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Fall Florian H. wirft Fragen auf

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Es ist ein schwerer Gang für Gerhard H. aus Eppingen. Er sitzt im Stuttgarter Landtag und muss vor dem Neonazi-Untersuchungsausschuss über den Tod seines Sohnes Florian sprechen. Am 16. September 2013 verbrannte der damals 21-Jährige in seinem schwarzen Peugeot auf dem Cannstatter Wasen. Es ist ein Fall, der viele Fragen aufwirft. Zum einen geht es darum, ob Florian H. über Hintergründe des Mordes an der Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 auf der Heilbronner Theresienwiese informiert war. Musste er sterben, weil ihn die rechtsextremistische Szene beseitigen wollte?

Gerhard H. ist sich sicher, dass diese Frage mit Ja beantwortet werden muss. Die Theorie der Ermittler, dass der junge Mann aus Liebeskummer einen Suizid begangen haben soll, bestreitet er. Dies passe nicht zu seinem Sohn.

 

Erpressung


Gerhard H., 58, von Beruf Pflegekraft, äußert sich im Landtag auch knapp anderthalb Jahre nach dem Tod seines Sohnes ruhig und gefasst. Er berichtet davon, wie Florian immer mehr in die rechtsextremistische Szene hineingerutscht sei. Als er sich von dieser wieder lösen wollte, sei es zu spät gewesen. Florian H. sei erpresst worden, habe ständig Botengänge für die Neonazis erledigen müssen und von diesen Waffen bei sich gelagert. Der Sohn habe ihm immer wieder von verschiedenen rechten Gruppierungen erzählt. Dabei sei der Name Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) – lange vor dem Auffliegen der Zwickauer Terrorzelle im November 2011 – gefallen. Der Gruppierung werden zehn Morde an Kleinunternehmern mit ausländischer Herkunft und an der Polizistin Kiesewetter zugerechnet. 

Gerhard H. spricht intensiv über die rechtsextremistische Szene in Heilbronn, die wegen des Kiesewetter-Mordes besonders im Fokus ist. Die Schwester des Toten, die 29-jährige Tatjana H., erzählt sogar von einer rechten Gruppierung in der Heilbronner Polizei. "Sie haben dafür gesorgt, dass kein Polizist vor Ort war, als Rechte eine Döner-Bude aufgemischt haben", nennt die Frau ein Beispiel. Sie bricht mehrmals in Tränen aus, als sie über ihren Bruder erzählt. "Er hat immer gesagt: Es bringt nichts zu flüchten. Sie finden mich überall." Die Familie erhebt schwere Vorwürfe gegen die Polizei. Diese habe nach dem Tod Florians nicht mit ihnen gesprochen. Die Familie habe das Vertrauen in den Staat und die Polizei vollkommen verloren. Die Beamten hätten die These des Suizids einfach übernommen. "Wir leiden immer noch, weil unser Sohn in den Dreck gezogen wurde."

 

Computer


Unerklärlich ist es für den Vater, dass sich die Polizei nicht für den Laptop und das Handy von Florian interessierte. Florians Geschwister haben die beschädigten Geräte aus dem ausgebrannten Wagen genommen. Zudem haben sie dafür gesorgt, dass der Wagen nicht einfach verschrottet wurde.

Heftige Kritik übt die Familie auch am Programm "Big Rex" des Landeskriminalamts, das Aussteigern aus der rechten Szene helfen soll. "Die schwätzen immer nur", habe der Florian über seine Ausstiegspläne erzählt. "Die wollen nur Informationen – und ich bekomme immer mehr Druck von außen."

Am Abend wird dann noch Florians damalige Freundin Melisa M. in nicht-öffentlicher Sitzung befragt. Der Ausschuss wird sich am 9. und 13. März weiter mit dem Tod von Florian H. beschäftigten.


 

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