Stimmt.de

Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Aus Niederlagen lernen

Übersicht
"Durch Niederlagen nicht aufgeben, sie gehören dazu." Mit diesem Satz fasst Marc Schuh seinen 45-minütigen Vortrag in der Weinsberger Hildthalle zusammen. Rund 400 Schüler aus der Stauferwerkrealschule, Realschule und dem Justinus-Kerner-Gymnasium hören dem 25-Jährigen aufmerksam zu. Der Rennrollstuhlfahrer hält den Europarekord über 400 Meter, ist aktueller WM-Vizeweltmeister. In wenigen Wochen gibt der Physiker seine Masterarbeit ab, peilt die Promotion an.

Das Team der Schulsozialarbeit im Bildungszentrum Rossäcker hat den Spitzensportler eingeladen. "Was ist Ihre größte Herausforderung?", fragt Schulsozialarbeiterin Brigitte Moll. "Physik und Leistungssport unter einen Hut zu bringen", antwortet der Heidelberger. Was ist für ihn sehr wertvoll im Leben ist, will Sozialpädagogin Lena Freyer wissen. Das Team, ohne das es nicht möglich wäre, sagt Marc Schuh. Ihm fehlt seit Geburt ein Stück Wirbelsäule. "Das macht das Laufen unmöglich."
 

Team


Auf vier Rädern bewegt sich Schuh durch die Welt, in Sportarenen auf drei. Sieben Kilo wiegt das 10 000 Euro teure Sportgerät, das auf der Bühne der Hildthalle steht. Er hat als Kind Tennis ausprobiert, Basketball. Nachdem er auf Anhieb den Kinderlauf beim Rollstuhlmarathon in Heidelberg gewinnt, wird dies sein Sport. "Man braucht Leute, die an einen glauben", erzählt er. Vor allem die Eltern. Und ein Team, das einen unterstützt. Die Schüler sehen das Video vom Europarekordlauf über 400 Meter, die herbe Niederlage des Favoriten ohne Medaille bei den Paralympics 2012 in London. "Unglaublich enttäuscht, frustriert" ist Schuh danach. Vier Jahre hat sich der Weltranglistenerste auf das Event vorbereitet, und dann das. Danach vermisst das Team den Rollstuhl neu, nimmt die Trainingspläne unter die Lupe. Bei der WM 2013 kommt er zurück: als Silbermedaillengewinner. "Nicht unterkriegen lassen, nicht in Selbstzweifel verfallen", rät der Sportler den Schülern.

Die Schullaufbahn des Bergisch-Gladbachers verläuft nicht geradlinig. Der "mittelmäßige Grundschüler" erhält keine Empfehlung fürs Gymnasium, seine Eltern entscheiden sich doch dafür. Die Einheitsnote befriedigend steht auf seinem Zeugnis in Klasse fünf: "Schule war doof." Seine Mutter runzelt beim Blick ins Zeugnis nur die Stirn, sein älterer Bruder spornt ihn an. "Von da an habe ich angefangen zu arbeiten", erzählt der 25-Jährige, erledigt Hausaufgaben. Auf einmal ist Schule "viel spannender". Marc Schuh überspringt die elfte Klasse, macht mit der Note 1,3 Abitur.
 

Doppelbelastung


An der Schule war der Rollstuhlfahrer der Mathe- und Physikfreak. "An der Uni waren alle Freaks", berichtet der junge Mann. Physik ist in der Familie Schuh eine "Erbkrankheit", Vater und Bruder haben promoviert. Ohne ihre Hilfe wäre er im ersten Semester "sang- und klanglos untergegangen", wegen der Doppelbelastung Studium und Leichtathletik. Das Team fängt ihn auf. Mit 1,0 macht er den Bachelor, jetzt den Master. Die Doktorarbeit hat Schuh im Blick. "Durchhaltevermögen ist das Wesentliche, nicht verzagen", lautet seine Botschaft.

Die Schüler stellen viele Fragen: Verdienst, Partnerschaft, ob die Behinderung ein Problem ist oder ob er zu Hause bevorzugt wurde. Vom Geld im Profisport kann Schuh Miete und Essen bezahlen: "Das Einkommen ist überschaubar." Im Leistungssport sind Beziehungen eher schwierig. Die Eltern haben ihn nicht bevorzugt: "Das war der große Vorteil." In der Grundschule wird er nicht gemobbt: "Ich war einfach anders."

Anfeindungen gegen den "Streber" auf dem Gymnasium hören bald auf: "Ich habe mein Wissen mit anderen geteilt." Mit den Paralympics hat Schuh noch eine Rechnung offen: "2016 will ich eine Medaille holen."


 
Anzeige

Galerien

Regionale Events