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Kein Plastik, kein Problem?

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Der Joghurtbecher am Morgen, der To-Go-Kaffee auf dem Weg zur Arbeit, mittags eine Nudelbox und abends Salat aus der Tüte – fünfeinhalb Millionen Tonnen Verpackungsmüll sammelt die Abfallwirtschaft jedes Jahr in Deutschland ein. Baden-Württemberg lag 2015 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mit 74 Kilogramm pro Einwohner sogar über dem Bundesdurchschnitt (68 Kilogramm). Julia Weller hat getestet, ob sich dieser persönliche Wert beim Einkaufen in Heilbronn verringern lässt.

Verpackungsfrei 

 
Kiwis, Avocados, Bananen – all diese Lebensmittel haben eine natürliche Verpackung. Trotz ihrer widerstandsfähigen, nicht essbaren Schale werden diese Früchte beim Discounter um die Ecke auf Styroporschalen und in Plastikfolien verkauft. Besonders bizarr: Bio-Ware wird oft nur in Plastik gepackt, um sie von der billigeren Standardware abzuheben und unterscheidbar zu machen. Glücklicherweise lässt sich aber zumindest in der Kategorie "Obst und Gemüse“ in Heilbronn ganz einfach ohne Verpackung einkaufen: Der Wochenmarkt vor dem Rathaus (bis Ende April auf dem Kiliansplatz) hat dienstags und samstags bis 13 Uhr und donnerstags sogar bis 18 Uhr geöffnet.
 
"Manche Kunden bringen einen ganzen Korb mit und lassen den füllen“, erzählt Bauer Ulrich Fritz aus Untergruppenbach, der auf dem Marktplatz Obst und Gemüse verkauft. Zwar händigt er im Notfall auch Plastiktüten aus, lieber ist es ihm aber, wenn Kunden ihre eigenen Taschen und Behälter mitbringen. Leider sei das noch nicht sehr weit verbreitet: "Es ist erstaunlich, wie viele Leute am Samstag planen, auf den Markt zu gehen, ohne eine Tasche mitzunehmen“, so Fritz. Mein robuster Polyester-Shopper besteht zwar auch aus Kunststoff, dafür verwende ich ihn aber auch schon ein paar Jahre lang und habe ihn täglich in der Handtasche. Bauer Fritz könnte kiloweise Äpfel und Tomaten hineinfüllen. Aber was ist mit solchen Produkten, die klassischerweise immer in Plastik verpackt sind?
 

Hygienevorschriften 

 
Wurst und Käse zum Beispiel – der liegt nur hinter Frischetheken plastikfrei. Ich schnappe mir meine sauber ausgespülte Frischhaltedose und probiere es als erstes bei REWE. Ob die Verkäuferin mir ein Stück Käse in meine eigene Box packen könnte, statt es in Plastikfolie einzuschlagen? Nein. "Ich darf leider nichts vom Kunden über die Theke nehmen“, erklärt sie. Hygienevorschriften seien der Grund. Ähnlich sieht es bei Nothwang im Untergeschoss von Galeria Kaufhof aus: Erst willigt die Wurst-Verkäuferin ein, dann erinnert sie sich an das Verbot ihres Managements. Dafür habe ich gleich nebenan beim Frische Treff Glück: Hier gibt es Nüsse und Trockenfrüchte zum Selberschaufeln. Die Verkäuferin bietet an, meine leere Dose zu wiegen, damit ich sie anschließend befüllen kann. Und auch beim Heilbronner Teeladen nimmt man meinen Behälter gerne entgegen. "Die Kunden bringen oft ihre Beutel wieder“, erzählt die Verkäuferin, "dafür gibt’s dann ein bisschen mehr Tee.“
 
 
Ich wandere weiter in die Stadtgalerie und schaue mich nach einem möglichen Mittagessen um. Pizza auf beschichteten Kartonstücken, Pommes in Tüten, Nudelgerichte in Einwegboxen – jetzt kommt wieder meine eigene Dose zum Einsatz. Auf Nachfrage bieten mir alle Imbisse an, die Gerichte in meinen Behälter zu füllen. Nur bei McDonalds scheitere ich: Die Pommes gibt’s ausschließlich im rot-gelben Faltkarton. Ich entscheide mich stattdessen für eine Falafel-Box – genauer gesagt für Falafel, denn die Box bringe ich ja mit. "Ist besser so“, sagt die Verkäuferin bei Royal Kebab und schichtet Rotkraut in meine Dose. Gefühlt bekomme ich sogar mehr Salat, als in eine To-Go-Box gepasst hätte. Dazu gibt’s einen Kaffee von Tchibo – natürlich im mitgebrachten Becher, den die Verkäuferin gerne unter den Vollautomaten stellt.
 
