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Gratis-Bordellbesuch frei erfunden

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In Heilbronn-Horkheim erzählt man sich zurzeit eine haarsträubende Geschichte: "Angeblich fährt die Stadt auf eigene Kosten die Asylbewerber mit dem Bus einmal pro Woche zum Puff, damit die Horkheimerinnen sorglos leben können", berichtet Maria-Anna Theisen, die im Stadtteil lebt. Sie hat das Gerücht von zwei früheren Kolleginnen erfahren, mit denen sie sich zum Kaffeeplausch getroffen hatte. "Die waren überzeugt, dass das wahr ist."

Weil Maria-Anna Theisen das Ganze für "total absurd" hielt, erkundigte sie sich bei der Stadtverwaltung, ob es den Gratis-Puffbesuch tatsächlich gibt. "Im Rathaus wurde dies dementiert."Die Horkheimerin kontaktierte daraufhin ihre früheren Kolleginnen und konfrontierte sie mit ihrem Rechercheergebnis. "Doch ich bekam zur Antwort: Was ist, wenn du angelogen wirst?" Die Frauen seien nicht zu überzeugen gewesen. Maria-Anna Theisens ernüchterndes Fazit lautet: "Wenn man wirklich etwas glauben will, dann glaubt man das auch – und die anderen lügen."

Ernsthaft?

Schon im September bei der Stadtteilversammlung zur Asylbewerberunterbringung in Horkheim stellte ein Bürger die Frage nach dem Bordell. Sozialbürgermeisterin Agnes Christner antwortete damals: "Sie erwarten nicht ernsthaft, dass ich darauf antworte." Sozialarbeiter Isuf Fetahaj kennt die Horkheimer Flüchtlinge gut und ist überzeugt: "Das gab es nie und wird es nie geben, hundertprozentig." Er vermutet, dass die Bordellstory gestreut wurde, "um etwas schlecht zu machen, was hier in Horkheim gut funktioniert: das Zusammenleben von Asylbewerbern und Einheimischen. Da wird Hass geschürt."

Die 32 Iraker, Syrer und Afghanen im Alter zwischen 20 Jahren und Mitte 50, die in der alten Turnhalle untergebracht sind, würden sich Frauen gegenüber nicht so verhalten, dass diese Angst bekämen. Sozialarbeiter Fetahaj kann sich aber vorstellen, dass das Gerücht in Neckargartach entstanden ist. Die dortige Asylbewerberunterkunft in der Frankenbacher Straße liegt in unmittelbarer Nähe zu einem Bordell. "Vielleicht denken darum manche, dass Flüchtlinge dort hingehen." Nur: Auch dort sei das Gerücht frei erfunden.

Selbst in einem der größten Heilbronner Bordelle, dem H 7, wundert man sich. "Solche Gratis-Besuche hat es noch nie gegeben", heißt es aus dem Etablissement. Flüchtlinge würden sehr selten ins H 7 kommen. "Und nie auf Staatskosten." Das Bordellgebäude gehört übrigens der Stadtsiedlung, einer Immobilientochter der Stadt Heilbronn.

Ähnliche Geschichten gibt es auch im Landkreis. Eine Variante: Aus der Flüchtlingsunterkunft in der Schwäbischen Waldhalle in Wüstenrot würden Asylbewerber in Bussen zur Heilbronner Hafenstraße gefahren, "der Landkreis bezahlt’s". "Dass wir das bezahlen, ist hanebüchen", sagt Landkreis-Sozialdezernentin Susanne Hennig. Das Busunternehmen Zügel aus Wüstenrot erklärt auf Nachfrage: Noch nie habe es eine Anfrage von Asylbewerbern für eine Fahrt gegeben.

Wahrer Kern

In Hardthausen soll ein Container in einer Unterkunft für eine Prostituierte zur Verfügung gestellt worden sein, damit sie vor Ort ihre Dienste anbieten kann – organisiert habe das die Gemeinde Hardthausen. Bürgermeister Harry Brunnet wurde selbst damit konfrontiert. "Natürlich hat die Gemeinde nichts damit zu tun", sagt er. Allerdings: Landkreis-Sprecher Hubert Waldenberger bestätigt auf Anfrage, dass in dem Wohnheim eine junge Frau angetroffen wurde, die offensichtlich gegen Bezahlung aktiv geworden war. "Der genaue Ablauf war nicht nachzuvollziehen." Man beließ es bei einem Hinweis auf das Hausrecht. Die Geschichte aber machte – in märchenhaft ausgeschmückter Form – die Runde.

"Wir finanzieren keine Freudenhäuser", betont Waldenberger. 325 Euro bekommt ein alleinstehender Flüchtling in der vorläufigen Unterbringung pro Monat ausbezahlt für Essen, Trinken, Lebensunterhalt. Wohnraum wird gestellt, für Strom eine Pauschale fällig. "Bordellbesuche sind im Asylbewerberleistungsgesetz selbstverständlich nicht zu finden", unterstreicht Heilbronns Stadtsprecherin Claudia Küpper. Kreissprecher Waldenberger findet zudem: Es sei Privatsache, was Menschen – Asylbewerber oder Einheimische – mit ihrem Geld machen.

Halbwahrheiten und Märchen, die Menschen ins falsche Licht rücken

Manchmal genügt ein einziger Vorfall für eine Verallgemeinerung. Vor mehr als einem Jahr war in Neckarsulm in einer Asylbewerberunterkunft eine neue, teure Waschmaschine gegen eine gebrauchte ältere ausgetauscht worden. Kolportiert wurde anschließend: "Die Flüchtlinge verkaufen all die Waschmaschinen, die ihnen vom Kreis gestellt werden." Landratsamt-Sprecher Hubert Waldenberger weiß aber nur von dem einen Vorkommnis. Bisher habe es sich nicht wiederholt.

Völlig aus der Luft gegriffen sind manche Vorstellungen, welcher teils unsinniger Luxus Asylbewerbern zuteil wird. So bekomme jede neu zugewiesene Person grundsätzlich eine neue Matratze. Waldenberger: "Da gibt es einfach neue Bezüge." Allerdings mussten zuletzt natürlich viele Betten und Matratzen angeschafft werden, als die Flüchtlingszahlen angestiegen sind.

Ebenso verbreitet sich die Vorstellung, dass die Stadt Heilbronn oder der Landkreis für Ladendiebstähle der Asylbewerber aufkommen. So erkläre sich, dass Einzelhändler die Vorfälle nicht mehr anzeigen. Kopfschütteln und Dementis von den zuständigen Stellen.

In Öhringen hatte sich vor Monaten beharrlich das Gerücht gehalten, dass im dortigen Limespark eine 17-Jährige von Flüchtlingen vergewaltigt worden sei. Die junge Frau war niedergeschlagen worden, eine Vergewaltigung hatte sie nicht angezeigt. Dass es sich bei den Angreifern um Asylbewerber handelte, ist eine unbewiesene Behauptung. Die Täter entkamen unerkannt.

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