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Über den Wolken Europas

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Die Füße schmerzen und der Wind bläst ins Gesicht. Auf dem Gipfel des Gran Paradiso in Italien ist es so kalt, dass Wassertropfen im Trinkschlauch gefrieren. Ein Gipfelbuch gibt es nicht, die Gelegenheit für ein Selfie in 4.061 Metern Höhe lässt sich das Seven- Summits-Team des Deutschen Alpenvereins Heilbronn (DAV) aber nicht nehmen. Im Hintergrund reicht der Blick bis in die Schweiz und nach Frankreich. "Das sind die Momente, in denen du auf dem Gipfel stehst und denkst: Ist das geil. Es dauert ein bisschen, bis man mit dem Kopf wieder da ist“, erinnert sich Jamain Steckel.

Die Idee

Das Seven-Summits-Team (Englisch für "Sieben-Gipfel-Team“) will die sieben höchsten Berge der Alpen besteigen. Die Idee stammt von dem Bergführer Alexander Römer, der das in 25 Tagen am Stück geschafft hat. Etwas mehr Zeit wollen sich Jan Engelmann, David Schwager, Theresa Eich und Jamain Steckel dafür nehmen. Zusammen im Team und mit ihren Betreuern wollen sie jedes Jahr ein bis zwei Gipfel schaffen.

Das Vesper auf dem Gran Paradiso nehmen die jungen Bergsteiger 400 Meter weiter unten ein. Bei Müsliriegeln und Brot tauschen sich die elf jungen Bergsteiger über das Erlebnis aus. "Das war der erste 4.000er für uns alle. Das ist schon ein tolles Gefühl“, sagt Theresa Eich.

So einen Berg, den besteigt man nicht ohne Training, erklärt Fachübungsleiter Stefan Schwager. Eine Woche lang war das Team erst in der Schweiz und dann in Italien unterwegs. Wie man mit Steigeisen läuft oder wie man das Seil hält, das die Gruppe verbindet, das haben sie drei Tage lang auf einem Gletscher im Berner Oberland trainiert. Denn selbst für erfahrene Bergsteiger birgt das Gelände in den Bergen bei jedem Aufstieg Überraschungen. "Die Gletscher sind im ständigen Wandel. Es gibt Spalten, die sich verbreitern oder aufbrechen“, sagt DAV-Jugendleiter Holger Klitsch.

Stützpunkt Hütte

Deshalb lernen die Bergsteiger-Anwärter auch, wie eine Bergrettung funktioniert und wie man mit dem Pickel umgeht, einer Art Spitzhacke. Keine leichte Aufgabe. "Wenn jemand herunterrutscht, muss er beim Fallen den Pickel ins Eis stoßen und sich draufschmeißen“, erklärt Schwager. So wird verhindert, dass man abrutscht, bis Hilfe eintrifft.

Den Tag des Aufstiegs auf den Gran Paradiso startet die Mannschaft mit einem reichhaltigen Frühstück in der Berghütte. Die Hütten sind für Bergsteiger wie ein Stützpunkt. Sie können dort übernachten und manche von ihnen werden bewartet. "Auf der Trift-Hütte hatten wir sehr viele Kalorien und zuckrige Sachen. Da gab es Marmelade, Nutella und selbstgebackenes Brot“, erzählt Jamain Steckel.

Proviant und Wasser für den Tag trägt jeder im Rucksack. Nicht zu viel, denn sonst wiegt das Gepäck auf dem Rücken schwer. Schließlich muss neben dem Essen noch die Ausrüstung getragen werden. "Man gewöhnt sich schnell daran und irgendwann denkt man nicht mehr darüber nach“, sagt Theresa Eich. Es ist eine lehrreiche Erfahrung "Auf den Berg schleppt man alle Dinge selbst. Man hat nicht einfach alles im Schrank, wie zu Hause“, sagt Jamain Steckel.

