Stimmt.de

Titelseite.indd
Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Existenzielle Fragen

zurück zur Übersicht

Eben noch stand man mitten im stressigen Alltag. Den Kopf voller Termine und Pflichten und Nichtigkeiten, hastet man durch den Tag – und dann steht da plötzlich "Wann singt Dein Herz?". Die Frage flattert auf einem knallgelben Klebezettel im Wind. An einer Straßenlaterne, in der Bahnunterführung oder auf einer Parkbank. Und nimmt dem Alltag erstmal den Wind aus den Segeln.

Die Fleinerin Susan Barth stellt mit ihrem sozialen Kunstprojekt "Die Erinnerungsguerilla" Fragen im öffentlichen Raum und möchte damit Menschen zum Nachdenken anregen. Dafür wurde sie von der Bundesregierung ausgezeichnet und erhielt in Berlin von der Parlamentarischen Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie, Brigitte Zypries, und dem Ministerialdirektor bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Günter Winands, den Titel "Kultur- und Kreativpiloten Deutschland" verliehen. Denn Fragen zu stellen, ist eines der fundamentalsten Dinge überhaupt. Das im öffentlichen Raum zu tun und alle daran teilhaben zu lassen aber, ist neu.

Merkzettel

Vor drei Jahren klebt Barth in Berlin ihre ersten Zettelchen. "Wofür lebst Du?" und "Tut es gut, was Du machst?" steht darauf – eine Reaktion bei den Berlinern scheinen sie nicht auszulösen. Zwei Wochen später klebt Barth dann in einer Straße in Köln, und plötzlich bricht eine Welle über sie herein: Viele Kölner wollen über die Internetseite des Projekts, die auf den Klebezetteln vermerkt ist, selbst Fragezettel bestellen und die Idee weitertragen.

Mittlerweile hat die Bewegung ganz Deutschland und Teile des europäischen Auslands erfasst. Vor allem in anonymen Großstädten verbreiten Menschen die Zettel. Oder aber sie packen die Fragekleber, die es teilweise auch auf Englisch gibt, vor einer Reise in den Rucksack. So wird man mittlerweile auch auf Häuserwänden in Paraguay oder Aussichtsplattformen in Hongkong mit den existenziellen Fragen des Daseins konfrontiert. Eine soziale Bewegung ist entstanden.

Fragen säen

Fragen zu stellen ist für Barth selbstverständlich – sie ist Psychologin. Und hat festgestellt, dass die Lösung eines Problems oft auf der Hand liegt. "Wir wissen eigentlich, was gut für uns wäre, aber vergessen es, weil wir im Alltag zu viel Ablenkung haben", sagt die Fleinerin. Fragen säen und schauen, welche Blüten sie treiben, ist für sie daher wichtiger als eine konkrete Antwort zu bekommen. Die kann jeder für sich selbst finden.

Über die Internetseite der "Erinnerungsguerilla" werden Tausende neue Fragen vorgeschlagen, doch nur wenige funktionieren: die, die berühren und auf die es keine einfache Antwort gibt. "Es muss knirschen beim Nachdenken", sagt Barth. Die Bürger sollen sich nicht führen und verführen lassen, sondern bei sich bleiben und kritisch denken, lautet die Botschaft.

Noch verschickt Barth ehrenamtlich die über die Website bestellten Zettel. 3300 registrierte Besteller gibt es, darunter Schulklassen und christliche Gemeinden. Finanziert wird die "Erinnerungsguerilla" über Spenden. Das soll sich in Zukunft ändern, auch mit Hilfe der Auszeichnung der Bundesregierung. Die bringt zwar kein Geld, dafür aber wertvolle Kontakte zu anderen Preisträgern, ermöglicht gegenseitige Inspiration und Kooperation und eine einjährige Begleitung durch zwei Mentoren.

Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, hat nach dem Empfang in Berlin jedenfalls gleich einen Block der Klebelzettel mit ins Kanzleramt genommen. Und so steht vielleicht Angela Merkel beim Gang zum nächsten Meeting vor der Frage: "Was macht dir mehr Angst – Freiheit oder Sicherheit?"

Nächste Ziele

Die Zielvorgabe der "Erinnerungsguerilla" für das kommende Jahr lautet: Das Projekt muss auf solidere Beine gestellt werden. Das soll unter anderem auch mit dem Verkauf eines aus Klebezetteln und einem Buch bestehenden Kits erreicht werden. Über die Einrichtung eines Blogs zur vertiefenden Diskussion der Fragen denkt die Fleinerin Susan Barth ebenfalls nach.

Galerien

Regionale Events

Nightshopping

Am 29. Oktober öffnen die Heilbronner Geschäfte bis 22 Uhr ihre Türen.