Stimmt.de

Titelseite.indd
Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Tee mit den Taliban für einen Schulneubau

zurück zur Übersicht

"Afghanistan – was geht das uns hier an?“ Auf diese Frage wissen die Schüler der Klassen neun bis zwölf am Freitagmorgen in der Mensa zuerst keine Antwort. Dr. Reinhard Erös, Mediziner, Oberstarzt a.D., Politikwissenschaftler, Entwicklungshelfer, ein kräftiger Mann mit lauter Stimme, ein Kämpfer für die Menschen in einem Land, in das er sich vor langer Zeit "verliebt“ hat, bleibt die Antwort nicht lange schuldig. Erös ist getrieben von einer Mission, für die er in Deutschland jährlich Tausende von Kilometern zurücklegt, von Vortrag zu Vortrag eilt, vor allem in Schulen. Die Folgen verfehlter Flüchtlings- oder Klimapolitik beträfen ihn zwar nicht mehr, aber die Jungen würden die Konsequenzen vielleicht am eigenen Leibe spüren. Daher seine Forderung, die er mit Papst Franziskus teilt: sich einmischen, sich politisch engagieren

Pendler zwischen zwei Welten

1981 verbringt Erös seinen Urlaub in Indien bei Mutter Teresa – "Die kennt ihr doch noch?“ –, um den Hunderten von Kranken zu helfen, die täglich vor der Behandlungshütte warten – und von denen täglich 30, 40 sterben. "Wenn die wüssten, wie gut es den Menschen bei uns geht, kämen die alle“, geht es ihm damals durch den Kopf. Heute wissen sie es. 200 000 Afghanen sind bereits in Deutschland. Und wenn sich noch ein paar Millionen auf der Flucht vor Hunger oder Krieg auf den Weg zu uns machen? "Dann habt ihr ein Problem!“ 

Er zeigt Bilder, teilweise erschreckende von verkohlten Leichen, aber auch von herrlichen Landschaften und Moscheen, ein Video, das das "Auslandsjournal“ über seine Arbeit in Afghanistan gedreht hat, und Landkarten. 1986 zieht er samt Familie an die pakistanisch-afghanische Grenze und gründet die erste Grundschule in Peshawar, die seine Frau leitet und in die auch seine Kinder gehen. Um den Menschen in Afghanistan zu helfen, müssen die Berge zu Fuß überquert werden. Und das ist ein lebensgefährliches Unterfangen. Zerstört von Großmächten Afghanistan ist ein schönes Land mit vielen Extremen: mit Temperaturunterschieden von fast 100 Grad, Höhen von 40 bis 7600 Metern, einem Völkergemisch aus 30 Ethnien und zwanzig Sprachen. Der Islam war bis vor ein paar Jahrzehnten fröhlich, unpolitisch, mit Wallfahrten, Tanz, Musik – wie der bayrische Katholizismus auf den Dörfern von Erös’ Heimat. Dieses Afghanistan wurde zwar nie kolonisiert, aber zerstört von Großmächten und einem importierten islamistischen Terror. Jetzt ist es das Land mit der größten Kriegs- und Fluchterfahrung. 

Tinte statt Blut vergießen

Begeistert ist der bärtige "aleman daktar sahib“ auch vom Volkscharakter, in dem das Wort "aufgeben“ nicht existiert, erkennbar am Nationalsport Buskashi, Ziegenziehen, das für die Teilnehmer mit schweren Verletzungen enden kann. "Aufgeben“ scheint es auch in Erös’ Arbeit nicht zu geben. Was der Pendler zwischen zwei Welten seit 1998 mit seiner privaten "Kinderhilfe Afghanistan“ aufgebaut hat, mutet an wie ein orientalisches Märchen. Ausdauer, Durchsetzungsvermögen, Verständnis für die Kultur und das Beherrschen von Paschto – das schafft Vertrauen. Und er beschäftigt ausschließlich Einheimische, die so ihren Lebensunterhalt verdienen. Wichtig ist ihm die Bildung von Mädchen und Frauen. Eine gebildete Frau bekommt weniger Kinder, das Armutsrisiko sinkt. Dafür muss Erös schon mal mit den Taliban Tee trinken, denn ohne sie geht es nicht – und reden, reden, reden. Aber auch der Prophet Mohammed soll das Vergießen von Tinte dem Blutvergießen vorgezogen haben. Luca Grewe, J2, ist beeindruckt und ermutigt. Ihre Absicht, sich zu engagieren, hat der Vortrag bestärkt.

 

 

Galerien

Regionale Events

Barrierefreie Lesung

Hasnain Kazim liest in der Stadtbibliothek im K3 Heilbronn aus „Mein Kalifat“.