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Der Kampf um Freiheit

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Eigentlich beginnt für Jugendliche mit 18 Jahren das freie, selbstbestimmte Leben – zumindest in Deutschland. Dass diese Freiheit keinesfalls selbstverständlich ist, zeigt die Geschichte von Mohamed: Mehrere Male landete er in Ägypten im Gefängnis, er wurde geschlagen, mit Elektroschocks malträtiert, gedemütigt. Als Mohamed 18 Jahre alt war, begann für ihn der Kampf um Freiheit gerade erst.

Kampf um Demokratie und Freiheit 

Freiheit ist ein hart erkämpftes Gut – diese Erkenntnis wuchs in Mohamed, als es 2002 an der Tür klopfte. Hilflos musste der 18-Jährige zuschauen, wie Polizisten seinen Vater in Handschellen abführten. Der Grund: Er hatte in einer Oppositionsbewegung Freiheit, Demokratie und Menschenrechte eingefordert. Der in Ägypten autokratisch regierende Präsident Husni Mubarak versuchte, Oppositionsparteien zu unterdrücken. Einzige Ausnahme waren Parteien, die Mohamed abfällig als "Marionetten“ bezeichnet.

Also begann Mohamed, selbst aktiv zu werden. Erst bei den Muslimbrüdern – einer islamisch-konservativen Bewegung und die einzigen, die damals Widerstand leisteten – und später in der Bewegung "Jugend des 6. April“, die für Demokratie kämpfte. Er versuchte, die Menschen aufzuklären, zu zeigen, was es bedeutet, in Freiheit zu leben und ohne Angst seine Meinung äußern zu können. Und bezahlte prompt den Preis: Nach einer Demonstration gegen den Krieg im Libanon 2006 begegnete er der Grausamkeit des ägyptischen Gefängnisses zum ersten Mal. Schläge wetzten auf ihn ein, ein harter Strahl mit kaltem Wasser zerschoss die Haut. "Harmlos“, sagt er im Rückblick – denn das war erst der Anfang.

Zum Militärdienst eingezogen 

Das zweite Mal folgte: Junge Männer werden in Ägypten zum Militärdienst eingezogen. Das hieß für Mohamed: Ein Jahr lang kein Aktivismus, stattdessen strikter Gehorsam. Wenn der General zu den Rekruten sprach, musste Mohamed ihm reglos zuhören, 45 Minuten in Reih und Glied verharren. Das schaffte er, bis eine Fliege ihn neckte. Die Finger zuckten, die Hand folgte dem Impuls. Die Augen des Generals blitzten gereizt, er schrie. Vier Tage Einzelzelle.

Folter und Polizeischikane führten so weit, dass in der ägyptischen Stadt Alexandria der junge Khaled Said von Polizisten zu Tode geprügelt wurde. Kurze Zeit später brach in Tunesien die Revolution aus, dadurch fühlten sich auch die Aktivisten in Ägypten ermutigt: Per Facebook riefen Saids Bekannte am 25. Januar 2011 zum Protest auf, eigentlich ist das der Festtag der Polizei. Vor allem Mohameds Bewegung "Jugend des 6. April“ verbreitete den Aufruf. "Wir waren motiviert, weil das in Tunesien passiert ist“, erinnert er sich.

Erfolg 

Die staatsgelenkten Medien halfen unbewusst: "Es gibt Verräter in diesem Land, die am 25. Januar zu einer Demonstration aufgerufen haben“, berichteten sie, erzählt der inzwischen 32-Jährige mit einem Schmunzeln. Bis in die Morgenstunden des nachfolgenden Tages brüllte Mohamed auf der Straße für seine Rechte, zusammen mit Zehntausenden, die auf den Tahrir-Platz in Kairos Zentrum stürmten. Sicherheitskräfte schossen von Häuserdächern auf die Demonstranten, mehrere hundert Menschen verloren ihr Leben.

