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Der Geruch der Straße

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Wenn Kadir Memis über die Hasenheide joggt, dort, wo es im Berliner Ortsteil Neukölln an der Grenze zu Kreuzberg nach Kuhmist riecht, kommt ihm seine Kindheit in den Sinn. Der Geruch seines Dorfes.

300 Kilometer liegt Bilecik von Istanbul entfernt. Zehn Jahre ist Memis alt, als seine Eltern 1984 nach Berlin ziehen. "Ich bin ein Kreuzberger Kanake“, kokettiert Memis, der die deutsche und die türkische Staatsbürgerschaft besitzt. Und den man als Beispiel einer gelungenen Integration betrachten darf.

Als "urban nomad“ bezeichnet sich Kadir Memis, als einen urbanen Nomaden, der seine Eindrücke aus der unmittelbaren Erfahrung auf der Straße und im öffentlichen Raum zieht. "Artistic Director, choreography, urban calligraphy“ steht auf der Visitenkarte des 42-Jährigen, der unter seinem Künstlername Amigo mehrfach Breakdance Weltmeister wurde mit den Flying Steps. 1993 von Memis und Vartan Bassil in Berlin gegründet, gewannen die Flying Steps Weltmeisterschaften wie das Battle of the Year und das Red Bull Beat Battle.

Die Würde eines Menschen

Seit einigen Jahren treten die international erfolgreichen, kommerziellen Projekte der Flying Steps für ihn in den Hintergrund, Memis arbeitet als Choregraph, hat mit dem sogenannten Zeybreak eine Mischung aus Breakdance und türkischem Tanz kreiert, hinterlässt als Streetartkünstler Spuren und produziert genreübergreifend. So wie jetzt in Heilbronn, wo er bis Donnerstag Workshops in Schulen hält und in der Theaterwerkstatt: Memis castet junge Männer türkischer und arabischer Herkunft für ein Tanzprojekt, das im Rahmen des Festivals "Tanz! Heilbronn“ Mitte Mai auf die Bühne kommt. Worum es geht?

Um den Artikel eins des Grundgesetz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ An mehreren Wochenenden von März bis Mai wird geprobt und erarbeitet, was Würde in Deutschland und in anderen Kulturkreisen bedeutet, wodurch sich der Begriff etwa von Ehre oder Respekt unterscheidet – und wie man dies in Körpersprache umsetzen kann. Artikel eins ist für Kadir Memis "einzigartig“. Würde gehört für den agilen Mann, dessen schmale Hände und feingliedrige Finger beim Sprechen zu tanzen scheinen, wie Wasser und Luft zum Leben.

So wie er auf Einladung des Goethe-Instituts für Jugendliche in Flüchtlingslagern in der Osttürkei an der Grenze zu Syrien Workshops hält, lässt sich der Grenzgänger zwischen Orient und Okzident in Heilbronn auf Einladung des Stadttheaters auf die Begebenheiten hier vor Ort ein. "Ich sammle Gesten, Gerüche, Farben“, sagt Memis. "Ich versuche, Städte zu hören, beobachte Menschen in der Fußgängerzone und im Supermarkt, wie sie gehen, wie sie sich kleiden.“ Und schon kann es sein, dass er eine Kopfbewegung, eine Körperhaltung kopiert für seine nächste Choreographie.

Kulturen in Heilbronn

Sein erster Eindruck von Heilbronn? Die Stadt wirkt "ziemlich ruhig“ und "ziemlich sauber“ auf den Großstadtnomaden. Heute Abend leitet er das Kennenlernen in der Lindenparkschule. Jungen Männern zwischen 15 und 25 Jahren erklärt er sein Vorhaben, zu improvisieren, aus Hip Hop und anderen Moves ein Bühnenstück zu entwickeln, unterstützt von einem oder zwei professionellen Tänzern. Memis’ besonderes Anliegen: neben der hippen Jugendkultur traditionelle Tänze und Lieder aus den Alltagskulturen der Mitwirkenden verwenden – speziell auch aus der Region Heilbronn. Für den musikalischen Cross-Over sorgt der Schlagzeuger und Komponist Milian Vogel. Mit Memis hat er 2016 "Kellerkinder“ für das Hebbel am Ufer in Berlin produziert.

Die Folklore aus dem Dunst des konservativen Volkstanzes herausbrechen möchte Kadir Memis und mit Hip-Hop und anderen Moves kurzschließen. 1500 Folkloretänze gibt es in der Türkei, sagt Memis. Was er von der Kundgebung vor Tausenden seiner Landsleuten hält vor wenigen Tagen in Oberhausen, auf der Ministerpräsident Binali Yildirim für eine Verfassungsreform trommelte, die die parlamentarische Demokratie in ein Präsidialsystem nach Erdogans Gnaden verwandeln soll? Aus politischen Fragen hält sich Kadir Memis heraus. "Ich versuche, meine Umgebung mit meiner Kunst zu verändern“, sagt er vorsichtig. Ob er sein Wahlrecht wahrnimmt, bei der Volksabstimmung im April in der Türkei? "Ich denke ja.“

Wer mitmachen will:

Männer türkischer oder arabischer Abstammung zwischen 15 und 25 gesucht: Heute, 19 Uhr, findet ein Kennenlernen mit Kadir Memis statt: Lindenparkschule, Lachmannstraße 2-14.

 

 

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