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Fachkräftemangel als Chance

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Die Hip-Hop-Formation Nikita, die über die Bühne wirbelt, hat nicht nur eine Trainerin mit Handicap. Kassandra Wedel ist gehörlos – und auch einige ihrer Tänzerinnen können nichts hören. Welche der sechs jungen Frauen das sind, diese Frage bleibt offen am Abend zum Thema Inklusion, zu dem die Arbeitsagentur Schwäbisch Hall-Tauberbischofsheim in die Ingelfinger Stadthalle eingeladen hat.

Das Publikum sieht nur eins: Junge Frauen, die völlig synchron, perfekt im Takt und mit atemberaubender Leichtigkeit über die Bühne wirbeln. Die Tänzerinnen liefern den Beweis dessen, was Thekla Schlör, Geschäftsführerin der Arbeitsagentur vermitteln will: "Menschen mit Behinderung können nicht alles. Aber manches können sie besser als Menschen ohne Behinderung." Deshalb dürfe man Mitarbeiter mit Handicap auf dem Arbeitsmarkt keineswegs unterschätzen.

Diese Lektion lernt das Publikum noch an diesem Abend ganz schnell – dank Moderator Rainer Schmidt. Ihm fehlen von Geburt an beide Unterarme und Hände. Nur am linken Oberarm sitzt ein kleiner Daumenansatz. Doch das hindert den Verwaltungswirt und evangelischen Theologen, der als Dozent und Autor arbeitet, mit dem Tischtennisschläger jede Menge Preise und Medaillen eingeheimst hat und obendrein als Kabarettist auf der Bühne steht, weder daran Karriere zu machen, noch seinem Patenkind ein bewundertes Vorbild zu sein.

Mutig sein

Die zweite Lektion in Sachen Inklusion, die er dem Publikum in Ingelfingen auf seine humorig-provokante Art im Nu vermittelt, lautet: "Seien Sie nicht politisch korrekt." Witze über Handicaps seien nicht grundsätzlich diskriminierend. Vielmehr könnten sie auch zur Verbrüderung beitragen. Auch gegen die nach wie vor weit verbreitete Verunsicherung Nichtbehinderter gegenüber Behinderten könne man etwas machen. Sein Rezept: "Sie müssen mutig sein."

Dass sich dieser Mut auszahlt, dafür steht bei der Podiumsdiskussion Joachim Wieler, Geschäftsführer der Deeg GmbH aus Crailsheim. Der Gartenbaubetrieb hat zwölf Angestellte, darunter drei mit Behinderung. Wieler hat mit ihnen nur gute Erfahrungen gemacht. Sein Credo: "Man muss die Leute so beschäftigen, dass sie machen können, was sie am besten können."

Bereicherung

Sigrid Schmitt vom DRK Tauberbischofsheim stimmt zu. Seit sie einen jungen Mann mit Behinderung als Kaufmann-Azubi eingestellt hat, weiß sie: Sein Handicap "hat unser Team noch mehr zusammengeschweißt". Diese Erfahrung bestätigt auch Thekla Schlör. Kollegen mit Handicaps seien nicht nur fachlich, sondern "auch menschlich eine Bereicherung – nicht nur für Arbeitsteams, sondern für die ganze Gesellschaft".

Nicht nur Arbeitgeber, die Ja zu Mitarbeitern mit Handicap sagen, erhalten Hilfestellung. Das können Gehaltszuschüsse sein, wenn der Mitarbeiter nicht ganz so effizient sind wie nichtbehinderte Kollegen. Das können aber auch Umbaumaßnahmen für Barrierefreiheit sein, die bis zu 100 Prozent gefördert werden, so Wolfgang Häfner, technischer Berater der Arbeitsagentur. Auch die Unterstützung, die Menschen mit Behinderung auf ihrem Weg ins Arbeitsleben erhalten, wird immer besser. Das bestätigen nicht nur Udo Bereis vom Bildungsträger Beschäftigung und Bildungsgesellschaft und Eric Hohmann von der Berufsfortbildungszentrale der bayrischen Wirtschaft.

Gute Erfahrungen macht dabei auch Johannes Spiridis. Der junge Mann mit Behinderung war lange als Werbetexter selbstständig, sucht nun eine Anstellung und hat gleich mehrere Bewerbungsgespräche im Terminkalender stehen. Dabei gibt er offen über seine Behinderung Auskunft. Vorausgesetzt, er werde direkt gefragt oder die Anforderungen der betreffenden Stelle könnten ihn aufgrund seiner Behinderung vor Probleme stellen. Auch wenn das Arbeitsrecht nicht verlange, eine Behinderung offen zu legen, Offenheit komme bei Arbeitgebern gut an und schaffe Vertrauen. Sein Bewerbungstipp: "Hast du schon im Vorfeld Angst vor einer Abfuhr, dann bewerbe dich erst recht."

 

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