Stimmt.de

Titelseite.indd
Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Attacke in Köln hinterlässt Spuren

zurück zur Übersicht
Zwei Männer packen ihre Arme und halten sie fest. Ein dritter versucht, seine Zunge in ihren Mund zu stecken. Er öffnet ihre Hose und greift zwischen ihre Beine. Erst Stunden später weint Linda Beiermeister das erste Mal. Tage später brechen sich Wut und Empörung Bahn. Die Empfindungen der 23 Jahre alten Kornwestheimerin gehören zu den typische Reaktionen, mit denen Menschen belastende Ereignisse wie diese verarbeiten.
 
Sich innerlich vom Erlebten zu distanzieren, die Unfähigkeit, darüber zu sprechen, Herzrasen und Weinanfälle gehören zu möglichen Reaktionen. Alfred Kulka, Leiter der Opferhilfe Weißer Ring im Stadt- und Landkreis Heilbronn, spricht von Verunsicherung und einem immensen Vertrauensverlust bei Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren. Die Täter, sagt Kulka, kommen allerdings – anders als in Köln – häufig aus dem Umfeld. Die Opfer, die sich an den Weißen Ring wenden, kennen oft die Täter.
 
Linda Beiermeister weiß nicht, wer die Männer sind, die sie packen, wer sie berührt. Seit Köln sind mehr als zwei Monate vergangen. Die Sex-Attacke verändert weder ihr Leben noch ihre Persönlichkeit. Der Angriff hinterlässt aber Spuren.
 

Tumult

 
"Ich bin stark", sagt die 23-Jährige. Sie arbeitet in einer Eventagentur und strahlt Selbstbewusstsein aus. Die rotbraunen Haare reichen auf die Schulter. Sie trägt Jeans und ein Sweatshirt. Sachlich schildert sie, wie sie und drei Freundinnen Silvester auf dem Kölner Domplatz erlebt haben.
 
Sie berichtet von den Po-Grapschern, von der Menschenmasse und der entsetzlichen Enge, von den vielen Händen, die sie überall am Körper spürt. Zu diesem Zeitpunkt, sagt Linda Beiermeister, seien sie und die Freundinnen vor allem entnervt gewesen. "Unser Ziel war: Nur raus hier." Dann verlieren sich die Vier in der Menge. Kein Handyempfang, das Netz überlastet. In diesem Tumult packen sie die drei Männer wie eingangs beschrieben: "Schöne Frau, Kuss, Kuss, Kuss ..."
 
Mit Hilfe eines Mannes kommt die Kornwestheimerin frei. "In dem Moment habe ich gar nichts gefühlt", sagt sie. Irgendwann finden die Freundinnen wieder zusammen. Was ihr gerade passiert ist, verschweigt Beiermeister. Sie drängt darauf, wie geplant einen Club zu besuchen. Es klingt wie eine Trotzreaktion: "Wir lassen uns den Abend nicht verderben", fordert Beiermeister die Freundinnen auf. Dass sich auf der Fahrt in die Disco der Taxifahrer in das aufgeregte Gespräch der vier Frauen einmischt und das Geschehen herunterspielt, macht sie heute noch zornig.
Neujahr geht es zurück nach Kornwestheim. Abends allein zuhause bricht sie zusammen. "Ich habe geweint, mich unter die Dusche gestellt und ich konnte nicht aufhören, zu weinen." Die nächsten Tage verkriecht sich die junge Frau zu Hause. "Gefühlt, habe ich nur vor mich hinvegetiert.“ Unentwegt durchforstet sie das Internet und Facebook nach den neuesten Meldungen über die Nacht. "Ich war wie besessen davon, zu erfahren, was da eigentlich los war.“
 
Linda Beiermeister wendet sich an die Polizei in Ludwigsburg. Ihr Eindruck: Die Beamten zeigen wenig Interesse an ihrer Aussage. "Ich habe dann keine Anzeige erstattet. Was würde es auch bringen?“
 

Ausgeliefert

 
Deutschland diskutiert über die mutmaßlichen Täter von Köln. Linda Beiermeister hat keine Lust, über sie zu sprechen. "Dann müsste ich mich über ihre ethnische Zugehörigkeit und ihre Herkunft äußern.“ Das widerstrebt ihr. Das Täterprofil ändert für die Kornwestheimerin nichts am Geschehen. Was könnte die Attacke besser oder schlimmer machen? Was bleibt: "Ich habe mich völlig ausgeliefert gefühlt.“
 
Wehrlos. Die 23-Jährige bekämpft das Gefühl. Sie ist sportlich. Schon länger denkt sie darüber nach, eine Kampfsportart zu erlernen. Seit Kurzem trainiert sie Krav Maga. Köln sei nicht der Grund, sondern ein Auslöser. "Selbstbestimmung zurückerlangen“, nennt sie ein Motiv.
 
Beiermeister ist offen und interessiert. Humorvoll sei sie und extrovertiert, manchmal zu ungeduldig und manchmal zu laut. Sie habe viele Freunde und Bekannte. Eine gefestigte Persönlichkeit. "Mir ist es wichtig, ein festes Ziel zu haben, nicht planlos im Leben zu stehen."
 
Nach Köln will sie "nicht anders auf andere zugehen als vorher“. Sie sei kein ängstlicher Mensch. Im Verhalten registriert Beiermeister jedoch Veränderungen: Geht sie abends aus, achtet sie darauf, nicht allein unterwegs zu sein, sie meidet öffentliche Verkehrsmittel. Begegnet ihr eine "Personengruppe mit Migrationshintergrund", schaut sie neuerdings genauer hin. Dabei lehnt sie Vorurteile ab. Sie möchte weiterhin Verständnis für andere Kulturen haben. "Leben und leben lassen.“ Andererseits: Die 23-Jährige ist misstrauischer geworden, vorsichtiger. Von ihrer Unbefangenheit hat sie in Köln einiges eingebüßt.

Galerien

Regionale Events

Digitale Azubimesse

Mehr als 50 Unternehmen stellen von 14. bis 20. Februar ihr Aus- und Weiterbildungsangebot digital vor.

Neuer Impfpunkt

Die Stadt Heilbronn ergänzt ihr Impfangebot um die Harmonie.