Stimmt.de

Titelseite.indd
Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Orientierungshilfen? Fehlanzeige

zurück zur Übersicht
Fehlende Durchsagen in Bussen und Bahnen zur kommenden Haltestelle. Zu flache Bordsteinkanten am Übergang von Gehweg auf die Straße. Fehlende Leitlinien im Boden als Richtungsweiser zu den Haltestellen – blinde und sehbehinderte Menschen haben es schwer, wenn sie mit Bus und Stadtbahn unterwegs sind. 

Das wurde einmal mehr deutlich, als der Heilbronner Bezirksgruppenleiter des Blinden- und Sehbehindertenverbands Wolfgang Heiler (50) zusammen mit dem sehbehinderten Ehepaar Michael (63) und Dorothee Scharch (60) aus Heilbronn die Sehbehindertenfreundlichkeit öffentlicher Verkehrsmittel und des öffentlichen Raums in der Region testete. Mit weißen Langstöcken und Heilers Blindenführhund Benny macht sich die kleine Gruppe, die von Heilers sehenden Ehefrau Elisabeth (50) begleitet wird, auf den Weg zum Heilbronner Hauptbahnhof. Die erste Hürde stellt die Suche nach der richtigen S-Bahn dar. Zwar gibt es digitale Anzeigetafeln, an denen man die verschiedenen Abfahrtszeiten ablesen kann, jedoch fehlen jegliche akustische Informationen.

 

Hilfsbereitschaft


Einer blinden Person bleibt in diesem Fall nur, auf die Hilfsbereitschaft sehender Mitmenschen zu vertrauen. "Alle Infos, die schriftlich ausgegeben werden, müssen auch akustisch ausgegeben werden und andersherum. So steht’s in der Behindertenkonvention, der auch Deutschland zugestimmt hat", erklärt Wolfgang Heiler, der vor Jahren durch einen Unfall sein Augenlicht verlor.

In der S-Bahn fällt der Gruppe die Orientierung leichter. Leitlinien in den Gängen zeigen die Wege zu den Ausgängen an und jede Station wird rechtzeitig über Lautsprecher angekündigt. Diese Ankündigungen gibt es auch im Heilbronner Stadtbusverkehr, im Regionalverkehr fehlen sie gänzlich.

In Willsbach schließt sich die sehbehinderte Nelly Rauchfuß (79) der Gruppe an. Die Orientierung in ihrem Wohnort sei "grauenhaft", sagt sie. "Ich nehme Schleichwege, wenn ich zum Metzger gehe", erzählt sie. Die durch Willsbach führende B39 stellt die größte Schwierigkeit dar. Ampeln sind an der Kreuzung zwar vorhanden, jedoch nur mit visuellem Signalgeber. Ein akustisches Signal fehlt

"Viele bleiben so lange an Kreuzungen stehen, bis sie die Ampelphasen auswendig können", erläutert Wolfgang Heiler. Kaum hörbare moderne Autos und Elektroautos erschweren die Orientierung über das Gehör nicht nur für sehbehinderte Personen erheblich. An unübersichtlichen Straßen ohne Überquerungsmöglichkeiten kann es auch schnell für Menschen mit gesunden Augen gefährlich werden.

Die Stadt Heilbronn hat das Problem der Sehbehinderten erkannt und bezieht den Blindenverband immer öfter bei Planungen von Neu- und Umbauten im Vorfeld als Berater mit ein. Doch es ist noch viel zu tun. Vor allem in den Landkreisgemeinden haben Blinde im öffentlichen Personennahverkehr und auf öffentlichen Straßen und Gehwegen sprichwörtlich das Nachsehen.

 

Ungehört


Bei der Stadtverwaltung von Neckarsulm zum Beispiel stößt Heiler nach eigenen Angaben auf enormen Widerstand. Seine Appelle, im öffentlichen Raum auf die besonderen Bedürfnisse blinder Menschen einzugehen, verhallten bisher ungehört, klagt er. 


 

Galerien

Regionale Events