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Lichterketten gegen den Hass

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Fremdenfeindlichkeit war ein beherrschendes Thema in Deutschland kurz nach der Wende, ausgelöst durch mehrere Anschläge. Ende November 1992 kamen bei einem von Neonazis verübten Brandanschlag im schleswig-holsteinischen Mölln drei Menschen ums Leben, in einem von türkischen Familien bewohnten Haus.

Die Empörung in ganz Deutschland war groß, es gab unterschiedlichste Aktionen gegen Fremdenhass, auch in Heilbronn, wo das Zusammenleben weitgehend friedlich funktionierte. Die Heilbronner Stimme vom 10. Dezember 1992 druckte einen ungewöhnlichen Text auf der Titelseite: den Heilbronner Aufruf. "Wir fordern alle verantwortungsbewussten Bürger auf, sich für das friedliche Zusammenleben aller in der Region lebenden Menschen einzusetzen, jede Diskriminierung von Fremden, Randgruppen oder Behinderten entgegenzutreten und in praktischen Schritten das Verständnis und den Dialog zwischen den einzelnen Gruppen zu fördern."

20 335 Unterschriften

Der Appell war ein paar Tage zuvor bei einem Stimme-Dialog verabschiedet worden: "Heilbronner Aufruf löste eine Lawine aus", titelte unsere Zeitung. Innerhalb weniger Tagen unterschrieben fast 1000 Bürgerinnen und Bürger. Es gab Listen in Schulen, Vereinen, Gewerkschaften, bei Gottesdiensten, in der Schalterhalle der Kreissparkasse. Bis Anfang Februar hatten sich 20 335 Bürger dem Heilbronner Aufruf angeschlossen.

Am 21. Januar 1993 kam es in Heilbronn zu einer der eindrucksvollsten Demonstrationen der Nachkriegsgeschichte: 15 000 Menschen formierten sich zu einer Lichterkette. Bürgermeister, Landrat, Parteien, Gewerkschaften, IHK, Handwerkskammer und Kaufleute hatten dazu aufgerufen. Es war verkaufsoffener Donnerstag, einige Läden, darunter Kaufhof und Horten, schlossen bereits um 19.30 Uhr, um ihren Mitarbeitern die Teilnahme zu ermöglichen. Auch in Landkreisgemeinden gab es Menschenketten, Bad Rappenau zählte 300, Brackenheim 500 Teilnehmer. Einige hundert Schüler waren in Weinsberg und Neuenstadt auf der Straße.

Im Februar 1993 folgte eine Kampagne der Zeitungsverleger, auch die Heilbronner Stimme war dabei. Aufkleber mit der Aufschrift "Ausländerhass – wir sagen nein" lagen insgesamt 100 Zeitungen in den alten und neuen Bundesländern bei.

Bürgerkriegsflüchtlinge

Die Kampagnen waren nicht nur eine Reaktion auf die Taten der Rechtsextremen. Anfang der 90er Jahre hatte die Flüchtlingswelle aus den Balkanstaaten eingesetzt, eine Folge des Bürgerkriegs. Deutschland nahm knapp die Hälfte der schätzungsweise 735 000 Bürgerkriegsflüchtlinge auf – und viele aus Ex-Jugoslawien kamen auch in die Region.

Das Ringen um die menschenwürdige Unterbringung von Flüchtlingen, die Hilfsbereitschaft von Ehrenamtlichen, aber auch Debatten um Obergrenzen und die Furcht vor einer Polarisierung der Gesellschaft bewegten die Menschen damals wie heute. Die in der Heilbronner Stimme Anfang 1992 veröffentlichte Statistik weist für das Oberzentrum 927 Flüchtlinge aus, Eppingen bringt 126 und Neckarsulm 168 Menschen unter. Die Zahlen gehen rasant nach oben. Zum Jahresende leben in Neckarsulm bereits 640 Flüchtlinge. Die Kommunen konnten kaum noch Wohnungen bereitstellen. Die Zuweisungsquote war auf 1,25 Prozent erhöht worden, also 12,5 Asylbewerber pro 1000 Einwohner. Zum Vergleich: Derzeit liegt die offizielle Quote noch bei 1,05 Prozent.

Bis zu 1000 Flüchtlinge waren zur Zeit der größten Andrangs in den ehemaligen US-Kasernen in Heilbronn untergebracht, knapp 300 auf der Waldheide, 80 im Flüchtlingsheim in der Austraße. Eine dezentrale Unterbringung gab es nur für 300 Menschen, die in Gaststätten wohnten. Anders als heute war die soziale Betreuung nur unzureichend geregelt, die auf der Waldheide Einquartierten etwa waren meist sich selbst überlassen, wie aus Zeitungsartikeln hervorgeht. Und nicht immer ging es in den Heimen friedlich zu.

Schlimme Übergriffe auf Menschen und Gebäude hat es in Heilbronn damals – glücklicherweise – nicht gegeben, aber viele Hilfsangebote: Asylcafés, Asyl-Freundeskreise und eine Ideenbörse für Helfer.

 

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