Kurze Zeit später gab Mubarak der wütenden Masse nach, er trat zurück. "Wir haben so krass geweint“, sagt Mohamed. "Das war für mich der größte Tag meines Lebens.“ Vor allem eines blieb ihm in Erinnerung: "Das war das erste Mal, dass ich mit erhobenem Kopf durch die Straßen gelaufen bin“, sagt er und fügt leise hinzu: "Ohne Angst.“

Militärputsch und Massaker 

Seine Euphorie sollte jedoch nicht lange währen. Bei den ersten freien Präsidentschaftswahlen in Ägypten wurde im Juni 2012 Mohammed Mursi zum Staatsoberhaupt gewählt. Ein Muslimbruder, der das ägyptische Volk mit nicht minder harter Hand regierte. Im Juli 2013 putschte das Militär und setzte Mursi gewaltsam ab.

Daraufhin bauten die Muslimbrüder Protestcamps, die jedoch von den Sicherheitskräfte geräumt wurden. Die Räumung am 14. August endete in einem Massaker: Mehr als 600 Menschen wurden erschossen – der Regierung zufolge. Human Rights Watch berichtet von mehr als 900 Toten, Mohamed sagt, es waren mindestens 2.000. Egal, wie viele es letztendlich waren, jeder Einzelne war für Freiheitskämpfer wie Mohamed einer zu viel: "Wir forderten zwar, dass Mursi entmachtet und es eine frühere Präsidentschaftswahl gibt. Aber wir wollten weder einen Putsch noch ein Massaker.“

Also rief die Jugendbewegung erneut zum Protest auf. Am 16. August 2013 zog Mohamed mit Gleichgesinnten in Richtung Tahrir-Platz. Für viele ein Weg in den Tod: Von Häuserdächern und aus Hubschraubern knallten Sicherheitskräfte die Demonstranten nieder. Mohamed stand mit an vorderster Front. Um ihn spritzte das Blut, einige seiner Freunde stürzten zu Boden. Wie durch ein Wunder überlebte Mohamed. Durch die Hölle ging er in den darauffolgenden Tagen dennoch: Sicherheitskräfte legten ihm Handschellen an.

Tägliche Folter 

Neun Tage verbrachte er zusammengekrümmt auf dem kalten Steinboden einer Zelle. 30 Menschen pferchten sich in den bestialisch stinkenden Raum, ohne Matratze, Decke oder Toilette. Für den Stuhlgang stand ein Eimer bereit. Viel Zeit in der Zelle verbrachte Mohamed nicht: Früh am Morgen zerrten die Sicherheitsbeamten die Gefangenen heraus. Mehr als zehn Stunden Folter warteten: Elektroschocks, Schläge, und "alles Mögliche, was du dir vorstellen kannst.“ Mohamed fällt es schwer weiterzureden, allein die Erinnerung schmerz. Früher hätten die Beamten noch auf das Leben der Häftlinge geachtet, nun "ist es ihnen scheissegal, ob die Leute sterben.“

Freiheit durch Studium in Deutschland 

Mohamed hatte die Zeit im Knast überlebt, doch innerlich fühlte er sich tot: "Die Situation im Gefängnis in Ägypten ist so schlimm, dass man sich wünscht, lieber auf einer Demo zu sterben, als im Gefängnis gefoltert zu werden.“ Er bewarb sich für ein Studium in Deutschland. "Ausrede war das Studium, aber für mich war das eine Art Flucht.“ Mittlerweile schreibt er an seiner Doktorarbeit und will das Recht, seine Meinung frei zu äußern nicht mehr missen: "Das ist die Freiheit, die ich mir gewünscht habe: Dass ich sagen kann, was ich will. Ohne Angst zu haben und ohne, dass mir dadurch geschadet wird.“ Um sich diese Freiheit zu wahren, verzichtete er sogar auf Jobangebote aus anderen Ländern. 

Richtig genießen kann er sie jedoch nicht. Nicht, solange in seinem Heimatland Menschen zu Tode gefoltert werden. International hat Ägypten mittlerweile an Aufmerksamkeit verloren, der frühere Militärchef Abdel Fattah al-Sissi ist an der Macht, Menschenrechtsorganisationen sind seit 2016 verboten. Statt Freiheit herrscht in Ägypten die Angst, mehr denn je: "Die Leute werden auf der Straße erschossen, einfach so. Das passiert jeden Tag.“

 

 

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