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Dolmetscherin, Fahrerin und manchmal Mama

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Oft wird Melanie Rettich (20) gefragt, was sie als Mitarbeiterin im Bundesfreiwilligendienst im Flüchtlingsbereich den ganzen Tag über macht. Wer eine ehrliche Antwort will, muss Zeit mitbringen, denn die Liste ist lang: Die Krautheimerin ist englisch-deutsche Dolmetscherin für syrische und pakistanische Flüchtlinge, Taxifahrerin – sie fährt Flüchtlinge in ihrem eigenen Ford Fiesta zu Ämtern und Ärzten –, sie kümmert sich um die Kleider- und Möbelkammer, sie hilft Asylbewerbern bei der Wohnungs- und Jobsuche, schreibt für sie Bewerbungen, hilft mit Dokumenten, Führerscheinen und bei Passangelegenheiten. Es ist ein Fulltime-Job. Offiziell arbeitet sie 39 Stunden die Woche. Dafür bekommt sie als Bundesfreiwillige ein Taschengeld in Höhe von 372 Euro und Fahrgeld. Sie dient. Dabei wird man nicht reich. 

Unterricht

Zunächst begann die heute 20-Jährige noch als Schülerin mit dem Deutschunterricht in der Flüchtlingsunterkunft in Krautheim-Berg. Schnell wurde ihr klar: "Wenn du Deutsch machst, machst du alles.“ Seit September, nach dem Abi am Sozialwissenschaftlichen Gymnasium in Öhringen, ist sie nun "Bufdi“, wie die Bundesfreiwilligen gerne abgekürzt werden. Die Stadt Krautheim suchte händeringend jemanden, der sich um die Flüchtlinge in der Anschlussunterbringung kümmert. Offiziell ist sie jetzt Mitarbeiterin der Stadt Krautheim und hat sogar ein Büro im Rathaus. Auch der Kontakt zu den Flüchtlingen in der Erstunterbringung in Krautheim-Berg – hier ist der Landkreis zuständig – ist derweil nicht abgerissen, auch wenn sie den Deutschunterricht dort aufgegeben hat. So macht sie de facto Sozialarbeit für beide Flüchtlingsgruppen – in der Erst- und in der Anschlussunterbringung. 52 Personen sind das, Syrer und Pakistani. Sie betreut Familien, aber auch Männer. Der Jüngste ist gerade mal 16.

Als Frau allein unter überwiegend männlichen Klienten – das ist nicht immer leicht, gibt sie zu. "Ich bin jünger, eine Frau und klein.“ Da sei es wichtig, als Frau „den eigenen Mann zu stehen“. Männliche Klienten müssen sich daran gewöhnen, dass Melanie Rettich auf die Einhaltung von Abmachungen und Regeln pocht. Das geht, wie sie erzählt, schon bei der Pünktlichkeit los. 10 Uhr bedeute 10 Uhr und nicht 12 Uhr. Überhaupt: Ein großer Teil ihrer Arbeit bestehe in der Terminkoordination.

Begleitung

Der Kontakt zu Flüchtlingsfrauen ist anders gelagert. Die Frauen suchen gelegentlich das Gespräch von Frau zu Frau oder wollen Begleitung beim Arztbesuch. "Manchmal bin ich wie eine Mama“, sagt Melanie Rettich allgemein. Bei ihrer Arbeit ist gleichwohl professionelle Distanz wichtig. Inzwischen trennt sie privates und dienstliches Handy strikt. Alle Facebook-Kontakte zu Flüchtlingen hat sie gelöscht. "Da hätte ich viel zu tun bei 52 Personen.“

Der Typus der Flüchtlinge hat sich inzwischen verändert. Diejenigen, die in der ersten Welle vor drei oder vier Jahren kamen, seien inzwischen der deutschen Sprache mächtig, in Arbeit und oft auch in Vereinen integriert. In der zweiten Welle kamen junge Männer. In der dritten sehr junge Männer und Jugendliche. Die Motivation, die deutsche Sprache zu lernen, sei schwächer als noch bei der ersten Welle. Vielleicht, weil mancher ahnt, dass die Bleibeperspektive gering ist.

Ihr Freiwilligendienst fordere indes nicht nur, er gebe auch viel zurück, sagt Rettich. Sie erfährt Dankbarkeit, wird von Familien zum Essen eingeladen. Es sei ein schönes Gefühl, helfen zu können. Wenn sie mal nicht da ist, seien mache Flüchtlinge regelrecht fassungslos: "Wie, nicht da?“ Aber manchmal frage sie sich auch: "Warum mache ich das eigentlich?“ Ihre Zeit als Bufdi endet am 31. März. Einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin hat die Stadt Krautheim noch nicht. 

 

 

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