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Er hat noch was im Glas

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Respekt. Witze über den Islam, satirische Knock-Outs gegenüber Islamisten: Dieter Nuhr bleibt unerschrocken. Seit den Anschlägen auf die Twin-Towers 2001 hält es Nuhr für seine kabarettistische Bürgerpflicht, auch auf diesen Wahnsinn einzugehen.

Weg sehen, gilt nicht. Dieter Nuhr macht weder Halt vor salafistischen Bartträgern, katholischen Priestern, Botox gespritzten Schreckgespenstern, der Klimawandel-Hysterie, Männern und Frauen, den Wildwüchsen der Gender-Debatte und dem nörgelnden Nachwuchs.

Lange Schlangen bilden sich am Samstagabend vor den zwei geöffneten Einlässen der Harmonie. 1900 Fans wollen Dieter Nuhr in Heilbronn sehen, wer eine Handtasche oder einen Rucksack dabei hat, muss sich einer Kontrolle unterziehen. "Völlig normal bei einer Großveranstaltung", sagt ein Mitarbeiter von Veranstalter S-Promotion Event. Abgesehen davon, dass Nuhr bereits Morddrohungen erhalten hat.

Riesenapplaus dann, als Nuhr auf die Bühne kommt. Gut zweieinhalb Stunden wird er reden, provozieren, unterhalten. "Nuhr ein Traum" heißt das Programm, das er seit Dezember 2013 stets aktualisiert, um Aufreger wie die Helmpflicht für Radfahrer etwa und Griechenland. Smartphone-Unsitten, Ehefrust, Vegetarier und die Abgründe der menschlichen Traumwelt gehen allerdings immer. Auch Möchtegern-Religionswächter und Bushido.

 

Aufreizend trocken


"Und ficke Dieter Nuhr, diesen riesen Haufen Kacke", imitiert Nuhr Bushidos Hasstiraden auf dessen Single "Stress ohne Grund". Dabei mag er Bushido. "Er erschießt dich nicht." Nuhr hat nachgerechnet, wie oft der Rapper in seinen Songs irgendwelche Mütter fickt. Muss ein Komplex sein. Wenngleich, Nuhr lächelt, "ich glaube, er gibt eine bisschen an."

Nuhr teilt aus, springt zum nächstens Thema, kehrt zurück, greift nochmal auf. "Du, deine Mutter ist schwul", wollten ihm Halbstarke den Sitzplatz in der Bahn streitig machen. Der Running Gag des Abends wird bei Nuhr nicht peinlich, aufreizend trocken streut er den Kalauer.

"Ich habe das nicht, dieses Grund-Kotz-Gefühl", kokettiert Nuhr, der erste Auftritte als Messdiener hatte. Sein Vorbild ist der Papst, schließlich ist auch er katholisch – und Komiker. Unverdrossen bemüht Nuhr den Mythos der 72 Jungfrauen, die auf den gläubigen Märtyrer im Paradies warten. Während sich der Durchschnitts-Christenmensch mit zehn nackten Frisösen bescheidet.

Wie war das mit der kulturellen Differenz? In Saudi-Arabien erschrecken sich die Männer, wenn sie eine Frau auf dem Fahrrad sehen. "Wir erschrecken uns, wenn sich einer in die Luft schießt". Könnte am Alkohol liegen, überlegt Nuhr: "Ach, spreng’ du dich in die Luft, ich habe noch was im Glas", würde der gesellige Westler sagen. Dieter Nuhr duldet keine Selbstzensur. Erst recht nicht, wenn jetzt die Solidaritätsbekundungen nach dem Anschlag auf das Satire-Magazin "Charlie Hebdo" verklingen.

 

Heilanstalt


Die Welt ist eine Heilanstalt, wer ist Arzt, wer Patient? Wird Nuhr im Ausland gefragt, woher er kommt, antwortet er ’Österreich’: "Die hatten mit Hitler nichts zu tun."

Dieter Nuhr hat seine Erwartungen runtergeschraubt, erspart sich Enttäuschungen und verlängert die Zeit zwischen jugendlicher Unzufriedenheit und Altersdemenz. Steigender Dax, boomende Krise und die bange Frage, was mache ich mit meinem Geld: "Behalten Sie es, oder geben Sie es aus", rechnet er mit den Miesepetern ab und dem "Bullshit", der im Internet verlinkt wird und auf Facebook kursiert. Das Internet ist das Medium der Beleidigten, resümiert er. Hundehalter, Salafisten, Vegetarier, die Lebensmittelbranche: Irgendwer ist immer beleidigt.

Kurz vor elf ist Schluss, ein paar Mal wischt er übers Tablet, sein Pult auf der Bühne, gibt zwei Zugaben und geht unter tosendem Applaus.


 

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