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Nationalität bestimmt nicht, wer man ist

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Mit Vorurteilen und dem Anderssein kennt sich Katharina Martin-Virolainen aus. Als Elfjährige kommt sie aus Russland nach Deutschland. Die Unterstützung, die ihr damals fehlt, will die 32-Jährige heute anderen Jugendlichen geben. Seit Jahren forscht die Eppingerin außerdem nach ihrer Herkunft, um zu verstehen, was sie ausmacht. Auf den Spuren ihrer Vorfahren hat sie Archive durchforstet und zahlreiche Länder Europas bereist. Sie weiß, was es bedeutet, in eine andere Welt einzutauchen.

Zuerst Deutsche, dann Russin

Wie würden Sie Ihre Herkunft beschreiben?

Katharina Martin-Virolainen: Ich bin eine Deutsche mit finnischen Wurzeln und russischer Seele. Ich wurde in Russland geboren, meine Mama ist Finnin, als Kind war ich die einzige Deutsche in der Schule. Ich wurde zwar nicht beschimpft, denn in unserem Dorf haben viele Völker zusammengelebt. Aber ich bin auch nie um das Thema drumherum gekommen.

Wurde es einfacher, als Sie mit Ihrer Familie nach Deutschland kamen?

Martin-Virolainen: Ich hatte gar keine Zeit, mich darauf vorzubereiten. Alles ging damals sehr schnell, und es war eine andere Welt. Hier wurde ich plötzlich zur Russin, das war nicht einfach. Als Kind habe ich gar nicht verstanden, wofür ich gehasst wurde. Da verzweifelt man manchmal innerlich, auch weil es sprachliche Barrieren gibt und man sich nicht wehren kann.

Ist das ein Grund, warum nicht nur Russlanddeutsche hierzulande eher unter sich bleiben?

Martin-Virolainen: Man sucht sich erstmal Menschen aus, die dieselben Erfahrungen machen. Ich hatte anfangs auch keine deutschen Freunde, weil man einzelne schlechte Erfahrungen auf alle anderen überträgt. Es dauert, bis man Anschluss findet. Ich hatte Glück, dass ich in der achten Klasse nur mit Deutschen zusammen war, da musste ich mich verständigen und Deutsch reden. 

Vorurteile auch nach etlichen Jahren

Sind Sie inzwischen angekommen?

Martin-Virolainen: Ja, aber es gibt immer noch manchmal blöde Sprüche. Man wird oft einfach in einen Topf geworfen mit allen Russlanddeutschen und muss sich automatisch erklären. Dabei hat man das Thema irgendwann auch mal satt. Wenn sich jemand wirklich für meine Meinung interessiert, erkläre ich mich gerne. Aber ich diskutiere nicht mit Vollpfosten. 

Die was behaupten?

Martin-Virolainen: Zum Beispiel, dass alle Russlanddeutschen die AfD unterstützen. Ich fühle mich da überhaupt nicht zugehörig. Man muss Menschen und Politik trennen. 

Schritte in der Integration

Was hat Ihnen bei der eigenen Integration geholfen?

Martin-Virolainen: Es ist ein zweiseitiger Prozess. Ich hatte Menschen, die mich gefördert haben, außerdem habe ich sehr offene Eltern. In unserer Familie wurde nie pauschalisiert. Meine Mutter sagt immer: Es gibt keine schlechte Nationalität. Andere Familien bleiben unter sich, so wie sie als Deutsche in Russland unter sich geblieben sind. Aber ich möchte, dass meine Kinder mit verschiedenen Sprachen und Kulturen aufwachsen. Einen Menschen darf man nicht nach seiner Nationalität bewerten, die spielt keine Rolle dabei, wer man ist. Es kommt auf den Menschen an.

Wie kann Integration Ihrer Erfahrung nach gelingen?

Martin-Virolainen: Es braucht Zeit, aber es kann funktionieren. Es hängt immer vom einzelnen Menschen ab, denn jeder ist seines Glückes Schmied. Man muss die Integration selbst wollen – wenn eine Seite nicht will, kann man es vergessen. Für mich heißt Integration, Neues anzunehmen in Harmonie mit dem Alten. Es bedeutet nicht, die eigenen Wurzeln zu vergessen, denn das wäre Assimilation. Ich pflege zum Beispiel meine Sprache, indem ich russische Texte veröffentliche. In anderen Dingen bin ich sehr deutsch. Wenn man das alles gut managt, ist es keine Behinderung für die Integration. 

Eigene Herkunft erforschen

Sie suchen aktiv nach Ihren Wurzeln, planen derzeit ein Projekt, in dem Sie als Autorin die Länder Ihrer Vorfahren bereisen wollen.Warum ist Ihnen das so wichtig?

