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Diffuse Angst und laute Parolen

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"Es ist vorbei mit dem Schweigen der Lämmer", lautet der Refrain, den ein Mann mit dicker Jacke und Sonnenbrille ins Megafon rappt. Über die ersten Reihen der laut Polizei bis zu 400 Teilnehmer hinaus sind er und die anderen Redner auf dem Heilbronner Kiliansplatz aber kaum zu verstehen. Das liegt nicht nur am Lärm der rund 200 Gegendemonstranten, die hinter der Polizeisperre auf der Fleiner Straße stehen und "Nazis vertreiben!" skandieren. Die Mikrofonanlage, die die Organisatoren der Demonstration "Heilbronn wach auf" mitgebracht haben, ist viel zu leise, das Megafon nicht viel lauter.

Sorgen

Nicht immer ist ganz klar, gegen was die Redner sich wenden. Ihre Namen nennen sie allesamt nicht, die meisten nehmen Bezug auf ihre russlanddeutsche Herkunft. Immer wieder sprechen sie von Angst. Angst vor Übergriffen, Angst um die Zukunft ihrer Kinder. Eine Rednerin möchte abends "auch im Rock und in Stöckelschuhen" ausgehen können, ohne Angst zu haben.

Deswegen gehe sie auf die Straße, anstatt zu Hause mit der Familie im Wohnzimmer zu sitzen. "Der Kurs, den die Regierung nicht mehr im Griff hat, muss geändert werden", fordert sie. "Besser gestern als morgen." Zugleich betont sie, dass den Menschen, die wirklich Hilfe brauchen, geholfen werden müsse. "Aber es geht so nicht mehr weiter. Menschen aus aller Welt werden einfach über die Grenze gelassen. Und wir wissen nicht einmal, wer sie sind."

Neben der Angst gibt es ein zweites Thema, das sich durch alle Redebeiträge zieht: Flüchtlinge. Ein Mann moniert, dass Russlanddeutsche einst zehn Jahre warten hätten müssen, bis sie ins Land gelassen wurden. Jetzt stehe die Grenze offen. Härtere Strafen für Vergewaltiger und Kinderschänder werden gefordert und Bürgerwehren gelobt.

Sprechchöre

Immer wieder rufen die Zuhörer: "Merkel muss weg!" Gelegentlich auch "Abschieben!". Auch einige bekannte Rechtsextreme und Islamgegner aus der Region sind auf dem Kiliansplatz. Ihnen dürfte aber nicht alles von dem passen, was sie zu hören bekommen.

"Wir sind keine Nazis", sagt ein Mann, der die Fahne einer deutsch-russischen Bruderschaft zeigt. Russlanddeutsche sollten sich nicht von Parteien wie der NPD vereinnahmen lassen. "Meine Vorfahren haben selbst gegen die Faschisten gekämpft", ruft er und empfiehlt den Demonstranten: "Benehmt Euch. Die warten doch nur, bis Ihr mit der Wodkaflasche herumtorkelt, dass sie dann sagen können: Das sind die betrunkenen Russen." Den Medien wirft er vor, die Tatsachen zu verdrehen: "Wir wollen die Wahrheit."

Aus Sicht der Gegendemonstranten sieht die Wahrheit völlig anders aus. Die Teilnehmer aus dem Gewerkschaftslager, von SPD, Linken und Grünen sehen in der "rechten Hetze" das Problem und wenden sich gegen pauschale Vorurteile gegen Flüchtlingen: "Der fremde Täter, der am unbekannten Ort überfällt, übergriffig wird ist die Ausnahme", sagt DGB-Kreischefin Silke Ortwein in ihrer Rede.

Am Ende bleibt alles friedlich. Nach gut zwei Stunden lösen sich beide Demonstrationen auf. Die Polizei nimmt einen Betrunkenen in Gewahrsam und ermittelt gegen zwei Farbbeutelwerfer.
 

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