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Wohin geht die Reise, Hansi?

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Ohne dass das Gebäude in guter Lage ausgeschrieben worden wäre, klopften bei der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Heilbronn bereits zwei Kaufinteressanten an. Die würden das in die Jahre gekommene Hans-Rießer-Haus wohl durch einen Neubau ersetzen. Der Sanierungsbedarf wurde auf acht Millionen Euro beziffert. Die Kirche nahm dies zum Anlass für ein ergebnisoffenes Gutachten. Unter dem Titel "Zukunft für das Hans-Rießer-Haus – Alternativen für die Verwaltung“ hat es Kirchenpfleger Rolf Krieg jetzt dem Gesamtkirchengemeinderat vorgestellt – im großen Saal des gerne Hansi genannten Gebäudes. Prompt gingen die Emotionen hoch.

Emotionen

Krieg wurde gar mitten im Vortrag von einem "entsetzten“ Ratsmitglied unterbrochen: Michael Greiner, im Hauptberuf Leiter des Staatlichen Hochbauamtes, war fast aus dem Häuschen. Er hob den hohen Identifikationswert des Hansi hervor und die Emotionen, die viele kirchlich Sozialisierte damit verbinden – auch er, der hier vor 45 Jahren als Jungscharleiter wirkte. Kurzum: Das Haus in guter Lage sollte man nicht leichtfertig aufgeben. Eben deshalb, so hob Ratsvorsitzender Henning Hoffmann hervor, habe man einen Prozess in die Wege geleitet, bei dem wichtige Aspekte "abgeklopft“ würden und später "in Ruhe“ eine angemessene Entscheidung getroffen werden könne.

Saal

Das fünf Stockwerke hohe Haus wird überwiegend von kirchlichen Verwaltungsstellen genutzt. Im 3. Stock findet sich ein Arzt, im Erdgeschoss ein Frisör und ein Diakonie-Lädle. Allein der ehemalige "Allerhand“-Laden der Aufbaugilde steht seit Januar leer. Leerstände gibt es laut Krieg ansonsten keine, allerdings seien großer und kleiner Saal "mangelhaft“ belegt: neben zwei Chorproben pro Woche gibt es dort nur punktuell Veranstaltungen.

Bei einer Gesamtnutzungsfläche von 2370 Quadratmetern in fünf Stockwerken und 800 im Keller liege der Grundbedarf für Kirchenpflege, Verwaltungsstelle, Kindergarten-Fachberatung und Gaffenberg-Geschäftsstelle bei zusammen 940 Quadratmetern. Weitere Einrichtungen müssten allerdings noch angefragt werden: bezüglich Flächenbedarf, aber auch, ob sie Umbau oder Umzug bevorzugen.

Das noch nicht abgeschlossene Gutachten hat bereits Alternativstandorte gefunden, die alle in Kirchenbesitz sind: Friedensplatz 12, Bismarckstraße 54, Moltkestraße 80, Wilhemstraße 18, Wilhelm-Busch-Straße 6, Am Hohrain. Meist handelt es sich hier um Freiflächen neben kirchlich genutzten Häusern.

In einem weiteren Schritt soll ein "Zukunftsausschuss“ eine genaue Konzeption ausarbeiten: "Was wollen wir für wen um welchen Preis und so weiter“, erklärt Krieg. Dabei sollen verschiedene Einrichtungen befragt werden: von CVJM über Schuldekanat bis zur Prälatur. Weiter werden die Vor- und Nachteile eines Verwaltungszentrums ausgearbeitet, aber auch der Einbau anderer Nutzungen, etwa Sozialwohnungen.

In der lebhaften Debatte wünschte sich Aufbaugilde-Chef Hannes Finkbeiner nicht nur ein Verwaltungszentrum, sondern vielmehr ein "Haus der Kirche“, das mit vielfältigen Angeboten für die "Marke Evangelische Kirche“ in der Innenstadt stehe. Eine Neukonzeption müsse auch die langfristige Entwicklung der Kirche, der Gemeinden, ihrer Mitglieder und Mittel im Blick behalten, betonte Pfarrer Steven Häusinger.

Die eigenen Emotionen zurückstellend – "schließlich bin ich hier groß geworden“ –, gab Pfarrer Richard Mössinger zu bedenken, dass bei der Miete über Jahrzehnte zu wenig auf Wirtschaftlichkeit geachtet worden sei – bis hin zur Landeskirche, die hier teils gar nichts zahle. Dr. Helmuth Bolzmann hob am Beispiel von Chorproben den "ideelen Nutzungsbedarf“ hervor.

Mietfrage

Von der Vermietung an Außenstehende riet Pfarrer Matthias Treiber ab. "Das gibt nur Ärger, wenn die Kirche hohe Mieten verlangt.“ Er sei dafür, sich einzumieten. So wolle es auch der Oberkirchenrat, der gegen die Sanierung sei, wusste Ratsmitglied Frieder Veigel. Ein angemessener Neubau käme teurer, rechnete Michael Greiner vor und wiederholte: "So ein Haus gibt man nicht auf.“ Und: Dass "man in Mietfragen betriebswirtschaftlich denken darf, macht uns die katholische Kirche vor“.

54 Jahre alt

Das Hans-Rießer-Haus wurde in der Zeit von Dekan Dr. Günther-Joachim Siegel 1961/62 gebaut. Damals zählte die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Heilbronn noch 42 000 Mitglieder, heute sind es noch 19 742. Die ursprüngliche Bezeichnung lautete Zentralgemeindehaus. Gleichzeitig diente das Gebäude der Kiliansgemeinde als Gemeindehaus. Ein Schwerpunkt der Arbeit lag – abgesehen von den Verwaltungsstellen in den Obergeschossen auf der Jugendarbeit. Viele Gläubige wurden hier kirchlich sozialisiert und sprechen schlicht vom Hansi.

 

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