Stimmt.de

Titelseite.indd
Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Leicht vermeidbar, nicht heilbar

zurück zur Übersicht
Die Botschaft klingt banal. Wer sie aber beherzigt, vermeidet wahrscheinlich einen grausamen Tod: Die beste Vorsorge gegen Lungenkrebs ist, erst gar nicht mit dem Rauchen anzufangen. Die knapp 300 Zuhörer bei der 20. Abendvorlesung von SLK-Kliniken, Heilbronner Stimme und Kreissparkasse nicken wissend. Die allermeisten von ihnen rauchen nicht. Deshalb gehen fast alle Hände in die Höhe, als der Löwensteiner Chefarzt, Privatdozent Dr. Jürgen R. Fischer (60), die Frage nach dem Nichtraucheranteil im Auditorium unter der Pyramide stellt. Warum wohl Raucher bei einer solchen Medizinvortrag fehlen, will die stellvertretende HSt-Chefredakteurin und Moderatorin Iris Baars-Werner wissen. Antwort von Psychotherapeut Fischer: "Die meisten meinen, das betrifft sie nicht."
 

9 von 10 sind Raucher

Der Leiter des Löwensteiner Lungenkrebszentrums kann das Gegenteil beweisen. In Deutschland gibt es jährlich 50.000 Neuerkrankungen. Neun von zehn Erkrankten sind Raucher. 90 Prozent der Erkrankungen hätten durch Nichtrauchen vermieden werden können.

Zweifelsfrei mitverursacht durch Rauchen werden koronare Herzerkrankungen, chronische Bronchitis, aber auch Harnblasen-, Kehlkopf-, Speiseröhren- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. "Alles Organe, die mit diesen Giften in Berührung kommen." Zum Schrecken der Zuhörer spielt der Mediziner täuschend echt einen Herzanfall vor, kurz danach lässt er seinen Atem laut rasseln.

Die Zuhörer wissen manchmal nicht, ob sie lachen sollen, wenn Fischer mit trockenem Humor solche Sätze sagt wie: "Haben Sie schon mal mit einem Lappen die Fenster eines Raucherraums geputzt? Der wird schmierig und ekelhaft gelb." Gut findet er, dass Rauchen im öffentlichen Raum gesetzlich verboten ist. Schlimm ist, dass Tag für Tag so viele Menschen an Lungenkrebs sterben wie in ein Großraumflugzeug passen. Fischer: "So was steht nicht in der Zeitung."
 

Zu spät

Weil Lungenkrebs anfangs ohne Symptome ist, wird er meist erst im fortgeschrittenen Stadium entdeckt. Für viele zu spät. Der Tumor ist zu groß, man kann ihn nicht mehr operativ entfernen. Operiert werden kann nur jeder dritte Patient. Bleibt die – meist kombinierte – Bestrahlungs- und Chemotherapie. Die Nebenwirkungen seien dank neuer Medikamente zwar deutlich zurückgegangen, aber trotzdem "kein Zuckerschlecken".

Dann zeigt der Onkologe eine Statistik, "die uns das Gruseln lehrt". Die Überlebenszeit je nach Krebsstadium zum Zeitpunkt der Diagnose sinkt unabhängig von der Therapie dramatisch. Nach 66 Monaten leben noch 38 von 100 Patienten mit kleinen Tumoren, aber weniger als fünf, wenn ihr Krebs bereits weit fortgeschritten war.

Neu sind medikamentöse Therapien, die zusätzlich zur Chemotherapie als Tabletten gegeben werden: Die einen hemmen das Wachsen und Teilen der Tumorzelle. Andere blockieren die Blutzufuhr, so dass die Tumorzelle abstirbt. An ihrer Entwicklung hat die Löwensteiner Fachklinik mitgearbeitet, Patienten wirkten an den Studien mit.

Diese neuen Medikamente verlängern "in gewissem Maße das Leben, sind schmerzlindernd und mindern die Luftnot", erklärt Fischer. Trotzdem lautet sein ernüchterndes Fazit: "Chemotherapie bei Lungenkrebs ist alle andere als zufriedenstellend." Tröstlich sei, dass viele Patienten mit Lungenkrebs noch einige Jahre gut leben können. 

Neue Hoffnungen setzt man auf die Immuntherapie. Wenn ein Lungenkrebs verursachender „Bösewicht“ namens "TFbeta" Tumorzellen produziert, lähmt er messbar das Immunsystem. Die Therapie blockiert den Botenstoff und verhindert, dass das Immunsystem geschwächt wird.
 

Zuwendung

Dann überrascht der Onkologe mit einer altbekannten Therapieform: menschliche Zuwendung. Psychologisch und in ihrem Umfeld gut betreute Krebspatienten haben nach einer neuen Studie ähnlich lange Überlebensraten wie bei Behandlung mit Medikamenten. Doch im ganzen Gesundheitswesen fehlt es aus Kostengründen ausgerechnet an Personal.

Die Zwölftklässlerinnen des Profils Gesundheit an der Heilbronner Peter-Bruckmann-Schule loben die Abendvorlesung, die sie erstmals besuchten: "Dr. Fischer hat sehr verständlich erklärt. Und es war sehr unterhaltsam", so Hanna Hoblaj (19) aus Güglingen.
                        

Galerien

Regionale Events