Weil mich nach der Falafel Box die Lust auf eine Nachspeise packt, schaue ich bei Hussel herein. Die meisten Süßwaren sind bereits verpackt, die Pralinen hingegen gibt es in Selbstbedienung. Auch hier bietet man mir an, meine Dose zu wiegen – weil aber noch Salatsauce drin ist, suche ich weiter. Ich gehe zu Backwerk – normalerweise der Ort, an dem Verpackungsmaterial in absurdester Weise verschwendet wird. Papier auf Tablett, Backwaren drauf, Backwaren in Tüten, Papier wegschmeißen. Ob das nicht auch anders geht, frage ich an der Kasse. "Klar, Sie dürfen die Sachen auch gleich von der Zange in die Hand nehmen“, sagt der Verkäufer. "Nur bitte nicht direkt in die Auslage greifen.“ Na bitte. Gesättigt und mit gutem Gewissen gehe ich weiter einkaufen.
 

Haushaltswaren 

 
Nicht nur bei Lebensmitteln lässt sich Plastikmüll vermeiden, sondern auch im Haushalt: Spülmaschinentabs, Damenbinden, Zahnstocher – oft alles einzeln eingeschweißt. Dabei muss ich gar nicht lange nach Alternativen suchen. Spül- und Waschmittel gibt es auch als Pulver aus dem Karton – oder man stellt es gleich selbst her, zum Beispiel aus Zitronensaft und Apfelessig. Für eine müllfreie Periode gibt es Menstruationstassen. Die meisten Pflege- und Hygieneprodukte kann man auch in Groß- oder Nachfüllpackungen kaufen. Bei dm finde ich außerdem eine Bambuszahnbürste und Spül- und Haarbürsten aus Holz. Unverpackte Seife – auch für Körper und Haare – finde ich bei Seifen Reinhardt in der Oststadt. Und ein festes Stück Männer-Shampoo, liebevoll in Jutestoff eingewickelt, entdecke ich im Reformhaus Maier.
 
Dort bekomme ich außerdem auch etwas, mit dem ich gar nicht mehr gerechnet hätte: Unverpackten Käse aus der Frischetheke. Nicola Maier befüllt gerne von Kunden mitgebrachte Behälter – ob Käse in Dosen oder Brot in Leinensäckchen. Vor allem Studenten und junge Menschen würden ihre eigenen Taschen und Boxen mitbringen, erzählt ihr Mann Thorsten Maier. "Die älteren Kunden weniger, obwohl das ja die 68er sind“, sagt der Betreiber des Reformhauses. Dass viele Metzgereien und Käsereien sich mitgebrachten Behältern verweigern, kann er nicht verstehen: "Es gibt kein Gesetz, das das Befüllen verbieten würde.“ 

Fazit

Doch mein Experiment in Heilbronn hat gezeigt: Selbst in den Läden, wo Mehrwegdosen gerne gesehen sind, machen noch viel zu wenige Kunden mit. Das Bewusstsein für unnötigen Verpackungsmüll ist zu gering, der Aufwand wohl Vielen zu hoch. Dabei ist es überhaupt kein Problem, einen Jutebeutel, einen Mehrwegbecher oder eine Frischhaltedose in den Rucksack zu packen und bewusster einzukaufen – frei von Verpackungsmüll und einem schlechten Gewissen.
 

Hintergrund

Trockenvorräte – also Nudeln, Reis, Haferflocken und Müsli – fülle ich daheim schon seit Langem in wiederverwendbare Weckgläser. Allerdings nur, weil das schön aussieht – gekauft werden die Produkte trotzdem in Plastikbeuteln und –folien. In anderen Städten kann man diesen unnötigen Müll bereits vermeiden: Vielerorts haben sogenannte Unverpacktläden eröffnet, in denen man Lebensmittel und Pflegeprodukte direkt in eigene Behälter abfüllen kann. In Karlsruhe gibt es direkt am Bahnhof den Laden „UNVERPACKT“, in Stuttgart „Schüttgut“ in der Vogelsangstraße.
 
 
 
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