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Wortwitz muss genügen

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Es war ja auch eine verrückte Idee, damals vor 30 Jahren. Da saßen Literaten in den Staaten beisammen und grübelten. Lesungen hatte es ja schon immer gegeben, aber den Literaten in Chicago schwebte etwas anderes vor. Seit ein paar Jahren gab es da Jungs, die mit schnellem, rhythmischem Sprechgesang auf sich aufmerksam machten. Rap nannte sich das Ding, das sich aus den Ghettos in den weißen Mainstream bewegte, die Beastie Boys seien da nur genannt. Das wollten sie auch, die Schriftsteller: Rhythmisch plaudern. Nur unter einem literarischen Vorzeichen eben. Die Poetry Slam Bewegung war geboren.

Hochburg des Slams

Seit vielen Jahren wird auch in Deutschland geslammt. Eine Hochburg im deutschen Südwesten ist, dank des rührigen Popbüros Heilbronn-Franken, die Käthchenstadt, und da wurde jetzt anlässlich des zehnten Viel & Drauß?en Festivals am Wilhelm-Waiblinger-Haus groß aufgefahren.

Acht Slammer aus der ganzen Republik stellen sich dem Wettbewerb, angefangen von Newcomern wie dem Team JoChi aus Heilbronn, das sind Johanna Wahl und Chiara Reinhardt, die erst im Frühjahr die U20-Meisterschaften Baden-Württembergs für sich entschieden haben, bis zu solch erfahrenen Slammern wie Marvin Suckut aus Konstanz, der die begehrte Auszeichnung 2009 erhalten hatte. Fast zehn Jahre trennt die beiden.

Regeln für Teilnehmer

Wer wird das Rennen machen? Das Team JoChi, das sich mit einem komplizierten Text über Göttin Fortuna vorstellt oder der alte Hase Suckut, Jahrgang 1989, der mit einer so lustigen wie lässigen Erstsemester-ich-habe-euch-gewarnt-Nummer punkten will? Mal abwarten. Das Teilnehmerfeld ist bei diesem Slam, der vom Lokalmatadoren Nektarios Vlachopoulos moderiert wird, bestens besetzt.

Wie immer gelten strenge Regeln: Ein eigener Text muss vorgetragen werden, der nicht länger als sechs Minuten dauern darf. Und: "Bitte keine Requisiten. Auch keine Spritzpistole", lästert Vlachopoulos. Das wäre bei diesen subtropischen Temperaturen Bestechung.

Themen der Poeten

Also rein ins Vergnügen. Zwei Gruppen à vier Slammer werden gebildet. Die Themen? Sind, sagen wir es zurückhaltend, schillernd. Sylvie le Bonheur nimmt Partnerbörsen im Netz unter die Lupe, nach dem Motto: "Suche Kindskopf, biete Ehe." Andivalent fragt nach, weshalb ein Brötchen ein paar Cent kostet, ein Bild von einem Brötchen indes ungleich mehr. Wenn man es nicht einmal essen kann. Eine clevere Analyse des Kapitalismus. Doch was nützt die beste Analyse, wenn doch das unfassbar große Publikum auf Unterhaltung gepolt ist? Da hat der Heilbronner Slampoet Luis Schulz, der sich über Kreisliga-Fußball auslässt, keine Chance. Sex sells, Baby.

Gewinner

Nach einem in jeder Hinsicht heißen Wettslammen macht Jey Jey Glünderling aus Frankfurt das Rennen. Was er vorträgt? So allerhand. Glünderling, das ist im bürgerlichen Leben Jakob Schwerdtfeger, ist in der Wortkünstlerszene der Mainmetropole eines Tages als spätberufener Dadaist aufgetaucht: In Heilbronn trägt Glünderling, eine verbale Verballhornung der ausgestorbenen Glühbirne, seine Betrachtungen aus dem Freibad vor. Intelligent? Nun ja. Kühlt aber schön. Und was will man an einem heißen Sommerabend mehr.

Aufhorchen lässt indes ein Duo aus München, das den musikalischen Rahmen bestreitet: Peter Fischer und Lucie Mackert, kurz Mackefisch, sind die eigentlichen Gewinner des relaxten Eröffnungstags: komödiantisch und ganz schön sarkastisch.

 

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