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Das Heim als Chance genutzt

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Es passiert gerade so viel in seinem Leben: Er hat seinen Realschulabschluss gemacht, auf den er "mega-stolz“ ist. Er hat eine Ausbildungsstelle gefunden, was gar nicht so einfach gewesen ist. Und er ist ausgezogen, was ihm ein großes Stück Freiheit beschert. Solche Veränderungen und Entwicklungen erleben junge Leute auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden. Raphael ist aber nicht wie alle. Seine Geschichte ist eine andere. Der 17-Jährige hat einen Großteil seiner Kindheit und Jugend im Kindersolbad in Bad Friedrichshall verbracht. Eine besondere Erfahrung. Darüber spricht er heute ganz offen, mit viel Selbstverständlichkeit und Selbstvertrauen. Das ist nicht immer so gewesen. 

Das Heim verheimlicht

"In der Schule war es mir peinlich, dass ich hier wohne“, erzählt er. Da hat er seine Lebensumstände verschwiegen. "Ich habe erst gar nichts gesagt, als ich in die Realschule gekommen bin.“ Im Heim aufzuwachsen, hat für ihn bedeutet, nie Freunde zu sich nach Hause einladen zu können.

"Es gibt Leute, die gehen gut damit um, und welche, die machen dich schlecht, hacken auf dir rum, sagen Heimkind“, schildert er Erfahrungen mit Beleidigungen, Zurückweisung, Ausgrenzung. "Da wird man leicht aggressiv“, sagt Raphael. Auf einen Streit habe er sich jedoch nie eingelassen. Auf Dauer hat er seine Situation aber nicht verheimlichen können. Sie ist zum Beispiel dadurch "aufgeflogen“, dass nicht seine Mutter, sondern der Betreuer aus dem Kindersolbad zu den Elternsprechtagen gekommen ist.

Einmal im Jahr eine Freizeit

Ein Großteil der Sommerferien bis zum Ausbildungsstart hat Raphael schwer geschuftet. Die drei Wochen Ferienjob in einem Reiserschnittgarten bringen ihm den notwendigen Grundstock für den Führerschein. Auch im vergangenen Jahr hat er dafür gejobbt.

Apropos Ferien: "Ja, natürlich war man neidisch auf die anderen, wenn sie erzählt haben, wo sie überall gewesen sind.“ Urlaub, das bedeutet für die Kinder in der Jugendhilfeeinrichtung einmal im Jahr eine Freizeit, am Bodensee, an der Nordsee, im Schwarzwald. "Aber ich war ja auch weg. Es hat für mich gepasst. Wir hatten auch unseren Spaß“, meint der Jugendliche, der im Oktober volljährig wird. "Bei mir hat Neid nie eine große Rolle gespielt.“

Mit sechs ins Heim gekommen

Raphael ist sechs, als das Jugendamt und seine Mutter ihn ins Heim bringen. An diesen Tag erinnert er sich genau. "Ich habe geschrien: Ich will nicht hierher.“ Seine Mutter habe ihm versichert, dass es nicht für lange sei, sich alles wieder regle. Die Realität ist eine andere. Aber den Jungen haben diese Worte damals beruhigt.

Die nächsten sechs Jahre wächst er in der Innenwohngruppe, bei den "Möwen“, auf. Dann lebt er zwei Jahre bei der Mutter. Das hat nicht funktioniert. "Wenn man so lange dort nicht gelebt hat, weiß man nicht, wie es ist, aufeinanderzuhocken“, meint Raphael. Er hat einen Bruder und zwei Halbbrüder – alle älter als er, die ebenfalls im Heim oder in Pflegefamilien aufgewachsen sind. Es sei schwer, wenn man nicht viel verdiene, vier Kinder groß zu ziehen, ist dem Jüngsten klar. Seiner Mutter trägt er nichts nach. Man müsse sich halt entscheiden, ob man ein schlechtes Leben für seine Kinder wolle oder ein besseres. Was dann bedeute, auf sie zu verzichten.

Jedes zweite oder jedes Wochenende ist er zu Hause. Es gebe ein Mutter-Kind-Verhältnis. "Wenn ich bei meiner Mutter zu Hause war, war ich der König“, sagt er und lacht. Seine Mutter habe dann alles für ihn gemacht. "Ich habe sehr viel Liebe von ihr bekommen“, blickt der 17-Jährige auf seine Kindheit und Jugend zurück.

Streng aber liebevoll

Raphael lebt sich im Heim ein, das nun sein Zuhause ist. "Ich habe schnell Freunde gefunden, war jeden Tag auf dem Fußballplatz.“ Eine der Erzieherinnen in der "Möwen“-Gruppe ist für ihn wie eine Mutter. "Sie hat mich auch behandelt, als ob ich ihr eigenes Kind wäre“, spricht er mit viel Empathie und Hochachtung von ihr.

