Stimmt.de

Titelseite.indd
Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Alles eine Frage der Interpretation

zurück zur Übersicht
Jedes Buch hat zwei Schriftsteller, sagt Dirk Kurbjuweit: den Autor, der die Idee aufschreibt, und den Leser, der sie interpretiert. Beide sind in der Selma-Rosenfeld-Realschule in Eppingen aufeinandergetroffen. Der Spiegel-Autor hat aus seiner Novelle "Zweier ohne" vorgelesen und mit Zehntklässlern über die Prüfungslektüre gesprochen, die aufgrund zweier Sexszenen heftige Diskussionen ausgelöst hat. Mehr als 100 Jugendliche hören aufmerksam zu: "So eine Chance hat man nicht oft" , erklärt Mailyn. Ihr hat das Buch gefallen. "Es dauert nur ein bisschen, bis man es versteht", sagt die 16-Jährige.

Nur rund 30 Jugendliche aus den fünf zehnten Klassen ließen sich die Gelegenheit entgehen, der Besuch der Lesung war freiwillig. Nicht jeder habe "Zweier ohne" gelesen, obwohl es in diesem Jahr Pflichtstoff ist, betont Deutschlehrerin Bianca Emmerich. Wegen "zu viel Sex" hatte das Kultusministerium Baden-Württembergs das Buch vor mehr als zehn Jahren als Prüfungsstoff für Realschüler zunächst abgelehnt.
 

133 Seiten Sexualität

Die 2001 erschienene Novelle beschreibt auf vier von 133 Seiten Sexualität zwischen jungen Erwachsenen, deutlich und schnörkellos. "So was erwartet man nicht als Prüfungslektüre", gibt die 15-jährige Lara zu. Die meisten Schüler hätten mit Sicherheit "schon viel Drastischeres gesehen", glaubt Dirk Kurbjuweit. Die Zehntklässler nicken zustimmend. Trotzdem fragt einer nach, ob die Kinder des Autors das Buch gelesen haben. "Ja, als sie 14 waren", antwortet der 52-Jährige. Er habe das Buch nicht als Jugendbuch geschrieben, aber mit Tochter und Sohn viel darüber diskutiert.

"Zweier ohne" erzählt die Geschichte einer Freundschaft, die unter einer Autobahnbrücke beginnt. Zwei Jungen, die sich total einander angleichen, Zwillinge werden wollen, um beim Rudern in der Kategorie "Zweier ohne" zu gewinnen. Das Projekt gelingt, bis sich einer in die Schwester des anderen verliebt. Ihre gegenseitige Sprachlosigkeit endet in einer Katastrophe.
 

Tod, Suizid, Familienstrukturen

Es geht ums Erwachsenwerden, die erste Liebe, das Sich-Finden und -Positionieren. Alles Themen, die Zehntklässler beschäftigen: "Bezug zur Lebenswirklichkeit" bescheinigt das Kultusministerium. Dazu gehört eben auch Sex, die Novelle thematisiert aber mindestens ebenso deutlich den Tod, Suizid, Familienstrukturen und Eigenheiten der Protagonisten.

"Ich will die Welt nicht zeigen, wie sie sein soll", erklärt der Berliner seinen jungen Lesern. Er beschäftige sich lieber mit den Schattenseiten: "Schriftsteller machen es den Lesern nicht gerne leicht – das ist interessanter." 2012 wurde "Zweier ohne" von der Auswahlkommission dann doch zur Prüfungslektüre bestimmt. Es folgten Proteste "weniger christlicher Schulen", sagt der Pressesprecher des Ministeriums, Dr. Roland Peter.
 

Pädagogische Entscheidung

Diese Beschwerden seien "nicht nachvollziehbar", trotzdem wurde nachträglich eine Wahlmöglichkeit eingeräumt: Max Frischs "Andorra" als Alternative anzubieten, sei eine pädagogische Entscheidung: "Wir geben Beschwerden nicht nach", betont Peter. Die Regierung sei umgefallen, meint hingegen Kurbjuweit. Welche Realschulen letztlich "Zweier ohne" gewählt haben, ist nicht erfasst: "Schulen müssen das nicht melden", erklärt der Heilbronner Schulrat Günter Sauter.

Dass Kultusminister Andreas Stoch die Novelle selbst gar nicht gelesen hat, wie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen war, habe ihn nicht überrascht, sagt der Autor. Was ihn jedoch freut, ist das Interesse der Schüler. Fabienne hat "Zweier ohne" gefallen, Luisa hingegen "nicht so sehr". Schockiert seien sie beide nicht. Denn vieles bleibt ungesagt: "Ein Roman entsteht auch über das Auslassen", erklärt Kurbjuweit. So hält er es auch beim Vorlesen, erklärt aber auf Nachfrage, dass er selbst nicht genau wisse, ob Ludwig schwul oder Vera ein Sexobjekt ist: "Es gibt nicht eine, richtige Interpretation."
                   

Galerien

Regionale Events

Digitale Azubimesse

Mehr als 50 Unternehmen stellen von 14. bis 20. Februar ihr Aus- und Weiterbildungsangebot digital vor.

Neuer Impfpunkt

Die Stadt Heilbronn ergänzt ihr Impfangebot um die Harmonie.