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Allein im Paradies

Übersicht

Mein Name ist Ahmad. Ich bin 31 Jahre alt und komme aus der Stadt Hama in Syrien. Seit neun Monaten lebe ich jetzt in Heilbronn. Ich hatte großes Glück, dass ich hier sein kann. Ich bin gefragt worden, ob ich über meine Flucht und über mein Leben in Deutschland erzählen möchte. Warum nicht? Nur mein voller Namen und ein Bild von meinem Gesicht sollen nicht in der Zeitung stehen, weil ich Angst um meine Familie in Syrien habe.

Flucht

Ich bin Tierarzt. Meine Tierarztpraxis in Hama hatte ich vor sechs Jahren eröffnet. Aber darum soll es hier nicht gehen. Seit fünf Jahren herrscht Krieg in Syrien. Ich war nie beim Militär und habe mich stets aus der Politik herausgehalten. Vor einem Jahr kamen Regierungsbeamte zu mir. Sie sagten, ich müsse zur Armee. Ich habe erklärt, ich werde mich bald melden. Das war gelogen. Kurz danach habe ich mich von meiner Frau und meinem Sohn verabschiedet und bin geflohen. Meine Familie konnte ich so schnell nicht mitnehmen, die Flucht zu Fuß und mit dem Bus war zu gefährlich.

Von Syrien bin ich in die Türkei und von dort mit einem Schlauchboot auf eine griechische Insel. Ein guter Freund von mir, er ist auch Tierarzt gewesen, war in einem anderen Boot. Er ist ertrunken. Ich bin weiter nach Thessaloniki und mit gefälschten Papieren nach Stuttgart geflogen. Warum Stuttgart? Es war Zufall. Ich kenne niemanden hier, aber schon als Kind habe ich Deutschland bewundert. Es heißt, die Menschen hier sind nett und freundlich.

Ankunft

Am Flughafen habe ich mich bei der Polizei gemeldet. Sie hat mich zur Landeserstaufnahmestelle nach Karlsruhe geschickt. Von dort wurde ich gleich weiter in die Erstaufnahmestelle nach Meßstetten gebracht. Mehr als 1000 Menschen leben dort. Wir waren sechs Personen in einem Zimmer. Es gab immer wieder Streit zwischen den Nationalitäten. Unter den Flüchtlingen spielt die Religion eine wichtige Rolle. Deshalb gab es Konflikte – zwischen Sunniten und Schiiten und Christen. Es ist die alte Denke. Es braucht Zeit, bis wir uns an die neue Kultur gewöhnen.

Von Meßstetten bin ich nach Heilbronn in die Austraße verlegt worden. Ich sollte zu einem Mann aus Ägypten ins Zimmer. Er hatte einen gefälschten Pass und sich als Syrer ausgegeben. Er hat gesagt, ich soll in ein anderes Zimmer, weil er alleine sein möchte. Er hat Alkohol getrunken und Marihuana geraucht. Deshalb habe ich dem Chef der Einrichtung gesagt, dass ich in ein anderes Zimmer muss. Irgendwann bin ich zu zwei kurdischen Irakern gekommen. Jeden Tag haben sie Besuch in dem kleinen Zimmer gekriegt. Sie haben über mich gesprochen, ohne dass ich sie verstanden habe. Ich hatte Angst, aber ich habe mir gesagt: bleib ruhig.

Es ist sehr eng in der Unterkunft. Einmal hat man mir meine Kleidung gestohlen, als ich nicht da war. Auch Unterlagen von Bewohnern wurden geklaut. Selbst nachts hat man keine Ruhe, weil die Musik aufgedreht wird. Wie soll ich da lesen oder Deutsch lernen? Die Unterkünfte und Zimmer sind nach Nationalitäten aufgeteilt. Ich hatte das Gefühl, dass uns die Leute vom Balkan hassen. Ich habe mich gefürchtet.

