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Den richtigen Dreh raus haben

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Ertan Beri beobachtet Frauen. Beruflich, versteht sich, denn der 37-Jährige legt in dieser Samstagnacht als DJ Eazy Rock in der Bad Rappenauer Disco Malinki auf. Mitarbeiterinnen an der Bar tanzen schon. Ein gutes Zeichen für ihn. Gleich daneben bewegen sich die ersten weiblichen Gäste zu Daddy Yankees Lied "Que Tengo Que Hacer" im Takt. Ertan Beri trägt auch als Discjockey einen goldenen Ring. Er ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder, doch auf die Frauen muss er als Hiphop-DJ achten. Von ihnen hängt alles ab. Sie entscheiden darüber, ob es eine erfolgreiche Nacht für den Club wird. "Hast du die Mädels, hast du die Jungs", sagt der DJ, der nur wenige Kilometer weiter im Bad Rappenauer Ortsteil Fürfeld wohnt. Wichtig ist eben, dass sich die Frauen amüsieren. Die Jungs kommen dann von ganz allein auf die Tanzfläche. "Hast du die Mädels, hast du den Laden."
 

Die richtige Zielgruppe

Eineinhalb Stunden zuvor, kurz vor 22 Uhr, laufen im Malinki die letzten Vorbereitungen. Die Angestellten bestücken die Bar, während draußen der Sicherheitsdienst in Position ist. Drinnen im Büro, gleich gegenüber der Garderobe, planen Clubchef Artur Buss und sein DJ die nächsten Partys. Sie suchen einen Namen für die Veranstaltung und überlegen, dass etwas mit Freak ganz gut klingt. Nur eines darf nicht auftauchen. Ertan Beri stellt klar: "Bloß keine 90er-Party." Mit dem Namen auf einem Plakat bleibe die angedachte Zielgruppe fern, denn sie verbinde damit Oma-Musik. Discoinhaber Artur Buss hat großes Vertrauen in den Mann, der über die Zukunft des knapp über zwei Jahre alten Clubs mitentscheidet. Der Service kann noch so gut, das Ambiente noch so außergewöhnlich sein: "Wenn der DJ schlecht ist, gehen die Leute", sagt der Chef, der selbst einmal auflegte.
Artur Buss setzt auf den Discjockey aus Fürfeld, der eigentlich schon im DJ-Ruhestand war. Nur eine Nacht, erinnert sich Buss, wollte Ertan Beri ausnahmsweise einspringen. Jetzt zählt er zu den Residents, also zu denen, die regelmäßig für die Musik zuständig sind. "Ich bin jemand, der die Handbremse angezogen hat", sagt Ertan Beri.
 

Niveau in der Diskothek

Er steht jetzt nur noch alle paar Wochen hinter dem Mischpult im Malinki. Das ist verhältnismäßig wenig, blickt man auf die Glanzzeiten der 17-jährigen Musikkarriere. Zeitweise war er 120 bis 140 Abende pro Jahr unterwegs. "Das hat geschlaucht." In ganz Deutschland legte der Hiphop-DJ auf, in der Schweiz und in Österreich und einmal sogar auf Kuba. "Irgendwann bist du zu alt", zog er schließlich einen Schlussstrich. Schließlich ist da seine Familie. Die Kinder, vier und sieben Jahre alt, wollten auch ihren Papa sehen und nicht immer nur von der Mama hören, dass er mal wieder irgendwo in einem Hotel übernachtet. Aber auch die Entwicklung in den Clubs wollte er nicht mehr mitmachen. Das Niveau der Musik in den Discos, so jedenfalls seine Einschätzung, sinkt, überall ist dasselbe zu hören, alles ging in Richtung Großraumdisco. Doch dieser Mainstream muss nicht sein. "Ich wollte nicht einer von vielen sein", sagt Ertan Beri, der Wirtschaftsinformatik studiert hat und in der IT-Branche arbeitet.
 

"Die Lieder kennen und lieben"

Am Mischpult ist Ertan Beri in seinem Element. DJ Eazy Rock hat sich den Kopfhörer zwischen Ohr und rechte Schulter geklemmt. Häufig hüpft er im Takt von einem Fuß auf den anderen und lässt dabei seine Finger über die wenigen Regler tanzen, um mal kurz den Knopf für die Lautstärke zu drehen oder etwas an den Höhen und Bässen zu verändern. Welches Lied er als nächstes spielt, entscheidet er schnell. "Du musst die Lieder kennen und lieben", beschreibt er einen der wichtigsten Punkte eines DJs. "Du machst deine eigene Party." Das meint aber gerade nicht, ohne Rücksicht auf die Gäste einfach nach irgendeiner Musik zu greifen. Das Gegenteil ist der Fall, und das zeigen die Momente hinter dem Mischpult. Er spielt fürs Publikum jene Musik, die ihm auch persönlich gefällt. Das Beste für die Gäste. Das sagt der 37-Jährige zwar nicht, aber er vermittelt es. Ihm ist wichtig, bei einem seiner seltenen Auftritte mit Herz und Seele dabei zu sein, anstatt sich selbst und seiner Musikrichtung untreu zu werden.
 

