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Wenn net nicht nett bedeutet

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"Deutsch klingt total interessant. So anders als Spanisch, exotisch“, beschreibt Mariano Bravo Ortega seine Leidenschaft für die deutsche Sprache. Der 22-Jährige lernte die ersten Vokabeln bereits in seiner Heimat Mexiko.

Bevor Mariano für ein Praktikum ins Unterland kam, studierte er ein Semester in Siegen/Nordrhein-Westfalen. Jetzt wohnt er in einer Studenten-WG in Heilbronn. Zu Beginn seines Studiums der Mechatronik am Instituto Tecnológico de Estudios Superiores in Monterrey (Mexiko) musste er einen sprachlichen Schwerpunkt wählen. "Ich hätte auch Italienisch, Französisch oder Chinesisch wählen können. Aber ich habe sofort an Deutsch gedacht“, sagt der junge Mexikaner. "Deutschland ist der ideale Ort, um bei einem großen Automobilkonzern zu arbeiten. Ich habe mich einfach besonders angestrengt, um mit dem Deutschen Akademischen Auslandsdienst (DAAD) nach Deutschland zu kommen“, ergänzt Mariano und grinst verschmitzt.

Auch Martha Milán Garza hat sich im ersten Semester ihres Studiums bewusst für Deutschland entschieden. "Es ist einfach das beste Land für alle Ingenieurberufe. Auch wenn ich mich vorher nicht für die deutsche Sprache interessiert hatte“, gibt sie lachend zu. Seit die beiden Deutsch als ihre Schwerpunktsprache gewählt haben, haben sie gemeinsam dreimal die Woche Deutschunterricht. Auch die 22-Jährige hat zunächst ein Semester in Deutschland studiert: Chemieingenieurwesen in Karlsruhe.

Deutsch in Deutschland

Und wie kommen die Beiden in Deutschland mit der Sprache zurecht? "Wir hatten sehr viel Deutschunterricht – und doch war alles so anders, als wir hier ankamen. Ich habe viel verstanden, aber mich nicht getraut, zu reden. Das Schlimmste war, eine Konversation anfangen zu müssen“, sagt Mariano. "Ich habe immer so lange gebraucht, weil ich mir vorher alle Sätze in meinem Kopf zurechtgelegt habe. Ging es um etwas anderes als das Wetter oder Hobbys, war ich verloren! Deshalb habe ich in den ersten Wochen absichtlich versucht, Gespräche mit Deutschen zu vermeiden.“ Martha nickt: "Ja, es war alles anders und neu. Vor allem die Vorlesungen waren sehr schwer zu verstehen. Aber Smalltalk war kein Problem für mich. Ich habe einfach geredet. Irgendwie.“ Ihre Mitbewohnerinnen in Karlsruhe halfen und nahmen ihr die Angst vor dem Reden. Nur der schwäbische Dialekt machte Probleme: "Bei ’Das mache ich net’ habe ich an das Wort ’nett’ gedacht und nicht gewusst, was die Leute meinten. Das war echt krass: Es hat so lange gedauert, bis ich verstanden habe, ‚net’ steht für ’nicht’,“ erklärt Martha mit einem breiten Grinsen.

Mexiko vs. Germany

Bei der Frage nach dem größten kulturellen Unterschied müssen beide nicht lange überlegen. In Mexiko leben Martha und Mariano noch bei ihren Eltern, wie eigentlich alle jungen Menschen. Es ist nicht üblich, schon während des Studiums alleine zu wohnen. "Ich denke, ich lebe bei meinen Eltern, bis ich vielleicht 26 Jahre alt bin. Also zumindest, bis ich genug Geld verdiene. Manche bleiben sogar noch länger zu Hause – bis sie heiraten. Das ist ganz anders als hier. Aber dafür hat fast jeder sein eigenes Auto. Ich liebe mein Auto. Ich fahre viel lieber selbst, als dass ich das Taxi nehme“, sagt Mariano.

"Hier in Deutschland sind die Stadtbahn und der Bus meine einzigen Optionen, aber es funktioniert sehr gut. Es gibt Fahrpläne und man kann alles planen. In Mexiko geht man einfach auf die Straße und wartet auf den nächsten Bus, der vorbeikommt“, erzählt Martha mit einem immer noch erstaunten Gesichtsausdruck. "Ich weiß gar nicht, wie ich wieder mit meinen Eltern zusammenleben soll. Das wird super komisch“, gesteht Mariano. Ihm ist aber vor allem ein weiterer Unterschied zwischen Mexiko und Deutschland aufgefallen: "Hier ist alles so multikulturell. Es ist verrückt: Ich gehe auf die Straße und höre drei, vier verschiedene Sprachen und sehe Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern. Ganz viel um mich herum verstehe ich gar nicht, weil es nicht Deutsch ist. In Mexiko passiert das nicht: Die einzige Sprache, die man dort hört und spricht, ist Spanisch.“

Essen

Bei der Frage, worauf sie sich am meisten freuen, wenn sie wieder nach Mexiko zurückkehren, blitzen die Augen der beiden und wie aus einem Mund schallt es: "Tacos!“ Die mögen sie am liebsten mit gehacktem Fleisch, Limetten und scharfer Soße. "Die gibt es hier einfach nicht. Das fehlt mir so. Genau wie sonstige Snacks, die man einfach irgendwo am Straßenrand kaufen kann. Zum Beispiel Elotes, Maiskolben, oder Chips preparados: Das ist eine kleine Tüte Chips, die nach Wunsch mit verschiedenen Gewürzen und Soßen in der Packung – also to go – zubereitet wird.“

Noch während Martha von den Tacos schwärmte, kommen Mariano Tortillas in den Sinn und er beginnt, einen imaginären Teig mit seinen Händen zu formen. Dabei stellt er klar, dass sie "einfach zu jedem Essen dazu gehören. Tortillas de maicena (Fladen aus Maismehl) gibt es als Beilage, immer. "Die benutzen wir so wie ihr das Messer, um damit das Essen auf die Gabel zu schieben“, beschreibt er das Essen.

Auch wenn sie das mexikanische Essen teils sehr vermisst haben, möchten die beiden Lateinamerikaner auf jeden Fall nach Deutschland zurückkommen. "Das war nicht mein letztes Mal in Deutschland“, stellt Martha entschlossen fest. Mariano denkt sogar darüber nach, seinen Master in Deutschland zu machen. Doch zunächst stehen die Rückreise und ein weiteres Jahr Uni in Mexico an.    

                              

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