Umzug

Zum Glück konnte ich schon nach wenigen Wochen in eine Wohngemeinschaft in der Nordstadt mit zwei anderen Syrern ziehen. Mein Asylantrag war abgeschlossen, ein Mann, der jetzt als Fliesenleger arbeitet, hat für uns die Wohnung organisiert. In einem eigenen Zimmer kann ich jetzt Deutsch lernen und meine Hausaufgaben erledigen. Von 8.30 Uhr bis 12.45 Uhr gehe ich zur Volkshochschule. Wir haben eine tolle Lehrerin und viel Spaß beim Lernen.

Noch immer wache ich manchmal nachts auf und träume davon, dass ich kämpfen muss. Einmal habe ich nachts im Flüchtlingsheim meine Schuhe angezogen und wollte vor den Beamten fliehen. Ich hatte Herzrasen.

Tierarzt ist das einzige, das ich gelernt habe. Ich möchte später eine Praxis in Deutschland eröffnen. Ich habe mich erkundigt, was ich dafür machen muss. Ich muss noch 15 Scheine an einer Universität machen, damit der Abschluss anerkannt wird. Vorher muss ich noch gut genug Deutsch lernen. Das Level C1 sowie Kenntnisse in den Fachbegriffen sind die Voraussetzung, dass ich studieren kann. Mindestens drei Jahre wird es dauern, bis ich fertig studiert habe.

Ich habe ein Praktikum bei einer Tierarztpraxis in Heilbronn gemacht. Dabei habe ich gemerkt, dass ich noch viel lernen muss. Hier gibt es andere technische Geräte und andere Hygienevorschriften. Was ich seltsam finde ist, dass einige Menschen sehr viel Geld ausgeben, wenn etwa ein Vogel krank ist. Für einen Hund oder eine Katze kann ich das ja noch verstehen, aber nur für einen kranken Vogel?

Kontakte

Heilbronn ist eine schöne Stadt. Die Menschen sind nett und freundlich. Ein Helfer vom Freundeskreis Asyl ist für mich wie ein Großvater. Ich habe einen Opa in Syrien und jetzt einen in Heilbronn. Nur wenn ich zu den Beamten im Rathaus oder zu den Mitarbeitern im Jobcenter gehe, dann habe ich Probleme. Ich kann mich nicht verständigen und weiß nicht, was ich genau unternehmen muss. Die Angaben auf den Dokumenten verstehe ich nicht, ich weiß nicht, welche Urkunden ich noch vorlegen muss. Nichts geht voran.

Funknetz

Das Wichtigste für mich sind aber meine Frau und mein Sohn. Ich möchte unbedingt, dass sie auch nach Deutschland kommen. Sie leben in Syrien in der Hölle. Was mache ich alleine hier im Paradies? Wir telefonieren häufig miteinander, aber oft gibt es auch kein Netz in Syrien. In Hama ist die Situation gefährlich. Früher lebten in der Stadt und im Umkreis 800 000 Menschen. Heute sind es mehrere Millionen, weil viele Menschen aus Syrien dorthin geflohen sind.

Heimweh

Bei der Caritas hat man mir geholfen, einen Antrag für den Familiennachzug zu stellen. Jetzt hat meine Frau Ende März einen Termin in der deutschen Botschaft im Libanon bekommen. Ich bete jeden Tag, dass sie kommen können. Leider ist die Fahrt über Land von Hama in den Libanon gefährlich. Hoffentlich geht alles gut. Meinen Sohn habe ich das letzte Mal gesehen als er eineinhalb Jahre alt war.

Jetzt ist er zweieinhalb. Ich wünsche mir nichts mehr, als die Nähe zu meiner Frau und meinem Sohn. Ich kann ohne sie nicht leben. Wenn sie nicht nach Deutschland kommen können, werde ich zurück nach Syrien gehen. Ich habe große Angst davor, aber eine Zukunft ohne meine Familie in Deutschland kann ich mir nicht vorstellen.

 

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