Stimmt.de

Titelseite.indd
Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Die Kunst der auskomponierten Pause

zurück zur Übersicht

Ein Blick ins Gesetzbuch hilft, sagt der Jurist. Der Kulturmensch ist da ungleich unpräziser. Schau mal rein ins Programmheft der Langen Nacht der Kultur, heißt es da lapidar, blätter mal durch. Vielleicht wirst du fündig bei all den Attraktionen. Aber wo anfangen, wo aufhören? Und, viel wichtiger, wann ziehst du endgültig die Reißleine, weil die Beine schwer sind, der Kopf leer ist? 

Tanzgruppen und Chöre

Fragen, die einem keiner der vielen beflissenen Kulturwanderer auf Heilbronns Straßen – Kennzeichen festes Schuhwerk, entschlossener Blick – beantwortet. "Nein, in den Arthaus-Kinos ist nichts mehr zu machen, bis in den späten Abend ist alles ausgebucht.“ Beate Fränznick, die den vom Stadtarchiv ko-produzierten Film über die Stadtgeschichte sehen wollte, ist frustriert, lässt das Rathaus links liegen und zieht mit ihrem Partner weiter gen K3. Mal schauen was die Mobilettes in der Stadtbibliothek zu bieten haben.

Ein Fehler. Im Rathaus, das anlässlich der Langen Nacht der Kultur zum Rathaus der Vielfalt ausgerufen wurde, schlägt an diesem Abend das Herz der Stadt: Nach nachdenklichen Worten von OB Harry Mergel, der den österreichischen Kabarettisten Werner Schneyder beim Wort nimmt und über die Konfrontation von unpolitischer Kultur und kulturloser Politik nachdenkt – eine Lose-Lose-Situation –, und einem in seiner ganzen Schlichtheit hochnotpeinlichen Stand-Up-Comedy-Auftritt von Roberto Capitoni, sind die Heilbronner der zweiten, dritten Einwanderergeneration am Zuge: Mit internationalen Modenschauen und einem Reiseknigge, Auftritten von Chören und Tanzgruppen. 

Kabarett und Soul

Zeit weiterzuschlendern, vor dem Robert-Mayer-Denkmal trifft sich eine Gruppe, die auf eine interkulturelle Stadtführung wartet, in der Volkshochschule die Soulsängerin Tansy Davis: Was tun? Ab in den Deutschhofkeller, der viel zu lange schon im Dornröschenschlaf liegt. Vor der Esperanza Spalding Experience steht eine Vorpremiere der neuen Kabarettgruppe Heilbronner Leibgerücht, begründet von Mitgliedern des Kulturkellers. Es darf geschwäbelt und Zungenbrecherles gespielt werden. Wieder heißt es weitergehen, die Zeit drängt, in der Kilianskirche leuchtet bald ein Kerzenmeer. Vor der Kirche hat sich der Kulturelle Zwischenraum eingerichtet. Über dem Zelt, das eher ein Zeltchen ist, ein großer Anspruch: Kultursammelstelle. Eine offene Bühne für Kulturflaneure ist hier entstanden, Ideen sollen hinterlassen werden, Texte, Fotos, Gedichte. Noch ist vieles Fiktion, in den nächsten ein, zwei Jahren wollen Christina Marten-Molnár und Cosima Greeven aus diesen Fundstücken ein Theaterstück entstehen lassen. Matthias Cordes packt seine Gitarre ein. Lieder von Reinhard Mey hatte der Gerlinger gespielt und die Zuhörer mit Mantras auf eine friedliche Welt eingestimmt. Eine ganz anders gestaltete Ruhe wäre jetzt schön. 

Optionen über Optionen

Doch der Kilianskirche einen Besuch abstatten? Oder vielleicht der Christuskirche, wo Michael Hieronymus eine Lichtinstallation zeigt? Ein paar Kilometer weiter im Industriegebiet bespielt er auch die Bar Emma 23. Optionen über Optionen.

Doch zuvor gilt es unter der Pyramide der Kreissparkasse einen Zwischenhalt einzulegen. Das Theater FF, Thomas Fritsche und Helga Fleig, rezitieren Paul Celan: Begleitet von der iranischen Pianistin Nazanin Piri, die drei Balladen von Friedhelm Döhl interpretiert. Neue Musik in Großbuchstaben ist das und ein unvermuteter Moment der Einkehr und mentalen Stärkung. Mit Nazanin Piri über die Kunst der auskomponierten Pause nachzudenken, das hat was. Ausatmen, einatmen. Und weiter geht es durch die Lange Nacht der Kultur. 

 

 

 

 

 

 

Galerien

Regionale Events