind doch nicht normal im Kopf. Wer weiß, was die sonst noch anstellen.
 
Erkennst du diese Sorte Männer?
Lisa: Ja, ich habe es mit etwa 200 bis 300 Männern für Geld getrieben, da habe ich heute einfach einen Freier-Scanblick. Auch bei jungen Mädchen habe ich öfters die Vermutung.
 
Angefangen hat alles als eine Art Wettkampf unter Freundinnen: Wer hat mehr Jungs im Bett gehabt. Ist das normal?
Lisa: Ich wollte einfach zu den Coolen im Dorf dazugehören. Alle haben es gemacht, ich wollte nicht ausgegrenzt werden.
 
Am Anfang deines Buches beschreibst du, wie du dich mit Freundinnen betrinkst, um die Häuser ziehst. Hat der Alkohol dich hemmungslos gemacht?
Lisa: Auf jeden Fall. Ich war früher sehr schüchtern. Der Alkohol hat mir geholfen, lockerer zu werden. Und statt meine Jugend zu genießen, habe ich mich erwachsen und toll gefühlt.
 
Du hast auch mal in Heilbronn gewohnt, bist hier zur Schule gegangen. Doch weder deine Familie noch Lehrer haben etwas gemerkt?
Lisa: Ich konnte es wirklich komplett verheimlichen. In Illingen kam mal das Gerücht auf, doch das habe ich immer verneint und dann hat es auch keinen interessiert. Auch nicht, wo ich zum Beispiel das ganze Geld her hatte.
 
Kurze Röcke, hohe Schuhe – viele junge Mädchen kleiden sich aufreizend. Wie denkst du heute darüber?
Lisa: Die laufen rum, wie ich damals auch. Nicht jede junge Frau prostituiert sich – aber es gibt mehr von meiner Sorte, als man denkt. Sex für Geld ist normal geworden, aber ich bin froh, dass ich den Ausstieg geschafft habe.
 
Du hast deine Freier übers Internet kennengelernt. Wie genau?
Lisa: Ich habe mich mit 14 Jahren wie alle anderen bei Kwick angemeldet, ein Ganzkörperbild eingestellt und schon schrieben mich zahlreiche Männer an. Auch ältere Männer, die für Geld einen geblasen haben wollten oder mich sogar nach einem Fickdate fragten. 
 
Mit jedem zweiten dieser Männer hast du dich zu geschäftlichen Sextreffen auf Parkplätzen, in Hotels verabredet. Dort dann freiwillig Ekel empfunden. Warum?
Lisa: Ich habe gewusst, dass ich in ein, zwei Stunden wieder draußen bin, dann habe ich mein Geld und alles ist wieder gut. Zeit vergeht.
 
Aber das Geld geht ja auch...
Lisa: ... aber dann kam der Nächste.
 
Du hast dich nie angeboten, um Geld für Drogen zu bekommen. Und doch war es wie eine Sucht, oder?
Lisa: Wie bei einem Alkoholiker. Der weiß auch genau, er schadet sich und trotzdem trinkt er. Ich wusste, ich schade mir und trotzdem wollte ich das Geld.
 
Du hast auch immer ohne den Schutz eines Zuhälters gearbeitet. Hattest du nie Angst?
Lisa: Ich bin sicherlich etwas blauäugig an die Sache herangegangen und war mir zu Beginn überhaupt nicht darüber im Klaren, in welche Gefahr ich mich mit meinem Tun begebe. Es gab auch einige unschöne Erlebnisse: Ein Freier hat mich entführt – ich konnte ihm glücklicherweise entkommen. Ein weiterer hat mich betatscht, ohne bezahlen zu wollen und eine Vergewaltigung habe ich auch erlebt.
 
Nur für ein neues T-Shirt, einen Abend im Club?
Lisa: Im Nachhinein betrachtet war die Geldgier echt krass. Ich habe andauernd mein Leben riskiert.
 
Die Prostitution hat dich aber psychisch zerstört. Warst du auch in professioneller Behandlung?
Lisa: Nein, das Buch war mein Therapeut. Mir geht es wieder gut. Abgesehen vom Männerhass, den ich habe. Wenn ich die Gier in deren Augen sehe, möchte ich sie am liebsten rauskratzen. Den Hass zu unterdrücken, ist dann wirklich schwer.
 
Im Vorwort schreibst du, du würdest alles genau so wieder machen. Klingt eine Warnung nicht anders?
Lisa: Wenn ich nicht wüsste, dass es mir heute gut geht, würde ich es nicht machen. Aber es ist meine Vergangenheit und ich stehe dazu. Nur so bin ich der Mensch, der ich heute bin und darüber bin ich froh. Und trotzdem war die Zeit scheiße.
                   

Zu Lisa Müller

Geboren wird Lisa Müller 1992 in Illingen. Als sie vier Jahre alt ist, lassen sich ihre Eltern scheiden. Mit 15 Jahren zieht sie mit ihrer Mutter und ihren jüngeren Geschwistern nach Heilbronn. Hier lernt sie ihren Freund Max kennen, der sie bei ihren Besuchen bei Freiern bewacht, aber nicht ihr Zuhälter ist. Vor zwei Jahren steigt sie aus gesundheitlichen Gründen aus dem Sex-Job aus. Heute arbeitet sie im Büro und lebt in einer festen Beziehung. Mit ihrer Mutter ist der Kontakt abgebrochen, seit sie ihre Geschichte öffentlich macht.
 
                 
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