Einsamkeit erleben

1.300 Höhenmeter trennen das Team an diesem Samstag vom Gipfel des Gran Paradiso. Das Wetter könnte nicht besser sein, erzählen die vier. Blauer Himmel und fast keine Wolken. Das tröstet darüber hinweg, dass der Wecker um kurz vor 4 Uhr klingeln musste. "Morgens läuft man wie im Schlaf. Das geht alles ganz automatisch, ohne aufzuhören. Das merkt man erst, wenn man mal Pause macht“, erzählt Jan Engelmann.

Allzu viele andere Bergsteiger sind nicht unterwegs. Das war auch schon anders: "Je nach Größe des Berges werden die Wege Richtung Gipfel schon voller“, erzählt Theresa Eich. "Aber in Lichtenstein waren wir relativ alleine.“ Die Einsamkeit gefällt den jungen Bergsteigern. Es geht darum, den Berg aus eigener Kraft zu bezwingen, so die einhellige Meinung. Dass so nicht jeder denkt, mussten die Vier schon erleben.

"Das war auf der Zugspitze so! Da ist man sehr stolz auf sich, dass man es hochgeschafft hat und begegnet dann einem Typen in kurzer Hose mit Currywurst in der Hand“, sagt Jamain Steckel. Die Zugspitze, touristisch perfekt erschlossen und mit mehreren Seilbahnen zugänglich, hat die Truppe ebenfalls im vergangenen Jahr bestiegen.

 

Kribbeln im Bauch

Hat man in diesem Touristenrummel überhaupt noch dieses Kribbeln im Bauch, das viele Bergsteiger beschreiben? "Ich würde es eher Gänsehaut nennen“, findet Jamain Steckel. "Das hat man auf jeden Fall noch“, bestätigt Theresa Eich. Und auch bei den erfahrenen Betreuern reißt das Gefühl nicht ab, bestätigt Stefan Schwager: "Schon die Nacht vor so einer Tour ist durchwachsen, weil man sich fragt, was einen erwartet.“Die Antwort auf diese Frage erwartet das Team auf dem Weg nach oben, hoch über dem Alltag.

Eine schroffe Felslandschaft, in der es nichts gibt außer Stein und Eis. "Da oben sieht man ganz real den Klimawandel“, erzählt Stefan Schwager. "Man sieht, wie die Gletscher schmelzen und zurückgehen.“ Der Mensch wirkt hier oben, auch wenn er weit entfernt ist. "Da oben liegt zwar nicht viel Müll, aber wenn ein Papier rumfliegt, hebt man es auf“, sagt Jamain Steckel.

Und nicht nur über die Natur lernen die Bergsteiger viel. "Du  lernst, minimalistisch zu sein. Man ist unterwegs und hat eine Woche lang dieselben Klamotten an“, sagt Theresa Eich. "Du lernst auch, dich selbst einzuschätzen“, sagt David Schwager. Eine Eigenschaft, die einen guten Bergsteiger auszeichnet, findet das Team. "Wenn jemand sagt, du hast nicht die Audauer, solltest du das akzeptieren. Du musst umdrehen, wenn du nicht mehr weiterkommst“, sagt Jamain Steckel.

Ziel: Bergführer werden

Für die jungen Bergsteiger ist dieser Moment noch nicht gekommen. Vor ihnen liegen noch fünf weitere Gipfel, die sie erklimmen wollen. Der Triglav in Slowenien und der österreichische Großglockner sind ihre nächsten Ziele. Irgendwann sollen die Jungen selbstständige Bergführer werden, ohne ihre Betreuer. Bis es so weit ist, erholen sich die Vier aber erstmal von ihrer Tour. "Ich habe bis 14.30 Uhr geschlafen“, erzählt David Schwager und lacht. Bei Jamain Steckel hat es besser geklappt: "Man kommt erstaunlich
gut wieder in den Alltag rein. Man ist nach so einer Tour ganz klar im Kopf.“

 

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