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Den Horizont erweitern

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Matthias Stiefel ist seit September vergangenen Jahres bei der Flüchtlingshilfe Bad Rappenau. Ende des Monats läuft sein Dienst aus. Die Stadt ist immer noch auf der Suche nach einem Nachfolger. Drei Bewerbungen liegen vor, doch handle es sich um Personen von außerhalb, die eine Unterkunft bräuchten, so Martin Liebegut, Flüchtlingsbeauftragter. "Wenn sich niemand findet, ist das eine Katastrophe.“ 

Abwechslungsreiche Arbeit

"Ich könnte ein Buch über dieses Jahr schreiben“, sagt Stiefel über seine Arbeit im Bundesfreiwilligendienst (Bufdi). Nicht nur die Organisation von Veranstaltungen hat er übernommen, sondern vor allem direkte Hilfe geleistet: Wohnungssuche, Übersetzen von Behördenbriefen, Ausfüllen von Fragebögen bei Aufenthaltsverlängerungen. "Man weiß morgens nie, was einen erwartet“, sagt er. "Wer kommt in die Sprechstunde, mit welchen Anliegen?“ Sogar als Nachhilfelehrer war er im Einsatz, um den bevorstehenden Schulstart zu erleichtern. "Das war eine Herausforderung, wir sind ja keine Pädagogen“, erzählt der 28-Jährige. "Die Eltern können oft gar nicht helfen.“ 

Manche Kinder seien in ihrer früheren Heimat noch nicht eingeschult gewesen. "Mit Neuankömmlingen machen wir Alphabetisierung, üben das Schreiben der Buchstaben.“ Außerdem lernten die Kinder im Sportverein Deutsch. "Wir stellen den Erstkontakt zum Trainer her oder helfen bei der Anmeldung, auch im Musikverein oder Chor.“ Diese Abwechslung mache die Arbeit besonders spannend: "Jeder kann seine Stärken einbringen“, findet Stiefel. Berührungsängste mit fremden Kulturen dürfe man für den Job natürlich keine haben. "Beziehungen sind wichtig, man sollte nicht zu introvertiert sein.“

Unterschiedliche Erfahrungen

Seine Erfahrungen mit den geflüchteten Familien waren unterschiedlich: "Manche Mädchen sind schon ganz jung verschleiert, schütteln nicht die Hand. Andere sind ganz überschwänglich“. Doch in jedem Fall sei es bereichernd, immer neue Menschen kennenzulernen. "Und da ist die Dankbarkeit, die man erfährt.“ Der Großteil der Geflüchteten nehme die Hilfe gern in Anspruch und freue sich über die Sprechstunden.

Gesehen was Menschen zur Flucht treibt

Für Stiefel ist es nicht der erste Freiwilligendienst gewesen: Zuvor war er bereits zwei Jahre in Guinea-Bissau im Missionseinsatz. "In Westafrika habe ich vor Ort gesehen, was Menschen zur Flucht treibt. Ich war selbst ein Fremder“, erzählt er. "Die sogenannte Flüchtlingswelle hier habe ich nicht erlebt, weil ich ja weg war. Das hat mich neugierig gemacht: Wer sind diese Menschen?“ Deshalb hat er sich für den Freiwilligendienst beworben. 

Flüchtlingshilfe wird nach wie vor gebraucht 

Natürlich müsse man sich das auch leisten können, denn das monatliche Taschengeld ist nicht sehr hoch. Trotzdem kann Stiefel die Arbeit nur empfehlen: "Dieses Jahr hat meine Menschenkenntnis gestärkt und meinen Horizont erweitert“, sagt er. "Wer sich gern sozial engagiert und gesellschaftlich schwächer gestellten Leuten hilft, für den ist es das Richtige.“ Spezielle Sprachkenntnisse seien nicht erforderlich: "Schulenglisch reicht. Wer Arabisch oder Farsi spricht, hat natürlich einen Bonus.“ Auch beruflich hat ihn das Jahr weitergebracht: "Ab Herbst studiere ich evangelische Theologie und soziale Arbeit im interkulturellen Kontext“, so der ehemalige Industriekaufmann.

Dass die Flüchtlingshilfe mit der neuen Obergrenze überflüssig wird, glaubt Stiefel nicht. "Es gibt Familiennachzug, auch von anderen Landkreisen kommen immer wieder Geflüchtete nach Bad Rappenau.“ Das Bewusstsein sei aber geringer geworden. "Die Leute denken: Die große Welle ist vorbei. Vielleicht gibt es auch deshalb weniger Bewerbungen.“

Auch Martin Liebegut sieht den Bundesfreiwilligendienst als unerlässlich an: "Vor allem die Lebensbegleitung würde ohne Ehrenamtliche zusammenbrechen.“ Er befürchtet eine kaum zu bewältigende Arbeitsflut ab September: "Da kann niemand etwas dafür. Wir werden damit umgehen müssen.“

Eine Tasse zum Abschied

Zum Abschied hat Stiefel eine Tasse bekommen mit Fotos der besten Momente des Jahres: Kurdisches Essen, Kartenspielen mit Jesiden, gemeinsames Fußball-Schauen, der Gesundheitslauf der Vulpiusklinik. Jetzt bleibt zu hoffen, dass auch im kommenden Jahr jemand solche Momente erlebt. 

 

 

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