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Nachgebaut: Die Bombe, die Hitler töten sollte

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Seine Bombe hätte Hitler töten sollen – doch der Versuch scheiterte an schicksalhaften 13 Minuten: Georg Elser verübte 1939 im Bürgerbräukeller in München ein Attentat auf den Diktator. Es misslang, der Widerstandskämpfer wurde nach jahrelanger Haft im KZ Dachau hingerichtet. In der Jagsthausener Bergwaldhalle war bis zum 12. Oktober, eine Wanderausstellung zu seiner Geschichte zu sehen. Jetzt war Elsers Neffe im Jagttalort zu Gast. Rudolf Hangs aus Winterbach im Rems-Murr-Kreis hat den Zündmechanismus seines Onkels nachgebaut. Wie und warum rekonstruiert man eine Bombe? 

Herr Hangs, die Geschichte Ihres Onkels ist dramatisch. Er scheiterte nicht etwa, weil seine Bombe falsch konstruiert war. Sondern weil Hitler den Bürgerbräukeller 13 Minuten früher als geplant verließ. Sie haben den Zündmechanismus nachgebaut – funktionsfähig. Wie kommt man auf so eine Idee?

Rudolf Hangs: Auslöser war eigentlich der Anruf eines Journalisten, der viel über meinen Onkel veröffentlicht hat. Er hat mich gefragt, ob er darüber schreiben könne, wie ich die Bombe nachbaue. Da war mein schwäbischer Tüftlersinn geweckt: Ich habe Ja gesagt. Aber es steckt noch mehr dahinter. Die Rekonstruktion soll die genialen Fachkenntnisse und das handwerkliche Können Elsers darstellen. Es war alles perfekt, was er gemacht hat. 

Die "Höllenmaschine“, so haben die Nazi-Schergen die Bombe genannt. Woher wussten Sie, wie Ihr Onkel sie konstruiert hat?

Hangs: Elser wurde von der Gestapo fünf Tage lang verhört, entstanden sind daraus 200 Seiten Protokoll. Aber gerade mal eineinhalb Seiten davon beschäftigen sich mit der Konstruktion. Zeichnungen wurden nicht gefunden. Sie müssen wissen, dass die Nazis die Abschriften nie veröffentlicht haben. Sie standen nämlich im krassen Gegensatz zu den Verlautbarungen der NS-Presse. Elser wird dort als Helfer des britischen Geheimdienstes diffamiert. Aufgetaucht sind die Papiere erst 1964. Sogar eine Bauteilliste, die Elser angefertigt hatte, war dabei. So konnte ich alles rekonstruieren. Ich habe zwei Jahre dafür gebraucht. Elser selbst hat es in nur einem einzigen geschafft. 

Die Bombe war sehr komplex konstruiert. Ihr Onkel hätte sie sogar sechs Tage im Voraus scharf machen können. Eine unglaubliche Leistung zu dieser Zeit. Wie funktioniert sie?

Hangs: Der wichtigste Teil des Mechanismus ist ein hölzernes Kammrad mit zwölf Zapfen in einer Uhr. Alle zwölf Stunden dreht es sich um einen Zapfen weiter. So konnte er die Zündzeit auf sechs Tage ausweiten. Das hat er am Ende aber nicht, weil er mit dem Einbau der Uhren in die Säule noch nicht fertig war. Die konnte er erst in der Nacht vom 5. auf den 6. November einstellen und den Zündapparat scharfstellen. Dieser war ein Stahlklotz mit drei Nägeln an der Vorderseite. Er wird über ein Hebelwerk und eine Feder ausgelöst: Die Nägel schlagen dann gleichzeitig auf drei Gewehrpatronen und zünden den Sprengstoff. 

Mit gleich zwei Uhren?

Hangs: Er wollte ganz sicher sein, dass die Bombe hochgeht, deshalb zwei. Wäre die eine stehengeblieben, wäre immer noch die andere weitergelaufen. In der Vorbereitungszeit hat er eine Arbeit im Steinbruch angenommen. Dort hat er 150 Sprengpatronen und 122 Sprengkapseln entwendet. 

Georg Elser hat die Bombe in der Säule im Bürgerbräukeller versteckt, vor der Hitler seine Rede hielt. Wie hat er sie dort deponiert? Das muss doch wahnsinnig auffällig gewesen sein?

Hangs: Auch das war genial. Schon Wochen vorher hat er sich jeden Abend nach 22 Uhr ins Lokal geschlichen. Versteckt in einer Besenkammer hat er darauf gewartet, dass abgeschlossen wird. Dann hat er sich daran gemacht, in die Säule eine Aussparung in der Größe von knapp drei Bierkästen zu schlagen. Vor das Loch hat er eine Tür mit Scharnieren und einer dämpfenden zwei Millimeter dicken Stahlplatte gesetzt, so dass keiner sehen konnte, dass dahinter einer arbeitet. Den Schutt hat er erst in die Besenkammer geschafft. Später mit einer Aktentasche ins Freie, wo er ihn in die Isar kippte. Alle zehn Minuten lief auf dem Männer-Pissoir kurz die Wasserspülung, dann hat er die lauten Arbeiten erledigt. Morgens um sieben Uhr, wenn der Portier kam, ist er raus geschlichen. 30 Nächte lang hat er ununterbrochen geschafft. 

Am 8. November 1939 um 21.20 Uhr explodiert die Bombe. Acht Menschen reißt sie in den Tod, 63 werden verletzt. Hitler ist längst fort, Elser wird auf der Flucht in die Schweiz festgenommen und kurz vor Kriegsende hingerichtet. Warum war es ihm so wichtig, den Nazis zu beweisen, dass er der Täter war?

Hangs: Er war stolz, dass er das so hingekriegt hat. Eigentlich hätte es für so eine Mission eine ganze Truppe gebraucht. Seine Überlegungen waren genial, er hatte alles bis ins Detail geplant. Nur an seine eigene Flucht – daran hat er wohl nicht genug gedacht.

 

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