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Mathe ist hier leichter als in Syrien

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Dass er wirklich einen Taschenrechner benutzen darf, konnte Johnny Youssef kaum glauben. In seiner Heimat Syrien rechnen die Schüler sogar bei der Abiturprüfung alles im Kopf, auch Formelsammlungen gibt es nicht. "Hier war das einfacher“, sagt der 20-Jährige, der dieses Jahr sein Abi an der Johann-Jakob-Widmann-Schule in Heilbronn abgelegt hat.

In Syrien wurde alles teuer

Youssef ist ein besonderer Absolvent des Technischen Gymnasiums: Erst vor vier Jahren ist er mit seiner ganzen Familie aus Qamischli in Syrien nach Kirchardt gekommen. Sein Onkel wohnt bereits seit 20 Jahren dort, durch ihn bekam die Familie Visa und Flugtickets. Vom syrischen Bürgerkrieg hatten sie zwar zum Glück nicht viel mitbekommen: Das kurdisch geprägte Qamischli liegt direkt an der türkischen Grenze, Kampfhandlungen gab es hier kaum. "Aber alles ist teuer geworden“, erzählt Youssef, der noch Verwandte und Freunde in der Gegend hat.

Die Ankunft war schwierig

Schon vor der Ausreise nach Deutschland lernte Youssef zusammen mit seiner älteren Schwester ein bisschen Deutsch. Trotzdem war die Ankunft schwierig: Er konnte sich nicht verständigen, die Bürokratie dauerte lange. Ein Jahr lang besuchte er einen sogenannten VABO-Kurs – "Vorqualifizierung Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse“. Dafür pendelte er mit Bus und Bahn von Kirchardt zum Technischen Schulzentrum nach Heilbronn, mehrere Stunden war er täglich unterwegs. 20 Schüler aus unterschiedlichsten Nationen saßen in der Klasse.

Der Wechsel aufs Gymnasium

Im Unterricht lernten sie nicht nur die Sprache, sondern auch deutsches Essen und Kleidervorschriften kennen. Sie übten, Verträge abzuschließen und Briefe zu schreiben. "Deutsche schreiben so viel auf Papier“, sagt Youssef – in Syrien funktioniere viel mehr per E-Mail oder Telefon. Trotzdem waren seine Noten so gut, dass Youssef nach dem einjährigen VABO-Kurs direkt aufs Gymnasium wechselte – als einziger der 20 Sprachschüler. Nach Angaben der Stadt gibt es in Heilbronn zurzeit 93 schulpflichtige Flüchtlingskinder, von denen nur fünf ein Gymnasium besuchen.

Deutsch und Geschichte sind schwer

Während die anderen Flüchtlinge aus dem Vorbereitungskurs Ausbildungen anfingen oder den Realschulabschluss nachholten, pendelte Youssef weitere drei Jahre täglich stundenlang ans Gymnasium. Deutsch und Geschichte seien besonders schwierig gewesen: Bei einer der ersten Prüfungen ging es um Deutschland kurz vor dem zweiten Weltkrieg. "Solchen Stoff haben wir in Syrien nie behandelt.“

Einen Preis für herausragende Leistungen in Mathe

Dafür glänzte Youssef in Mathe und Physik: Rechnen war immer schon sein Steckenpferd, den deutschen Mitschülern war er am Anfang voraus. Auch wenn er Fachbegriffe wie etwa "Steigung“ erst lernen musste – nach zwei oder drei Prüfungen benötigte er kein Wörterbuch mehr. Bei der Abiturfeier bekam er sogar einen Preis für herausragende Leistungen in Mathematik.

Für Informatikstudium beworben

Und er möchte diesen Weg weiterverfolgen: Gerade hat er seine Bewerbung für ein Informatikstudium in Stuttgart abgeschickt. Der 20-Jährige, der fließend Aramäisch und Arabisch sowie Englisch und Deutsch spricht, hat sich sogar schon die ersten Programmiersprachen angeeignet. Parallel macht er seinen Führerschein.

Seine Familie

Youssef möchte für immer in Deutschland bleiben – höchstens mal im Urlaub nach Syrien zurückkehren. Seine engste Familie ist in Kirchardt, er hat hier viele Freunde gefunden. Der Vater, einst Ingenieur, arbeitet jetzt bei einer Fensterbau-Firma. Die Mutter, ehemals Lehrerin, jobbt im Seniorenheim. Youssefs Schwester studiert im fünften Semester Grundschullehramt. Die Familie ist gut integriert, hat aber dennoch keinen unbegrenzten Aufenthaltstitel. "Aber darum mache ich mir jetzt noch keine Sorgen“, sagt Johnny Youssef. Er hofft für seine Verwandten und Freunde in der Heimat einfach, dass die Situation in Syrien bald besser wird – und sein Studium gut läuft. Dafür hat er ja nun einen Taschenrechner.

 

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