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Junges Leben in alten Gemäuern

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Könnten Tapeten sprechen, sie hätten einiges zu erzählen. Die aus der Wilhelmstraße 17 in Heilbronn würden vermutlich gar nicht mehr aus dem Plaudern herauskommen. Immerhin sind sie einer der Gründe dafür, dass das Geschäftshaus von 1906 bis 1908 überhaupt erbaut wurde. Für seinen Handel mit Tapeten und Bodenbelägen ließ der Kaufmann Friedrich (Fritz) Mößner das viergeschossige Gebäude nach Entwürfen von Emil Beutinger und Adolf Steiner errichten. Die Fassade besteht komplett aus Sandstein und wird von vier kolossalen Säulen gegliedert. Kleine musizierende Steinfiguren tragen ein Stockwerkgesims. Bis heute prägt die Schauseite das Straßenbild der historischen Hauptverkehrsachse nach Flein, Lauffen und Stuttgart. 

 

Unter Denkmalschutz


"Genau so einen Altbau haben wir ein Jahr lang gesucht", sagt Philipp Kionka nicht ohne Stolz. Im Januar vor einem Jahr unterschrieben der 29-Jährige und sein Geschäftspartner Samuel Feimer dann tatsächlich den Kaufvertrag. Wobei aus einem Gebäude gleich drei wurden: Das Haus mit der Nummer 17 steht mit zwei Hinterhäusern untrennbar auf einem Flurstück. "Ich sträube mich gegen Neubauten oder die Sanierung von Bauten aus den 60ern", fügt Feimer hinzu, der Bauingenieurwesen mit Schwerpunkt Immobilienwirtschaft und Stadtplanung studiert hat.

Seit der Unterzeichnung fallen nicht nur die Tapeten – Schicht für Schicht. "Kernsanierung wäre die richtige Beschreibung", sagt Samuel Feimer und erinnert sich an Warmwasserspeicher, die ersetzt wurden. Decken, die neu eingezogen, oder Wände, die versetzt wurden. "Hier hatte eine Gasleitung unter dem Teppich ein ziemlich großes Leck", sagt der 27-jährige Samuel Feimer und zeigt in eine Ecke des Dachgeschosses. Dorthin, wo heute ein polierter Dielenboden strahlt. "Lebensgefährlich für die Familie, die hier bis vor einem Jahr mit zahlreichen Kindern lebte." Für sie sowie die übrigen Bestandsmieter konnten die beiden jungen Hausbesitzer durch Kontakte gleichwertige Immobilien in der Region finden. Die letzten der alten Mieter sind vor vier Wochen ausgezogen. Seither surrt wieder die Bohrmaschine und donnert der Hammer gegen alte morsche Wände und legt Holzbalken frei. Aus ein, zwei, drei Wohnungen werden so nach und nach Wohngemeinschaften (WGs) für ab 1. März insgesamt 22 junge Mieter – Studenten der Dualen Hochschule (DHBW) sowie der Hochschule Heilbronn (HHN), junge Arbeitnehmer und Auszubildende. Alle im Alter von 20 bis 29 Jahren. 

Bereits im August 2014 zogen die ersten jungen Mieter ein. Darunter Sofia Saltykova, die im ersten Semester Internationale Betriebswirtschaft an der Hochschule studiert. "Viele WG-Zimmer in Heilbronn sind zu klein und die Preise zu hoch", erklärt die 21 Jahre alte gebürtige Moskauerin. In der Wilhelmstraße 17 habe sie sich sofort wohl gefühlt – auch wenn bei der Besichtigung ihres heutigen Zimmers noch der Putz von der Decke rieselte und Kabel aus den Steckdosen ragten. Statt Tapeten hängen bei Sofia alte Kalenderbilder an der Wand.

Die Möbel stammen überwiegend von Ikea. "Jeder soll die Freiheit haben, sein Zimmer selbst einzurichten", erklärt Samuel Feimer, warum sie unmöbliert vermieten. In den Gemeinschaftsräumen wie Küche, Bad und Essbereich sorgt vor allem Philipp Kionka für das gewisse Etwas. "Ich achte gerne auf Details wie den Kickertisch – und liebe Lampen", erklärt der Betreiber des Kreativzentrums in der Salzstraße. "Die eine oder andere in der WG stammt von einem Streifzug durch Frankreich." Dass es auch für junge Vermieter nicht immer leicht ist, stellten Feimer und Kionka fest, als sie blaue Schleifspuren an der Wand im Treppenhaus entdeckten. "Die Bewohner haben einfach diese hässliche Eckcouch hier reingestellt", erklärt Philipp Kionka mit einem Schmunzeln.

Doch wer kann schon von sich behaupten, mit seinen Vermietern um die Häuser gezogen zu sein? "Durch die Kontakte der beiden waren wir schon gemeinsam in Clubs, standen auf der Gästeliste", erinnert sich Sofia Saltykova an die vergangenen Partynächte. Doch Feimers und Kionkas Pläne gehen weiter: Nach dem Vorbild von Großstädten wie Berlin und Hamburg soll das gesamte Grundstück belebt werden. In einem der Schuppen entsteht eine private Fahrradmanufaktur, daneben eine Werkstatt für Künstler und im ehemaligen Bunkerkeller will Musiker Tobias Dreischer (30) die in Heilbronn so vermissten Proberäume einrichten. "Auch die Bank freut sich darüber, dass wir solche Flächen, wenn auch günstig, vermieten", stellt Samuel Feimer fest. Ab Mai entstehen im Hinterhaus drei weitere Studenten-WGs. Und damit es danach nicht langweilig wird, haben Kionka und Feimer gerade erst einen weiteren Altbau in der Bruckmannstraße gekauft
 

Wohnungsmarkt


7000 Studenten zählt Heilbronn aktuell. Und es werden immer mehr. Neben dem Studierendenwerk reagieren auch private Bauträger und planen Wohnheime. Ein Zimmer in der Wilhelmstraße 17 kostet alles inklusive 340 Euro.


 

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