Eine volle Tanzfläche

Den DJ-Job vergleicht er mit psychologischer Kriegsführung. Mit langsamem Rantasten geht es los. "Du hauchst dem Abend das erste Lebenszeichen ein." Die Gäste, die alle einen unterschiedlichen Tag hatten, möchte er aufs gleiche Feierniveau bringen, beispielsweise mit Jay-Z featuring Justin Timberlakes "Holy Grail". Ab Mitternacht zieht die Musik an, "um eins muss der Laden kochen". Der kritische Punkt sei gegen drei – und zwar überall. Zu dieser Uhrzeit wollen die Ersten gehen, daher sei es wichtig, dass die Tanzfläche voll ist und die Gäste noch einmal ein Getränk bestellen. "Du musst die Leute beobachten." Vielleicht mal Westcoast-Hiphop spielen wie Tupac und Rihanna, für die Männer auf der Tanzfläche dürfen härtere Rythmen einfließen. Ab vier Uhr greift er zu alten Liedern. Im Schnitt, sagt er, kommt man mit 120 bis 150 Liedern durch einen Hiphop-Abend. Mit dieser Summe allein ist es nicht getan, denn nicht überall kommen dieselben Stücke gleich gut an. "Einen Stamm von 2000 Liedern brauchst du, damit du variieren kannst."
 

Geschwindigkeit anpassen

Die wichtigste Person des Abends steht im Malinki in der hintersten Ecke auf einem Podest. Nur ganz wenig Platz nimmt das Equipment in Anspruch. Zwei hochwertige Technics-Plattenspieler sind aufgebaut, auf denen sich sogar noch Scheiben drehen, trotzdem kommt die Musik von der Festplatte. Die Plattenspieler sind aber nötig, da Ertan Beri über sie mit speziellen Tonträgern die Geschwindigkeit der Lieder anpasst, um sie ganz klassisch von Hand ineinanderzumischen. Es geht einfacher: Stücke auswählen, Knopf drücken, den Rest übernimmt der Computer, und niemand merkt es.

Für Ertan Beri ist das ein unvorstellbarer Weg. Er wuchs mit Schallplatten ins DJ-Leben hinein. Mit 15, 16 Jahren, erinnert er sich, ging er in Jugendklubs. Erstmals legte er im Olga-Jugendzentrum in Heilbronn auf, später folgte der Logo-Club in Neckarsulm. Der Rest ging von allein. "Wenn du einmal im Nachtleben drin bist und mehrere Läden hast, kommst du von Club zu Club." Die DJs kennen sich, sie laden sich gegenseitig ein, und so lernt man neue Discochefs kennen. Der Fürfelder kam in die angesagtesten Discos, er gehörte zu den Clubrockern. Als DJ Crazy E legte er unter anderem in Stuttgart im Zap-Club, im Aer Club und im Perkins Park auf, er war in Frankfurt im Velvet und im Livingxxl, im Platins (Zürich), im Park Theater (Kempten) und im Kagan (Freiburg).
 

Feiern bis der Morgen kommt

Bei Afterwork-Partys in Frankfurt feierten bis zu 2000 Gäste, aber nur bis ein Uhr, erzählt er. Die Banker müssen schließlich am nächsten Tag wieder ins Büro. Würden die einmal zu lange feiern und dann nicht mehr aus dem Bett kommen, blieben sie der nächsten Party fern. Bei einem klaren Ende ist das anders: Sie feiern, kommen pünktlich ins Bett – und in der nächsten Woche wieder.

Vinyl-Liebe Die Musik steckt auf der Festplatte, doch DJ Eazy Rock hängt an alten Zeiten. "Ich bin eigentlich ein Vinyl-DJ." Eine Schallplatte ist eine Schallplatte. "Da hat man etwas zu greifen." Trotzdem flogen die Platten bis auf ein paar Raritäten raus. Während er im Malinki zu Don Omar, den Clubcrushers oder Brick & Lace greift, läuft privat auch mal SWR 4 – oder eine Kinder-CD. Ertan Beri braucht Abstand zur Musik. "Du bist übersättigt."
                    

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