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Es ist deine Entscheidung

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Ruf wenigstens mal an, ja? Als ich gegangen bin, hatte Mama Tränen in den Augen. Mach’s gut, hat sie mir hinterher gerufen. Dann bin ich ins vollbepackte Auto gestiegen und hab auch ein paar Tränen verdrückt. Gerade einmal für sechs Monate bin ich in meine erste WG gezogen. Trotzdem hatte ich plötzlich Angst davor, auf eigenen Beinen zu stehen. Und das, obwohl ich meine Eltern jederzeit um Hilfe bitten konnte, wenn es mal eng wurde.

Weg von Zuhause

Ich dachte, ich weiß, wie gut es mir geht. Wie behütet ich aufgewachsen ich bin und wie dankbar ich meinen Eltern dafür sein sollte. Meine Gespräche mit den Jugendberatern des Albert-Schweitzer-Kinderdorfs in Waldenburg haben mich nachdenklich gemacht. 

"Unsere Jugendlichen können niemanden zu Hause anrufen“, sagt Helmut Lehr. Der Sozialpädagoge berät für das Kinderdorf  17- bis 21-Jährige, die wirklich allein dastehen. Weil sie von ihren Eltern rausgeworfen oder misshandelt wurden oder weil sie süchtig nach Alkohol oder Drogen sind. Alle diese Jugendlichen haben eines gemeinsam: Sie halten es bei ihren Eltern nicht mehr aus. Dem Jugendamt sagen sie, dass sie von daheim weg wollen. "Manche wären besser gestern als heute ausgezogen“, sagt Lehr. Wenn sich jemand mit 17 beim Jugendamt meldet, ist das Anliegen wirklich dringend. Lehr weiß, wie viele von ihnen jahrelang gelitten haben – und wie viel Kraft es einen jungen Menschen kostet, wirklich zu gehen. "Freiwillig macht das keiner“, sagt der Sozialpädagoge. 

Der Mann mit den zerzausten grauen Haaren kennt solche harten Erfahrungen aus 16 Jahren im Beruf. Als ich ihn frage, was ihm sein Job bedeutet, sieht man ihm das Glück in den Augen an. Dann erzählt er von unglaublich starken Charaktern, dass er sich manchmal fragt, wie ein junger Mensch überhaupt einen Schulabschluss schaffen kann, nach allem was er erlebt und ausgehalten hat. Wenn die Jugendlichen 21 sind, endet seine Beratung normalerweise. Dann tut auch ihm der Abschied weh – weil er das Ende einer Vertrauensbeziehung bedeutet. Aktuell betreuen Lehr und seine Kollegen 16 Jugendliche im "betreuten Jugendwohnen“. "In der Regel haben wir im Jahr circa zwölf Jugendliche. Dieses Jahr sind es außerordentlich viele“, sagt Kinderdorf-Erziehungsleiterin Birgit Zmaila.

Ein sicherer Ort

Sobald sich ein junger Mensch beim Jugendamt meldet, werden er und seine Kollegen des Albert-Schweitzer-Kinderdorfs benachrichtigt. Dann geht die Wohnungssuche los – und die darf natürlich nicht vier oder fünf Monate dauern. Daher mietet das Kinderdorf als Träger Wohnungen "auf Vorrat“, um Jugendliche notfalls schnell unterbringen zu können. Mit einem Zimmer in einer WG geht das neue Leben auch für die Sozialpädagogen erst richtig los: Lehr hat schon beim Streichen und beim Möbelkaufen geholfen, bevor die Jugendlichen in Wohngemeinschaften in Schwäbisch Hall und der Umgebung einziehen konnten. 
Ziel ist es, für jeden einen sicheren Ort zu finden, das Selbstwertgefühl zu stärken und den psychischen Zustand zu stabilisieren. Dazu hat Lehr für jeden Jugendlichen eine bestimmte Anzahl von Stunden in der Woche Zeit. Am Anfang länger, später sind es weniger Stunden, wenn die Jugendlichen gut allein mit dem Alltag klarkommen. Lehr hilft ihnen mit Kontoauszügen und ihrer  Post, füllt Bafög-Anträge mit ihnen aus oder bereitet sie auf Termine bei der Berufsberatung oder beim Jobcenter vor. In ganz schweren Zeiten stellt er Kontakt zur Jugendsuchtberatung oder zur Schuldnerberatung her.

Für die meisten Teenager, die bei Lehr und seinen Kollegen "stranden“, ist die Einsamkeit das größte Problem. Wer über lange Zeit gedemütigt wird und immer wieder hört, dass er nichts wert ist, zieht sich zurück und versucht im schlimmsten Fall den ganzen Stress mit Alkohol oder Drogen zu betäuben. Als er das sagt, muss ich daran denken, wie wichtig es noch heute für mich ist, dass Papa sagt, dass er stolz auf mich ist, weil irgendwas im Studium gut gelaufen ist, er einen Zeitungsartikel von mir gut fand oder er mich einfach umarmt, wenn ich mal wieder zu Hause bin.

Eigene Entscheidung

Den Vater kann Lehr aber niemandem ersetzen. "Auch ich habe Feierabend und Wochenende“, sagt Lehr. Für die Jugendlichen da zu sein, ist sein Job. Für Notfälle am Wochenende gibt es einen Bereitschaftsdienst. Aber wer schüttet einem Fremden am Telefon schon sein Herz aus? Wenn Helmut Lehr sieht, dass es einem der Jugendlichen schlecht geht, macht er eine Ausnahme: "Ich schaue dann auch am Wochenende drei Mal am Tag aufs Handy und rufe zurück.“ Allein, dass er dieses Angebot ausspricht, gebe den Jugendlichen Sicherheit. Als ein Jugendberater lässt er sich gerne bezeichnen. Das treffe seine Aufgabe am besten. Ein Betreuer sei er nicht. "Kurios wird es, wenn mich jemand fragt, was er machen soll“, sagt Lehr. Dann antwortet er immer: "Moment mal, ich soll deine Entscheidung treffen?“ Das tut er nicht. Ihm geht es darum, dass die Jugendlichen lernen, selbst über ihren Weg zu bestimmen.

Mit verwahrlosten Menschen muss Lehr auch über heikle Themen offen sprechen. Wer hört schon gerne, dass er nach Schweiß riecht? Wenn dem Sozialpädagogen regelmäßig mangelnde Hygiene bei einem Jugendlichen auffällt, sagt er etwa: "Du riechst sehr streng. Ich halte das aus, aber eine normale Nase wendet sich da von dir ab.“ Manchmal erklärt er dann, dass man verschwitzte Klamotten waschen muss und sich nach dem Duschen was Frisches anzieht. Nicht alle Jugendlichen haben zu Hause gelernt, dass man sich morgens und abends die Zähne putzt. Aber wenn sie anfangen, auf solche Dinge zu achten, klappt das mit neuen Freundschaften vielleicht auch besser und das Einsamkeitsproblem ist nicht mehr so groß.

Meistens gelingt es Lehr, die Dinge ohne Konflikt zu lösen, in dem er die Jugendlichen mit dem was er sagt nicht verletzt oder demütigt. Widerspruch kann es schon geben. Etwa, wenn sich bei seinem WG-Besuch der elfte gelbe Sack herumsteht und Lehr befürchten muss, der Müll läuft langsam von selbst in die Tonne. "Das ist meine Bude“, hat er schon zur Antwort bekommen. Dabei wissen alle seiner Jugendlichen, dass Lehr beim Jugendamt Bericht erstatten muss, wenn einer die Mitarbeit verweigert. Und das riskieren die wenigsten.

 

 

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