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Konflikten begegnen

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"Eine enge Belegung erzeugt Spannung", sagt Oswin Fuhr, Sozialamtsleiter des Landratsamts Heilbronn. Das Konfliktpotenzial in den 103 Flüchtlingsunterkünften des Kreises schätzt er als gering ein, wobei in größeren Einheiten wie etwa in Bad-Rappenau-Bonfeld 112 Menschen zusammenleben. Eskalierende Gewalt ist die Ausnahme. Streitigkeiten gibt’s.

174 Mal sind Polizisten des Präsidiums Heilbronn zwischen 1. November und 21. Januar zu Unterkünften ausgerückt. "Die Zahl bezieht sich auf den Stadt- und Landkreis Heilbronn, Hohenlohekreis, Main-Tauber- und Neckar-Odenwald-Kreis", sagt Polizeisprecherin Yvonne Schmierer.

In der Hauptsache haben es die Beamten mit Streitigkeiten zu tun, gefolgt von Diebstahldelikten unter den Bewohnern, Körperverletzungen und Brandmeldealarme. Vorfälle wie die Messerstecherei in der Unterkunft auf dem Gaffenberg Heilbronn sind Schmierer zufolge selten.

Probleme

"In Möckmühl gibt es keine ernsthaften Konflikte zwischen den Bewohnern", sagt Martin Haußecker, ehrenamtlicher Helfer. Ähnlich reagiert Margit Hansen vom Freundeskreis Asyl in Neckarsulm. "Wir haben keine großen Probleme." Dass Streit meist geschlichtet wird, bevor er eskaliert, liegt am Einsatz der Ehrenamtlichen und der hauptamtlichen Sozialarbeiter. "Die einen können sich nicht leiden, unbedachte Äußerungen, die verletzen." Das sind aus Hansens Erfahrung Gründe, wenn’s kracht.

Zoff zu vermeiden, ist neben sehr vielen anderen Aufgaben eine Tätigkeit der hauptamtlichen Sozialarbeiter. Um die Probleme der insgesamt 1300 Flüchtlinge in den 50 Unterkünften im Stadtgebiet Heilbronn kümmern sich zwölf Beschäftigte (acht Vollzeitstellen). Dazu gibt es zwei Stellen für Dolmetscher. 3100 Flüchtlinge leben im Landkreis, betreut von 18 Sozialarbeitern des Landratsamts. Die Personaldecke ist dünn. Weitere Fachkräfte sollen hinzukommen. "Wir streben einen Schlüssel von eins zu 110 an", erklärt Amtsleiter Fuhr.

Das heißt: Ein Sozialarbeiter soll für 110 Flüchtlinge Ansprechpartner sein. Momentan liegt der Schlüssel bei eins zu 200. "Wir versuchen, klug zu belegen", nennt Sozialarbeiterin Katja Keyser-Elbradey ein Instrument, um mögliche Konflikte im Keim zu ersticken. Wenn es sich machen lässt, berücksichtigen die Verantwortlichen im Landratsamt Nationalitäten; sie bringen Familien gemeinsam unter, getrennt von Einzelpersonen; sie richten mehrere Aufenthaltsräume ein.

Asylverfahren

Alltäglichkeiten wachsen sich mitunter zum Streit aus. Die einen pochen abends auf Ruhe, damit ihre Kinder schlafen können, und ein paar Zimmer weiter unterhalten sich Mitbewohner lautstark. Ein Knackpunkt, der Emotionen auslöst: die unterschiedliche Dauer von Asylverfahren. "Wenn der Nachbar im Zimmer nebenan vor Freude hüpft, weil er innerhalb weniger Wochen anerkannt wird", erzählt Fuhr, "dann ist die Frustration bei anderen groß." Hier hilft aus Katja Keyser-Elbradeys Sicht nur eins: Immer wieder aufs Neue erklären, woran es liegt.

Der Ehrenamtler Martin Haußecker macht in Möckmühl eine Erfahrung: Asylbewerber, die bereits länger da sind, wirken auf neu ankommende ein. Denn auch wenn es zwischen Flüchtlingen meist gut klappt, registriert er Konflikte mit Bürgern. "Die Akzeptanz in der Bevölkerung entwickelt sich aber nur, wenn das Gastrecht nicht missbraucht wird", sagt Haußecker. Da helfe es, dass "Alt-Asylbewerber" Klartext redeten und Fehlverhalten von anderen Flüchtlingen eine Absage erteilten.

 

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