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Wahnsinn aus der Tüte

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Es ist ein Alarmruf, der im Gedächtnis haften bleibt: "Das sind immer neue Substanzen in den Mischungen, Stoffe, die noch nie an Menschen auf ihre Wirkung ausprobiert wurden. Das Risiko ist nicht abschätzbar." Professor Volker Auwärter ist Toxikologe der Uniklinik Freiburg, und was er auf einem Fachtag von Stadt- und Landkreis Heilbronn zum Thema Kräutermischungen und andere neue Drogen berichtet, ist nur ein Baustein, der Laien erschaudern lässt.

Die neuen Designerdrogen, im Labor hergestellt, sind vor allem bei jungen Menschen auf dem Vormarsch. Per Internet werden sie als sogenannte "Legal Highs", angeblich legale Drogen, angepriesen, Mit buntem Image, coolen Namen, billiger als Cannabis, sind die Substanzen auch in der Region Heilbronn längst angekommen. Die Folgewirkungen: teilweise katastrophal, mit Flashs zwischen aggressivem Ausrasten und Bewusstlosigkeit, nicht selten lebensgefährlich. Ein Wirkstoff sind synthetische Cannabinoide. Das Problem für die Polizei: Mit aufwendigen Labortests sind die künstlichen Substanzen nachweisbar, bei Schnelltests dagegen nicht.

"Es ist eine dramatische Entwicklung", sagt Dieter Ackermann vom Präventionsbereich Jugend im Polizeipräsidium Heilbronn. Man erlebe viele Jugendliche, die "ohne erkennbaren Grund" erheblich ausrasten. Einlieferungen ins Krankenhaus sind häufig, "nahezu jedes Wochenende haben wir derartige Fälle", berichtet sein Kollege Jörg Tüx vom Fachbereich Rauschgift.

Im Jahr 2015 wurden in Heilbronn bis September 48 Zwölf- bis 17-Jährige mit Vergiftungen durch Alkohol oder Drogen ins Krankenhaus gebracht – bei der Hälfte geht man vom Konsum der neuen Designerdrogen aus.

Als "Wahnsinn aus der Tüte" bezeichnet Katrin Köhler vom Landeskriminalamt in Stuttgart die bunten Kräutermischungen. Es habe schon einige Todesfälle gegeben – beispielsweise seien Konsumenten im Rausch aus dem Fenster gesprungen.

Eltern ahnungslos

Helena Resch, Leiterin der Jugend- und Suchtberatung Heilbronn, kennt Fälle, in denen Mädchen voll benebelt durch neue Drogen "sexuellen Übergriffen ausgesetzt" waren, weil sie nichts mehr mitbekamen. Zwei schwangere 16-Jährige sind in einer Frühinterventionsgruppe. Der regelmäßige Konsum habe gerade für die Entwicklung einer jungen Persönlichkeit gravierende Auswirkungen. Sie hat schon einige 14- bis 16-Jährige in eine Drogen-Reha vermittelt. Konsumenten kämen aus allen sozialen Schichten. Die Eltern "wissen oft überhaupt nicht, um was es geht". Wenn Resch in der Sprechstunde von den Kräutern berichtet, "sind sie hell entsetzt, dass man so gefährliche Dinge im Internet bestellen kann".

Unberechenbar

Streetworkerin Irene Mutscheller erklärt, dass der Rausch der neuen Drogen "20-fach stärker als bei Cannabis" sei. Sie kennt Jugendliche, die wüssten um die großen Gefahren, rauchten dennoch weiter. Für Mutscheller ist das "erschreckend". Ihr Kollege Ercan Efe hat einen Fall erlebt, dass ein junger Azubi, Konsument der neuen Drogen, in der Abschlussprüfung die einfachsten Dinge nicht mehr hinbekam. "Er wusste nicht mehr, wie es geht." Völlige Orientierungslosigkeit, Gedächtnisverlust bis hin zu massiven Potenzstörungen hätten Jugendliche erlitten. Efe: "Und das mit 17."

Noch sind es Einzelfälle, die in der Obersulmer Fachklinik Friedrichshof wegen der neuen Drogen in Behandlung sind. Eine Abhängigkeit entwickele sich über Jahre, erklärt Leiter Detlef Kölling. Er sieht die große Gefahr, dass die "unberechenbaren Substanzen", die immer wieder anders zusammengemischt werden, von Süchtigen verharmlost werden. Könne ja nicht so schlimm sein, wenn es im Internet zu kaufen sei.

Polizei und Politik spielen eine Art Hase-und-Igel-Spiel mit den Dealern. Kaum ist eine Substanz verboten, ändern die Rauschgiftköche die Rezeptur.

Für Kölling ist das Angebot der neuen Designerdrogen vor allem eines: "eine perfide Art der perfekten Marktwirtschaft".

Klinikleiter Detlef Kölling
Suchtberaterin Helena Resch

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