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Von Andalusien nach Erlenbach

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Was veranlasst junge Menschen, ihre Heimat im sonnigen Andalusien zu verlassen, um ins ebenso ferne wie unbekannte Heilbronn-Franken zu kommen? "Eine Perspektive für die Zukunft", antwortet Maria Victoria Diaz Caballero ohne lange zu überlegen. Die junge Frau mit dem wohlklingenden Namen gehört zu einer Gruppe von 23 Spanierinnen und Spaniern, die über das bundesweite Programm MobiPro-EU eine Ausbildung bei Handwerksbetrieben in der Region absolvieren.

In ihrer Heimat, sagt Maria Victoria Diaz Caballero, die alle nur Vicky nennen, habe sie keine reelle Chance für sich gesehen. Bei den Jugendlichen unter 25 Jahren liegt die Arbeitslosigkeit in Andalusien bei mehr als 60 Prozent. Vicky, 21 Jahre jung, beschloss, ihr Leben nicht als Kellnerin verbringen zu wollen. Da kam Anfang vergangenen Jahres das Angebot gerade recht, eine Ausbildung in Deutschland machen zu können. In einer Sprachschule in Jerez fanden erste Gespräche mit den Projektträgern statt, von den 80 Bewerbern wurden schließlich 33 ausgesucht, Vicky war dabei. Der vorbereitende dreieinhalbmonatige Deutschkurs war "sehr schwer", erinnert sich die junge Spanierin. "Ich hatte kein Deutsch in der Schule."

Doch die dort vermittelten ersten Deutschkenntnisse waren zwingende Voraussetzung für das sechswöchige Praktikum, das Vicky im Sommer 2015 bei der Erlenbacher Bäckerei Förch begann. Für den Verkauf in einer Bäckerei hat sich die junge Frau entschieden, "weil ich wusste, dass ich das kann". Trotz der noch immer hohen Sprachbarriere legte sich Vicky im für sie völlig neuen Umfeld hochmotiviert ins Zeug – sehr zur Freude der Juniorchefinnen Marlies und Rita Förch. Die beiden wurden von der Handwerkskammer Heilbronn-Franken auf das Projekt aufmerksam gemacht und griffen sofort zu. "Wir haben Schwierigkeiten bei der Personalsuche", sagt Marlies Förch. Das MobiPro-EU-Projekt sei sehr gut durchorganisiert und werde von den Projektpartnern, dem Bildungspark Heilbronn-Franken und der Diakonischen Jugendhilfe Region Heilbronn, bestens betreut, betont Marlies Förch.

Motivation

So beschlossen die Juniorchefinnen, neben Vicky im Verkauf einer weiteren Spanierin eine Chance als Konditorin zu geben. Die bei Rita und Marlies Förch durchaus vorhandenen Zweifel, ob das Experiment mit gleich zwei Spanierinnen funktionieren würde, zerstreuten sich rasch. "Es war sehr schnell bei beiden klar, dass es klappt", berichtet Rita Förch. Die sprachlichen Probleme hätten die beiden Lehrlinge mit hoher Motivation und großem Engagement kompensiert. "Und schon nach zwei, drei Wochen konnte man deutliche Fortschritte bei der Sprache feststellen", sagt Marlies Förch.

Auch die beiden Spanierinnen kamen nach kurzer Zeit zu dem Schluss, dass eine Ausbildung in Deutschland eine lohnenswerte Sache ist. "Ich wollte die Firma unbedingt überzeugen, dass ich das schaffe", erinnert sich Vicky. Das gelang ihr ebenso wie ihrer Kollegin, so dass dem Start der Lehre zum 1. September nichts mehr im Wege stand. Doch für drei Jahre oder gar noch länger die Heimat zu verlassen, ist noch einmal etwas anderes als ein sechswöchiges Praktikum. "Das fiel mir ganz, ganz schwer", gibt Vicky zu, die ein sehr enges Verhältnis zu ihrer Familie und ihren Freunden in Spanien hat. Doch genau die rieten ihr dazu, die Möglichkeit in Deutschland zu nutzen, was sie schließlich auch tat.

Eingelebt

Bis Januar brachten die 23 jungen Leute aus Spanien ihre Probezeit erfolgreich hinter sich, und allmählich haben sie sich auch mit dem fremden Land, der schwierigen Sprache und dem bescheidenen Wetter angefreundet. "Die Arbeit macht Spaß", berichtet Vicky, die sich in der Region zunehmend wohlfühlt. Erst recht, seit sie mit ihrer Kollegin aus dem beschaulichen Erlenbach in eine gemeinsame Zwei-Zimmer-Wohnung in Heilbronn gezogen ist – mit tatkräftiger Unterstützung des Betriebs und der Projektpartner. Und auch privat läuft es sehr gut. Die Lehrlinge aus Andalusien verstehen sich untereinander sehr gut, Vicky hat in der Gruppe sogar einen Freund gefunden, der eine Bäckerlehre bei Hirth in Bad Friedrichshall absolviert.

Auch Marlies und Rita Förch sind nach wie vor angetan vom Engagement "ihrer" Spanierinnen. "Die Motivation stimmt, sie wollen arbeiten", betonen die Juniorchefinnen. Dies sei bei einheimischen Lehrlingen leider nicht immer der Fall. Die Arbeit im Betrieb, die den Großteil der Ausbildung ausmacht, schmeckt den beiden Spanierinnen am besten. In der Berufsschule gibt es mitunter noch Schwierigkeiten, etwa mit den deutschen Fachbegriffen. Doch die Sprachkurse laufen weiter, und mit jedem Kontakt mit Kunden, Kollegen und Landsleuten – auch untereinander sprechen die Spanierinnen und Spanier vorzugsweise deutsch – wird die Sprachbarriere niedriger.

In knapp drei Jahren, wenn Vicky und die anderen 22 Spanierinnen und Spanier ihre Gesellenprüfung abgelegt haben werden, steht die nächste zukunftsweisende Entscheidung an: Bleiben oder gehen? Für die meisten Lehrlinge aus Andalusien kommt diese Frage zu früh, für Vicky Diaz Caballero nicht. "Ich will hier bleiben, wenn die Firma das will", sagt die anfangs so zurückhaltende junge Frau heute selbstbewusst. Bei Marlies und Rita Förch scheint sie offene Türen einzurennen: "Als Verkäuferin ist sie super", lobt Rita Förch, und Marlies nickt zustimmend.
 

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