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Die Dinge ganz sehen

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Die Tische müssen noch anders gestellt werden. "Ich mag es nicht, wenn die Dinge in Reih und Glied stehen“, sagt Dr. Heike Denscheilmann und packt an. Groß wie ein Tanzsaal ist der Raum unter dem Dach des Alten Rathauses in Heilbronn-Böckingen, wo die Künstlerin gleich einen dreitägigen Zeichenkurs der Volkshochschule Heilbronn eröffnen wird. Sitzordnungen gibt es nicht, zwischen den Holzbalken verteilt Denscheilmann Krüge, Flaschen, Stofftiere, Obst und Pflanzen. "Als erstes üben wir, die Dinge richtig zu beobachten“, erklärt die Künstlerin und gibt das Startsignal. "Malt alles, was ihr seht, in dreißig Sekunden – ab jetzt!“ Bleistifte kratzen über Zeichenblöcke, die Blicke der fünf Teilnehmer schnellen auf und ab. "Sucht euch eine Blume aus und malt sie von oben bis unten, haltet euch nicht an einzelnen Blütenblättern auf“, ruft Denscheilmann. Und wenig später: "Stopp!“ 

Sinnlichkeit

"Gesehen hab ich mehr“, kommentiert Teilnehmer Holger Langguth sein Ergebnis. Seinem Porzellankrug fehlen Henkel, die Proportionen sind noch nicht perfekt. Auch die Schülerinnen Kyra Laumen, Ndela D’Diaye und Sophie Toepfer vergleichen verunsichert ihre Zeichnungen. "Bei manchen fehlt noch der Topf, aber man erkennt überall, dass es eine Blume sein soll“, kommentiert Künstlerin Denscheilmann das Ergebnis der ersten Übung. Und liefert gleich die Lerneinheit hinterher: "Konzentriert euch beim Zeichnen auf das Wichtigste. Schaut genau hin, wo die Information steckt.“

Als Jugendliche hat Heike Denscheilmann selbst an solchen VHS-Kursen teilgenommen. Mittlerweile arbeitet die Kulturwissenschaftlerin zu 50 Prozent als Künstlerin in einem Gemeinschaftsatelier und zu 50 Prozent bei der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. "Man spricht ja immer so viel von Achtsamkeit“, sagt sie und blickt sich im Saal um. "Beim Zeichnen geht es vor allem ums Dasein, ums Beobachten. Das ist etwas sehr Sinnliches.“ Das Material zu fühlen und sich vor der Staffelei frei zu bewegen, sei Teil ihrer Leidenschaft für die Kunst. Zeichnen könne man genauso lernen wie das Spielen eines Instruments: "Es gibt Techniken, die man beibringen und einüben kann. Zum Beispiel, wie man den Stift richtig hält und die Szenerie beobachtet.“
Von der ersten Bleistiftskizze bis zum fertig eingefärbten Bild begleitet Denscheilmann die Teilnehmer durch den Wochenendkurs. Sie zeigt, wie man Größen mit einem Bleistift und dem ausgestreckten Arm misst und Hilfskringel zur Orientierung einzeichnet. Solche Tricks sind zum Beispiel nützlich, um die runden Formen des Kruges aufs Papier zu bringen.

"Ich wollte das kreative Zeichnen schon immer mal ausprobieren“, erzählt Architekt Holger Langguth, der beruflich viele digitale Zeichnungen am Computer anfertigt. "Das sind immer nur Behelfsskizzen, da macht man nie was fertig.“ In seinem Bekanntenkreis habe Langguth in den letzten Jahren einen Trend zum Selbermachen bemerkt: "Manche Freunde stellen zu Weihnachten Grußkarten selbst her“, erzählt der Nordheimer. Er erhofft sich vom VHS-Kurs einen Einstieg ins freie Zeichnen von Hand. "Und wer weiß, vielleicht bringt es mir ja auch für den Beruf was.“

Abschalten

Während Langguth weiter mit den Rundungen des Porzellankrugs kämpft, haben sich die drei Freundinnen am anderen Tisch dem Zeichnen von Obst angenommen. "Am Anfang habe ich zu viel nachgedacht“, sagt Kyra Laumen zur 30-Sekunden-Übung. Auch ihre Mitschülerin Ndela D’Diaye kennt dieses Gefühl: "Ich will lockerer zeichnen und den Kopf abschalten können“, sagt die 17-Jährige. Das Schönste am Kunsthandwerk sei, dass man Ideen aus dem Kopf zu Papier bringen und anderen zeigen könne. "Wenn ich zeichne, entspanne ich mich total. Basteln ist dagegen eher anstrengend“, erzählt D’Diaye. Je weiter der Kurs voranschreitet, desto stiller wird es im Dachgeschoss des Alten Rathauses. Am Ende stehen alle Teilnehmer um einen großen Kreis aus Kunstwerken, die auf dem Boden verstreut liegen – und sind sehr stolz auf die Bilder, die aus einer ersten Skizze in nur dreißig Sekunden entstanden sind.

Tipps und Infos

Die Volkshochschule Heilbronn bietet in der Zentrale im Deutschhof jedes Semester rund 150 Kurse im Bereich Kultur und Kreativität an. Dazu kommt das Angebot in den Zweigstellen – in Böckingen steigt die Nachfrage nach Zeichenkursen. Zur Wahl stehen verschiedene Maltechniken wie Öl, Acryl und Aquarell. Außerdem gibt es Workshops zu speziellen Themen wie Aktzeichnen, Comics, Power Painting oder Malen für Senioren. Auch Handwerkstechniken für Tonmodelle, Sandstein-Skulpturen und Strickwaren können erlernt werden. Heike Denscheilmann gibt außerdem Zeichenkurse in ihrem Atelier.


Webseite zur  Volkshochschule Heilbronn  hier, Website zu Heike Denscheilmann hier

 

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