"Ich war echt kein schwieriges Kind“, sagt der junge Mann mit seinem einnehmenden Lächeln. Der Tag im Heim ist durchstrukturiert, es gibt klare Regeln, Aufgaben im Zusammenleben und im Haushalt sind zu erfüllen. "Auf der einen Seite waren die Betreuer streng, auf der anderen Seite sehr liebevoll“, meint Raphael, überlegt und fügt hinzu: "Eigentlich sind die Erzieher nur streng, wenn du dich nicht an die Regeln hältst.“

Schneller erwachsen geworden

Raphael ist ein cooler Jugendlicher, der reflektiert. Er ist sehr reif für sein Alter, achtet auf sein Äußeres. Im Heim zu leben, hat ihn natürlich geprägt. Mitleid will er auf keinen Fall. Denn er weiß: "Wenn ich daheim aufgewachsen wäre, wäre ich ein ganz anderer Typ.“ Ihm ist sehr wohl bewusst, dass er im Kindersolbad eine Chance auf eine gute Entwicklung und Zukunft bekommen hat. Die hat er, so der Eindruck, genutzt.

"Ich stehe dazu. Wenn mich heute jemand fragt, sage ich, wo ich aufgewachsen bin.“ Härter und selbstbewusster sei er durch diesen Lebenslauf geworden. "Man härtet sich ab von innen und außen“, meint er und glaubt, dass er schneller erwachsen geworden sei als Gleichaltrige. "Ich wäre auch lieber in der Familie aufgewachsen“, gibt er zu. Dass dies nicht möglich gewesen ist, das bedauert er. Aber es nagt nicht an ihm. "Ich akzeptiere das. Ändern kann ich es eh nicht mehr.“

Selbstständigkeit und Verantwortung

Nur wenige Wochen hat Raphael noch im Neubau der "Hasen“-Gruppe gewohnt, der im Mai am Stammsitz in der Salinenstraße bezogen worden ist. "Zu laut und zu stressig“, ist es ihm mit den anderen sieben Mitbewohnern geworden. Und zu straffe Strukturen sind nicht sein Ding. "Ich habe gerne meine Freiheiten“, sagt der 17-Jährige, der sportbegeistert ist und zehn Jahre beim FSV Bad Friedrichshall Fußball gespielt hat.

Da ein Platz frei geworden ist, lebt er nun in einer Außenwohngruppe des Kindersolbads in Kochendorf mit zwei anderen, volljährigen Mitbewohnern. Hier schaut der Betreuer nur noch stundenweise montags bis freitags vorbei. "Es fühlt sich so an, als wäre es schon meine eigene Wohnung. Ich räume auf, koche für mich. Das ist ein gutes Gefühl, weil es zur Selbstständigkeit beiträgt“, schildert Raphael, wie wohl er sich fühlt. Mehr Selbstständigkeit bedeute aber auch mehr Verantwortung für sich selbst, mehr Arbeit. Das hat er gleich erkannt. Da ist kein Rund-um-die-Uhr-Betreuer mehr, der einen an alles erinnert. Und in der großen Wohnung öfters allein zu sein, sei eine Umstellung. "Daran muss ich mich erst gewöhnen. Ich lasse den Fernseher laufen oder Musik, wenn es zu still ist.“

Deutsch-Rap, englischer Rap und Hip-Hop, das sind seine Musikrichtungen. Er ist ein Fan der Simpsons, mag Cartoonserien und "Game of Thrones“. Freunde treffen, zusammen weg gehen, das macht er gerne in seiner Freizeit. "Ich bin nicht der Mensch, der den ganzen Tag im Bett liegt. Ich brauche Action, Struktur.“

Klare Vorstellungen

Raphael hat klare Vorstellungen, wie sein Leben einmal aussehen soll – einen guten Job in einer höheren Position, ein Haus, eine Familie. Nach der Ausbildung möchte er mit seiner Freundin zusammenziehen. Es ist eine ganz frische Liebe, die knapp drei Monate währt. Aber der 17-Jährige schmiedet schon Zukunftspläne mit seiner Partnerin. "Ich kann es jetzt schon kaum erwarten, Kinder zu haben. Wenn ich auf der Straße welche sehe, denke ich, wie ich als Vater sein werde.“ Grinsend winkt er ab: Damit wolle er sich noch Zeit lassen. "Ich bin ein Familienmensch, vielleicht deshalb, weil ich nie eine richtige Familie hatte“, analysiert er.

Und dann erzählt er von selbst von seinem Vater, den er nie kennengelernt hat. Dieser habe die Familie verlassen. Da ist Raphael noch ein Baby gewesen. "Ohne Vater aufzuwachsen, war besser als mit.“ Das sind harte Worte des so freundlichen, offenen und höflichen jungen Mannes. "Er war nicht so gut zu meiner Mutter“, liefert er den Grund. "Er hätte sich zumindest mal melden können. Aber so was kam auch nicht“, schwingt eine Portion Enttäuschung in Raphaels Stimme mit.

 

 

 

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