Stimmt.de

Titelseite.indd
Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Der erste Notfall

zurück zur Übersicht
Neuhütten ist in Aufruhr. Der Wüstenroter Teilort hat seit Ende September 40 Neuzuzüge zu verkraften. "Hier knistert die Luft", sagt Sonja Neumann, die als Chefin des örtlichen Nahversorgers nah dran ist am Dorfgespräch. Ohne Vorwarnung seien die 40 Asylbewerber in einem ehemaligen Pflegeheim einquartiert worden. "Als die ersten Flüchtlingsfamilien nach Neuhütten kamen, wurden wir vorbereitet, die sind herzlich empfangen worden." Jetzt hätten viele das Gefühl, es sind zu viele auf einmal für den 1600-Einwohner-Ort.

Die Schuld sehen manche Neuhüttener beim Eigentümer des Hauses am Ortsrand. Der habe wegen des persönlichen Profits ans Landratsamt vermietet, bekomme für die 40 Asylbewerber monatlich hohe Summen überwiesen. Von 20 000 Euro ist die Rede. Der soziale Frieden im Ort sei ihm egal. Das Eigentümer-Ehepaar, das nicht namentlich genannt werden möchte, ist bestürzt ob solcher Gerüchte. Die monatliche Miete liege bei 1600 Euro fürs ganze Haus. Und es sei auch nicht so, dass sie auf das Landratsamt zugegangen seien, sondern umgekehrt. "Wir haben dann nur gesehen, dass Not am Mann ist."

 

Kaum Zeit


Das bestätigt Landratsamtssprecherin Brigitte Schneider. Am 24. September habe es eine E-Mail vom Regierungspräsidium gegeben, dass eine "Zwangszuweisung" von 40 Personen unmittelbar bevorstehe. "Da regulär kein Platz in den Unterkünften mehr war, sind wir auf die Eigentümer des leerstehenden Gebäudes in Neuhütten zugegangen." Das Haus war in Ordnung. Es wurde ein Mietvertrag für ein halbes Jahr unterzeichnet. Zwei Tage später, am 26. September, kam der Bus. Für Infoabende keine Zeit. 

Mit der Verunsicherung im Ort wird auch Ordnungsamtsleiter Jürgen Reinhardt konfrontiert. "Es gibt welche, die wollen helfen." Andere regten sich auf. Müllablagerungen am Haus Tabor werden gemeldet. Auch vor Gerüchten wird die Gemeindeverwaltung nicht verschont. Kein Wunder, denn erste Konflikte gab es nach einem Ladendiebstahl bereits. Das Landratsamt musste mit Dolmetschern vermitteln. Das macht es für die Menschen aus Syrien und vom Balkan nicht einfacher, von den Neuhüttenern akzeptiert zu werden.

 

Engagiert


Doch wie bei den ersten Familien, für die sich ein Kreis aus Ehrenamtlichen zusammengefunden hat, haben nun auch im Haus Tabor schon einige die Initiative ergriffen und sind auf die neuen Nachbarn zugegangen. Anne Oberkampf zum Beispiel, Pfarrerin der Methodistenkirche. Mit deutschen Begriffen fett gedruckt auf großen Karten hat sie den Deutschunterricht für die Kinder aufgenommen. Die Erwachsenen wollen mitmachen: "Can we go to school?", fragt Bassam Nattouf (42). Anne Oberkampf ermuntert ihn, selbst weiter zu lernen. "Die Erwartungen sind hoch", weiß sie. Und doch sollten diese Leute so früh wie möglich die Sprache lernen, ist Oberkampf überzeugt.

Doch auch wenn der Start holprig war, so soll es noch nicht zu spät sein. Gestern Abend wurde der Info-Abend nachgeholt – mit den Asylbewerbern aus beiden Einrichtungen. Sozialdezernentin Susanne Hennig vom Landratsamt und Bürgermeister Timo Wolf warben für Verständnis bei den Anwohnern



Galerien

Regionale Events