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Ein Sicherheitsfahrer fährt immer mit

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D as Projekt autonomes Fahren nimmt Fahrt auf. Im Dezember fällt in  Karlsruhe  und Heilbronn der Startschuss. Jetzt stimmte der Gemeinderat Heilbronn einem Kooperationsvertrag mit den Mitgliedern des Konsortiums zu und billigte Ausgaben in Höhe von 50 000 Euro (siehe unten). Professor Raoul Zöllner von der Hochschule Heilbronn (HHN) berichtet im Interview vom Stand – besser: der Fahrt der Dinge. 

Damit wir wissen, wovon wir reden: Ist autonomes Fahren nicht ein völlig falscher Begriff? Das Fahrzeug ist ja nicht selbstbestimmt. Es fährt nur von allein. Wie sagt man richtigerweise?

Raoul Zöllner: Autonome Systeme sind als Begriff in der Wissenschaft schon länger definiert. Das sind Systeme, die im Rahmen ihrer Aufgabenstellung und ihrer Verortung eigenständig agieren können. Der Begriff stimmt schon. Das Fahrzeug ist nach dieser Definition wirklich autonom, es wird nicht ferngesteuert und nicht von außen gelenkt. 

Im Frühjahr 2017 sollte die Sensor- und alle weitere nötige Technik auf der siebeneinhalb Kilometer langen Teststrecke in Heilbronn installiert sein. Sind wir in Zeitverzug?

Zöllner: Nein, gar nicht. Im Frühjahr hat das Projekt begonnen. Es dauerte ein halbes Jahr, die passende Sensorik auszuwählen. Jetzt schließen sich ein halbes Jahr Tests an einer Kreuzung an. Wenn alles passt, dann rollen wir das auf sieben weitere Kreuzungen aus. 

Sieht man schon Vorboten der Messstationen?

Zöllner: Ja, an der Kreuzung Karl-Wüst-Straße/Albertistraße zwei Kameras oben an der Ampel. Und da steht ein Schrank, der sieht aus wie andere Schränke zur Verkehrssteuerung. Der ist für unsere Rechner, es fehlt aber noch der Glasfaseranschluss zur Hochschule in Sontheim. Der soll noch dieses Jahr kommen. Das ist aber nicht alles, wir brauchen noch ein paar Sachen. 

Was fehlt?

Zöllner: Funktechnik, die heißt Road Side Unit (RSU). Und es fehlt noch eine Kamera mindestens und Radartechnik. 

Erkenne ich im Vorbeifahren, dass ich ein digitalisiertes Testfeld passiere?

Zöllner: Nicht so direkt. Sie könnten die Geräte auch für eine stationäre Verkehrskontrolle halten. 

Wann geht es los?

Zöllner: Am 6. Dezember gehen die beiden Testkreuzungen an den Start, bei uns und in Karlsruhe. Wir wollen gleichzeitig einen Knopf drücken, ab dem Moment werden Daten aufgezeichnet und Algorithmen geschrieben. Ziel ist, so genau wie möglich die Situation in der Kreuzung zu erfassen: Fahrzeuge, Fußgänger, Fahrräder, einfach alles. Die Projektgruppen arbeiten schon jetzt an ihrer zweiten Kreuzung. 

Was machen Sie mit den Daten?

Zöllner: Eine genaue Situationsanalyse. Damit man nach der Fahrt des autonom fahrenden Fahrzeugs beurteilen kann, ob es die Situation richtig eingeschätzt hat. Um es klar zu machen: Die auf der Straße installierten Sensoren steuern das Auto nicht, sie reflektieren nur die Situation. Die Sensoren haben den Überblick. Das Auto begibt sich nur in die Verkehrssituation. 

Wann fährt das erste fahrerlose Auto?

Zöllner: Das dauert bis nächstes Frühjahr. Dann fahren unsere Versuchsfahrzeuge. Die haben die Sensorik an Bord, um die eingeschränkte Sicht des Fahrzeugs abzubilden. Im Grund geht es um Kommunikation: Was müssen wir dem Fahrzeug beibringen, dass es die Infos von den Sensoren deuten kann? 

Muss man immer fürchten, dass plötzlich ein fahrerloses Auto auftaucht?

Zöllner: Die Frage muss ich mit Nein beantworten. Es wird immer ein Sicherheitsfahrer drin sitzen, der eingreift, wenn es die Situation erfordert. Ansonsten guckt er wohlwollend zu und versucht, sich Situationen zu merken, die falsch sind. Ich rechne damit, dass zwei weitere Kollegen hinten sitzen und mit Laptops auf den Knien versuchen, online die Daten sofort zu analysieren. 

Warum?

Zöllner: Damit sie die Situation wiederholen können, um herauszufinden, was das Problem ist. 

Und der Nichtfahrer, Fahrzeugnutzer wird total überwacht. Was ist mit dem Datenschutz?

Zöllner: Wir nehmen die Daten auf, sie werden gebündelt, jedes Fahrzeug ist eine Kiste, jeder Fußgänger ein entsprechender Quader. Wir arbeiten mit Objektlisten. Personenbezogenen Daten sind in keinster Weise enthalten. Außerdem sind wir in Kontakt mit dem Datenschutzbeauftragten des Landes. 

Merke ich als normalsterbliche Autofahrerin, wenn mir ein Fahrzeug begegnet, das autonom unterwegs ist?

Zöllner: Wahrscheinlich nicht. Es sei denn, Ihnen fällt die GPS-Antenne auf dem Dach des Autos auf. 

Wie oft gehen Sie auf die Strecke?

Zöllner: In der Anfangsphase mindestes einmal pro Woche. Wenn wir eine Stunde aufzeichnen, haben wir eine große Festplatte gefüllt. Die muss man ja auch bearbeiten.

Wie viele Leute von der HHN sind an dem Projekt beteiligt?

Zöllner: Im Moment sind wir zu fünft. Drei Doktoranden und zwei wissenschaftliche Mitarbeiter. Studenten sind mit Studien- und Laborarbeiten und zwei Masterarbeiten beteiligt. In der Vorlesung "autonome Systeme“ gibt es dann brandaktuelle Beispiele. 

Ist mit anderen autonomen Fahrzeugen zu rechnen?

Zöllner: Ich hoffe doch! Porsche und Daimler haben Interesse. Wir haben mit Audi gesprochen. Valeo und Bosch wissen es. Viele Firmen wollen keine Fahrzeuge komplett ausstatten, aber einzelne Komponenten testen. 

Ab wann sind alle acht Kreuzungen Testgebiet?

Zöllner: Wir rechnen damit, dass wir sie im Lauf des nächsten Jahres ausgestattet haben. 

Im Parkhaus Wohlgelegen wird autonomes Parken geübt. Von jedermann?

Zöllner: Das Fahrzeug muss autonom fahren können, sonst kann man diesen Service nicht nutzen. Eine Zukunftsvision ist das schon, dass ihn jeder benutzen kann, der so ein Fahrzeug besitzt. Hier wollen zum Beispiel auch Valeo und Bosch ihre Parksysteme testen.

 

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