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"Drogen sind salonfähig geworden"

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Es sind alarmierende Zahlen, die Bundeskriminalamt und Bundesregierung präsentierten: Immer mehr Menschen in Deutschland greifen demnach zu hochgefährlichen künstlichen Drogen. Robert Prager Loos, Oberarzt der Klinik für Suchttherapie am Klinikum am Weissenhof in Weinsberg, gibt Auskunft über Ursachen und Folgen.


Die Zahl der Menschen, die erstmals drogenauffällig wurden, ist 2014 gestiegen. Ecstasy, Amphetamine und sogenannte Legal Highs sind offenbar auf dem Vormarsch. Welche Erfahrungen machen Sie in Weinsberg?

Robert Prager Loos: Ich würde sagen, dass die Zahl der Konsumenten vermutlich nicht insgesamt steigt, aber es gibt eine Verlagerung. Opiate wie Heroin oder Methadon: Damit haben wir es immer noch am häufigsten zu tun. Aber in den vergangenen Jahren kommen auch immer mehr Menschen wegen einer Cannabis-Entgiftung zu uns – obwohl die Zahl der Cannabis-Konsumenten wohl relativ stabil ist.


Die Zahl der Konsumenten ist stabil, aber trotzdem begeben sich mehr in Therapie. Das müssen Sie erklären.

Prager: Rund ein Viertel der Bevölkerung hat mindestens einmal im Leben Cannabis konsumiert, bei den Jugendlichen um die 16 Jahre liegt die Zahl bei etwas über einem Drittel. Ein Problem ist die Zusammensetzung des Cannabis heutzutage. Es werden nur sehr wirkstoffreiche Pflanzen aussortiert und vermehrt. Der THC-Gehalt darin ist um ein Vielfaches erhöht. Früher waren es fünf bis sieben Prozent, heute 15 bis 25 Prozent. Der CBD-Gehalt ist dafür gesunken. Das ist fatal, denn die Substanz THC kann Psychosen auslösen, sie wirkt antriebshemmend und macht Vergiftungserscheinungen. CBD hingegen hat eher positive Effekte – es wirkt angstlösend und antipsychotisch.


Das heißt, modernes Cannabis ist viel stärker als noch vor 20 Jahren?

Prager: Ja, und das führt dazu, dass viele Konsumenten mit ihrem Leben nicht mehr klarkommen. Ein Realitätsverlust stellt sich ein, sie werden zu einer Gefahr für sich und andere. Auch synthetisch hergestellte Cannabinoide sind problematisch wegen ihrer bis zu 800-fach höheren Wirksamkeit als natürlich vorkommendes Cannabis. Im Raum um Crailsheim gibt es damit Probleme.


Was ist dort die Besonderheit?

Prager: Dort scheint es eine Gruppe zu geben, die Einzelsubstanzen im Internet bestellt, zusammenmischt und das als Killertabak oder Knalltabak verkauft. Die Wirkung ist extrem stark, und man weiß nicht wirklich, was drin ist. Die Substanzen lösen schlimmste Vergiftungserscheinungen aus – bis zur Bewusstlosigkeit. Sehr viele Konsument entwickeln Psychosen. 


Dann gibt es noch die legalen Suchtmittel. Die Krankenkasse DAK hat festgestellt, dass fünf Millionen Deutsche gelegentlich zu Medikamenten greifen, um leistungsfähiger im Job zu sein, knapp eine Million dopt regelmäßig. Ein Problem unserer Zeit?

Prager: Drogen sind gewissermaßen in der Mitte der Gesellschaft angekommen, sie sind salonfähig geworden. Wenn man Kopfschmerzen hat, nimmt man eine Tablette, damit das weggeht und man leistungsfähig bleibt.


Früher ist man eine halbe Stunde an die frische Luft gegangen, das hat auch geholfen.
Worin sehen Sie die Ursachen für dieses Verhalten?


Prager: Darauf kann ich nicht als Arzt antworten, aber ich kann Ihnen meine Meinung als Mensch sagen. Die Anforderungen an den Einzelnen in unserer schnelllebigen Zeit sind enorm. Wir müssen permanent aufmerksam, konzentriert, leistungsfähig sein. Zu sagen ,Nein, ich kann nicht mehr’ wird zu einem Karrierehemmnis. Die Konsequenz für viele: Sie greifen zu Substanzen, die scheinbar permanent fit halten.


Sind alle Menschen gleichermaßen anfällig, süchtig zu werden?

Prager: Nein, drei Dinge müssen in der Regel zusammenkommen: Die Veranlagung, etwa durch eine Suchtgeschichte in der Familie. Einflüsse auf unser Leben wie Missbrauch. Außerdem ein unmittelbarer Auslöser wie Probleme im Beruf. Man wird nach einmaligem Konsum normalerweise nicht sofort abhängig. Der Körper lernt Abhängigkeit – er spürt eine Belohnung und will das Gefühl wieder haben, so entsteht Abhängigkeit.


Crystal Meth – davor wird häufig gewarnt. Was ist so gefährlich, und behandeln Sie viele Konsumenten?

Prager: Crystal Meth ist in unserer Region nach meiner Erfahrung noch nicht ankommen – zum Glück. Es ist sehr wirkungsstark. Zum Vergleich: Der Ausstoß des Glückshormons Dopamin bei gutem Essen liegt etwa bei 150 Prozent, bei Sex oder Zigaretten bei 200 Prozent, beim Konsum von Kokain bei 400 Prozent und bei Crystal Meth bei 1500 Prozent. Gleichzeitig macht die Substanz extrem schnell abhängig und löst einen gewaltigen körperlichen Verfall aus.



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