Martin-Virolainen: Ich will alles aufschreiben, damit die Namen nicht verschwinden. Auch für meine Kinder, damit sie wissen, woher sie kommen. Mich hat das schon immer fasziniert. Ich hatte immer das Gefühl, es geht noch weiter, habe geforscht und gesucht. Meine Familie kommt aus Sibirien, Kasachstan, Polen, der Ukraine, Finnland, Schlesien und dem ehemaligen Leningrader Gebiet. Ich hatte auch Vorfahren in Preußen und im Schwarzwald, einer ist sogar im Kirchenbuch in Sulzfeld verzeichnet. Inzwischen finde ich es schön, so viele Facetten zu haben. Und ich möchte Menschen an diesen Orten begegnen.

Was erhoffen Sie sich davon?

Martin-Virolainen: Ich will nach Gemeinsamkeiten suchen, nicht nach Unterschieden. Dabei geht es nicht um große Organisationen, sondern um Menschen. Wir sind doch alle irgendwie miteinander verbunden.

Arbeit mit Jugendlichen

Integration und Miteinander ist auch ein wichtiges Thema im Jugendhaus. Was ist Ihr Antrieb für die Arbeit dort?

Martin-Virolainen: Irgendwie mache ich das auch für mich selbst. Die Jugendlichen sind die Erwachsenen von morgen, und ich möchte sie fördern. Wir sind alle dafür verantwortlich, was aus dieser Generation wird. Außerdem weiß ich, welche negativen Erfahrungen gerade Kinder mit Migrationshintergrund machen und habe manchmal Lösungsideen. Ich kann den Jugendlichen etwas geben, das ich selbst nie hatte. Allerdings habe ich gar nicht gedacht, dass ich beruflich mal in der Jugendarbeit lande, ich habe das jahrelang nur ehrenamtlich gemacht. Mit 17 wollte ich mich einfach irgendwo einbringen und habe angeboten, Kinder zu betreuen. So fing das an. 

Sie leiten seit Jahren Tanzgruppen für Jugendliche, die verschiedene Nationalitäten haben.

Martin-Virolainen: Ich suche mir die Jugendlichen nicht aus, jeder kann mitmachen. Jeder wird angenommen, wie er ist.

Gastfreundschaft in Russland

Vor Kurzem sind Sie mit der Gruppe Culture Crossover in Russland aufgetreten. Die acht Jugendlichen waren begeistert von der Gastfreundschaft. Was wollten Sie mit der Reise erreichen?

Martin-Virolainen: Wir haben oft die falschen Vorstellungen von Russland im Kopf. Die Überzeugung, dass Russen Feinde sind, sitzt tief. Das spüre ich auch nach 21 Jahren noch. Der Hass ist gefährlich, den kann man nur bei Begegnungen aus der Welt schaffen.

Haben Sie das erreicht?

Martin-Virolainen: Viele Menschen haben uns in Russland gesagt, wir sollen zu Hause erzählen, dass sie nichts gegen Deutschland haben. Die Reise war ein großartiges Erlebnis, wir waren unter Freunden. Das werden die Jugendlichen weitertragen, da bin ich mir sicher. Persönliche Erlebnisse sind wichtiger als das, was in den Massenmedien steht. Da gibt es zu viel Propaganda auf beiden Seiten. Deshalb sind Begegnungen mit normalen Menschen wichtig. 

Sie setzen also auf kleine Schritte mit großer Wirkung?

Martin-Virolainen: Ich versuche wenigstens, in meiner Umgebung etwas zu verändern. Das ist viel Arbeit, in 15 Jahren gab es viele Rückschläge. Aber es lohnt sich, mit kleinen Projekten zwischenmenschliche Beziehungen zu stärken. Es war schön zu sehen, wie die Jugendlichen Freunde gefunden haben. Und es hat mich sehr berührt, dass auch die Stadt Eppingen uns unterstützt hat. Das war nicht nur finanziell wichtig, sondern bedeutet mir sehr viel. Das sind kleine Erfolgserlebnisse, wenn die Bemühungen für ein Miteinander fruchten.

Prognose

Werden wir all die Probleme, die in Sachen Integration noch vor uns liegen, gemeinsam meistern?

Martin-Virolainen: Ich wage da keine Prognose. Es wird schwierig sein. Aber man muss den Menschen zuhören, darf ihre Ängste nicht abtun, sondern man sollte miteinander reden und sich gegenseitig ernst nehmen. Dann kann es vielleicht gelingen.

 

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